Bildung Zahlenspiele

Kleinere Klassen verbessern den Schulunterricht? Schön wär’s!

Lehrer müssen lernen, individualisierten Unterricht zu machen. Kleine Klassen allein helfen nicht

Lehrer müssen lernen, individualisierten Unterricht zu machen. Kleine Klassen allein helfen nicht

Es gibt gewisse Sätze, die können Lehrer in Rage bringen. Sätze, die heilige Kühe angreifen und all ihrer Erfahrung Hohn zu sprechen scheinen. In den Ohren von Lehrern klingen solche Aussagen, als wolle man ihnen weismachen, die Sonne scheine grün oder Wasser fließe flussaufwärts. Hier kommt so ein Satz: Kleinere Klassen verbessern nicht die Qualität des Unterrichts.

Eine Ungeheuerlichkeit! Doch genau diese Aussage macht der neueste Bericht der hessischen Schulinspektion. Wie kommen die Gutachter zu diesem Befund?

Wie in vielen Bundesländern besuchen auch in Hessen Teams aus Kultusbeamten, ehemaligen Schulleitern und Elternvertretern die Schulen. Sie befragen Lehrer und Schüler, analysieren Leistungsdaten, schauen sich den laufenden Unterricht an. Viel Gutes – pädagogisches Engagement, ein positives Schulklima – sahen die Inspektoren. In einem Punkt jedoch gab es deutliche Mängel: bei der individuellen Förderung. Nur in gut einem Drittel der getesteten Schulen wurden die Lehrer den unterschiedlichen Leistungsniveaus der Schüler gerecht. Damit bestätigen die Hessen, was auch anderswo immer wieder zum Vorschein kommt. Zu wenige Lehrer in Deutschland beherrschen die pädagogische Kunst, den Unterricht so zu gestalten, dass gute Schüler sich nicht langweilen und leistungsschwächere nicht abgehängt werden.

Kein Wunder, entgegnen viele Lehrer, daran sei die Klassengröße schuld. Wenn 30 oder gar mehr Schüler sich gleichzeitig um die Aufmerksamkeit eines Lehrers bemühten, könne der sich ja wohl kaum um jeden Einzelnen individuell kümmern. Macht die Klassen kleiner!, heißt daher die populäre Forderung von Pädagogen wie Eltern.

Doch nur weil ihnen weniger Schüler gegenübersitzen, wechseln Lehrer nicht ihren Arbeitsstil. Die hessischen Inspektoren jedenfalls fanden keinen Zusammenhang zwischen der Klassengröße und der Unterrichtsqualität. Damit bestätigen sie, was Dutzende wissenschaftliche Studien vorher herausgefunden haben: Kleine Klassen reduzieren die Zahl der zu bearbeitenden Klausuren und Zeugnisse, sie schonen die Nerven der Lehrer und erhöhen deutlich ihre Arbeitszufriedenheit. Den Unterricht und seine Ergebnisse verbessern sie freilich nur selten.

Denn die meisten Lehrer haben es nicht gelernt, Schüler nach Leistung und Interesse differenziert in einer Klasse zu fördern. Zu viele Pädagogen glauben zudem nicht einmal, dass dies überhaupt möglich ist. An beidem ändert sich nichts, allein weil die Klassenstärke in allen Schulen um, sagen wir, fünf Schüler sinkt.

Eine solche Schrumpfung würde die Einstellung von Zehntausenden neuer Lehrer erfordern und jedes Jahr eine gute Milliarde Euro kosten – eine Summe, die sich auch anders sinnvoll anlegen ließe: für richtige Ganztagsschulen etwa, zusätzliche Sprachkurse für Migrantenkinder oder Sozialarbeiter und Psychologen. Eine Investition in kleinere Klassen ist dann gerechtfertigt, wenn sie mit einer Reform des Unterrichts verbunden ist. Sonst schluckt das System das zusätzliche Geld – und es bleibt (fast) alles beim Alten.

 
Leser-Kommentare
    • Kirk77
    • 08.04.2009 um 23:25 Uhr

    Gute Analyse. Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen. Ich bin jetzt auch schon fast ein Jahrzehnt Lehrer an einem Gymnasium und finde mich in vielem wieder. Auch bei mir ändert sich der Unterrichtsstil nicht dadurch, dass ich 22 statt 32 unterrichte. Nach meinem subjektiven Eindruck ist es auch nicht so, dass die 22 am Ende des Jahres mehr wüssten als die 32. Natürlich ist der Unterricht für den Lehrer (aber auch für die Schüler!) in kleinen Klassen angenehmer und entspannter. Eine „deutliche Erhöhung der Arbeitszufriedenheit“ kann ich bestätigen, verstehe aber auch, dass dies für Kultusminister und die (die Gehälter zahlende) Öffentlichkeit kein entscheidendes Argument ist. Wenn schon derart investiert wird, möchte man natürlich konkrete Vorteile für die Schüler sehen.
    Aus der Sicht erscheint es mir auch sinnvoller, die Mittel in Fortbildung und Unterstützung der Lehrer zu investieren.

    Auch ich gehöre zu denen, die sich nicht recht vorstellen können, wie echte individuelle Förderung funktionieren soll. Wenn ich mir mal die 5 Punkte in http://www.zeit.de/2009/1... anschaue, so ist „Binnendifferenzierung“ und „Freiarbeit“ kein Problem – das mache ich auch regelmäßig. Aber ehrlich gesagt ist es auch nicht wirklich individuell, wenn ich sage „Die Aufgaben 1 und 2 sollte jeder beherrschen und wer eine Herausforderung sucht, macht noch 3 und 4.“
    Bei „Gesprächen zum individuellen Leistungsstand“ kann ich nicht mithalten. Ich unterrichte 100-200 Schüler, teilweise nur 2 Stunden die Woche. Insbesondere bei den 2-stündigen Fächern kann ich den Leistungsstand meist nur grob einschätzen. Eine echte Analyse der persönlichen Stärken und Schwächen kann ich in vielen Fällen gar nicht leisten.

    Ich habe vollstes Verständnis für den Wunsch nach einer individuellen Förderung. Meine Kinder sind noch nicht in der Schule, aber natürlich wünscht man sich als Vater, dass der Lehrer das Kind als Individuum wahrnimmt und es seinen Stärken und Schwächen entsprechend fördert. Als Lehrer muss ich sagen, dass man oft damit ausgelastet ist, einen gut strukturierten Unterricht in ruhiger Lernatmosphäre zu gewährleisten. Dies gelingt mir meistens und ich bekomme regelmäßig positive Rückmeldung von Schülern und Eltern. Eine individuelle Förderung bleibt meist Wunschdenken. Von Schülern und Eltern wird das nicht bemängelt – sie kennen es nicht anders. Aber ich selbst würde mir mehr wünschen. Nur weiß ich nicht, wie ich diese Individualisierung mit vertretbarem Aufwand erreichen kann.

    • PH
    • 09.04.2009 um 9:37 Uhr

    Auch mein Unterrichtsstil hat sich nicht wesentlich geändert, wenn ich 22 statt 32 Schüler vor mir sitzen hatte.

    Die Unterrichtsatmosphäre ist mit der kleineren Klasse aber schon viel besser! Es ist deutlich ruhiger im Zimmer, alle (auch ich) konzentrieren sich mehr und die Kinder beteiligen sich häufiger am Unterrichtsgespräch. So wird auch der Lernerfolg größer.

    Der Unterrichtsstil - mit dem Ziel der jetzt viel beschworenen Individualisierung - kann sich aber erst ändern, wenn die Klassenstärke auf etwa 12 gesunken ist.

  1. Nur wenige Schreiberlinge beherrschen die Kunst Texte zu verfassen, die verschiedenste Menschen interessiert lesen. Also lasst uns das Geld sparen und bunte Bilder malen!

  2. Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet kann individuellere Betreuung entsprechend der Leistungsstärke doch nur bedeuten, dass die individuelle Betreuungszeit pro Schüler zunimmt.

    Eine Möglichkeit um dies zu ermöglichen ist sicherlich eine kleinere Lerngruppe, das kann man drehen und wenden wie man will.

    Die Daten möchte ich sehen, die einen anderen Schluss zulassen.

  3. Wenn man diesen Artikel ernst nimmt, dann könnte die Schule der Zukunft doch folgendermaßen aussehen: Für alle Paralllelklassen gibt es nur einen Lehrer, der gleichzeitig in allen Parallelklassen unterrichtet über Whiteboard und dabei unterstützt wird durch Schulassistenten in den einzelnen Klassen.
    Das wäre wenig kostenintensiv.
    Mir ist bis heute nicht klar, wie man in Klassen mit 32 Schülern leistungsstarke und leistungsschwache gleichzeitig fördern könnte mit voller Erreichung der Lernziele der Klasse.
    Bedenken sollte man auch, dass Befragungen von Arbeitnehmern sowie von Schülern erbracht haben, dass lediglich 15% bis zu 18% dieser Befragten angegeben haben, dass sie gern ihre Arbeit verrichten bzw. in die Schule gehen. Das scheint eine unveränderliche menschliche Größe zu sein. Von Lehrern wird aber erwartet, dass sie alle Schüler vor dem Lernen zu Beginn jeder Stunde neu motivieren sollen, was wegen der Befragungsergebnisse schlicht nicht möglich ist.
    Wenn ein Bildungsökonom in der Zeit dann noch fordert, dass gute Lehrer besser besoldet werden, dann ist das ein Hohn, wenn man bedenkt, dass im Artikel davor festgestellt wird, dass es völlig offen ist, wie der gute Lehrer bestimmt werden kann.
    Niedersachsen hat vor Jahren die Besoldung der Lehrer um 10% gekürzt,
    um besonders engagierte Lehrer zu belohnen. Das Geld ist im Landeshaushalt verschwunden und nie ausgezahlt worden.
    Wie anstrengend ohnehin dieser Beruf ist kann man doch daran ablesen, dass junge belastbare Lehrer in vielen Fällen ihre Unterrichtverpflichtung reduzieren, weil sie sonst ihr Pensum nicht schaffen. In welchem Beruf gibt es das noch?

    • WNYC
    • 14.04.2009 um 9:24 Uhr

    Ich unterrichte seit 8 Jahren in kleinen Klassen (zwischen 6-15 Schüler) Deutsch an einer Privatschule, und natürlich ist der Unterricht besser verglichen mit dem, was ich vorher mit 28 machen konnte. Unterrichten heisst auch, dass wir die von der Gesellschaft geforderten sozialen Kompetenzen vermitteln. Oder sozial gestörte Schüler besser behandeln. Und jeden erreichen. Alles ist besser in den kleinen Klasse nicht nur für den Lehrer sondern auch für die Schüler.

    Wer immer diesen Artikel geschrieben hat, sollte sich nicht nur auf hessische Untersuchungen beziehen sondern auch mal ein bisschen recherchieren. Katastrophale undurchdachte Artikel sind keine Hilfe, unsere Bildungsmisere zu beheben.

  4. Ich bin mir übrigens sehr sicher, dass der Bericht der Hessischen Schulinspektion nicht berichtet, dass die Lehrer die geforderten methodischen und didaktischen Instrumente nicht beherrschen, sondern dass sie sie bei kleineren Klassen nicht einsetzen. Darauf könnte ich wetten. Warum das so ist, darüber könnte man diskutieren. Aber bitte jenseits der Phrasendrescherei "Überbezahlung", "Beamte" und "alle doof"...

    Worauf ich ebenfalls wetten könnte, ist, dass jetzt wohlfeil mal eben die Klassenfrequenz erhöht wird. Die Klassengröße entscheide ja nicht über den Bildungserfolg...

  5. Gemeint ist natürlich der Quark, den Thomas Kerstan schon in der 14/2009 breitgetreten und für den er hier zu Recht massive Kritik geerntet hat

    http://kommentare.zeit.de...

    und der nun von Martin Spiewak neu aufgeplustert wird: Whow, jetzt sind es sogar schon "Dutzende wissenschaftlicher Studien", die angeblich belegen, dass kleinere Klassen den Unterricht nicht verbessern - Herr Kerstan konnte nicht einmal drei, zwei, ein überzeugende(s) Beispiel(e) nennen.

    Ich will ja gar nicht bestreiten, dass eine Reduzierung von den hier immer wieder genannten 32 Schülern (Himmel, in welchem Bundesland ist denn das heutzutage noch die Regel?) auf 27 Schüler keinen nennenswerten Effekt hat - auch da sieht man die Bäume vor lauter Wald eben nicht. Aber vielleicht von 32 auf 20???

    Wohlgemerkt, es geht um den Effekt, nicht darum, ob die Abwägung zwischen Kosten und Nutzen zugunsten der kleineren Klassen ausfällt. Und: Ja, eine bessere Lehrerausbildung ist dringend erforderlich. Was mich aber stört, ist diese penetrante, undifferenzierte, unseriöse Plakativität, mit der die Behauptung immer wieder vorgetragen und dann unzulässigerweise auch noch mit der Kosten-Nutzen-Relation vermengt wird. Im Übrigen sei einfach auf den Link verwiesen, wir müssen uns - im Gegensatz zu dafür vermutlich bezahlten Journalisten - ja nicht ständig wiederholen.

    JoshWolf, SLDD

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service