Händel ist ein Gigant und war es schon für seine Zeitgenossen. Welcher Musiker wurde zu Lebzeiten in Bronze gegossen und als Denkmal verehrt? Damen der besten Gesellschaft prügelten sich um Einlass zu seinen Opern und Oratorien. Händels Anhängerschaft definierte sich als Partei im Staate; nach seinem Tode wurde er zum Staatskomponist aller. Noch heute halten sich einige seiner Erfindungen wie Pophits im Massenrepertoire, das Halleluja aus dem Messias und die ersten Takte zu dem Krönungsanthem Zadok The Priest, die als Erkennungsmelodie der Fußball-Champions-League geschändet oder (je nach Blickpunkt) auch geadelt wurden.

Händel, so mühelos er die 250 Jahre seit seinem Tode überlebt hat, fast ohne Unterbrechung der Wertschätzung, verehrt von Komponisten, geliebt vom Publikum, ist doch kein unbestrittener Klassiker. Händels Musik hat etwas Freies, etwas Souveränes und Königliches: Das ist unromantisch. Händels Musik ist groß in Einfachheit: Das missfällt den Intellektuellen. Sie ist überwältigend und mitreißend: Das erregt politischen Verdacht. Sie ist süß, üppig: Das zeugt von schlechtem Charakter. Vor allem aber: Sie strengt nur selten an, und das ist für alle Epochen, denen Herausforderung und Strapaze als Kunst gelten, ein sicherer Hinweis auf Banalität und Kitsch.

Die immerwährende Konkurrenz zwischen Händel und Bach

Wunderbarerweise ist aber gerade dieses Händels Musik nie: kitschig oder banal, und es gibt auch keinen Verächter seiner Musik, der das zu behaupten wagte. Die Verächter Händels sind, was Geschmack und Kunstsinn seiner Musik anlangt (zumindest den Kunstsinn seiner Zeit), überhaupt in keiner guten Lage – aber sie haben etwas, womit sie sich trösten können: Die Lage seiner Bewunderer ist nicht besser. Es ist nämlich schwer, über Händel zu diskutieren. Die Schönheit seiner Musik lässt sich nicht beweisen – und nicht widerlegen. Sie wird empfunden oder nicht empfunden; vom Gegenteil kann man jedenfalls mit Argumenten niemand überzeugen. Sie ist, philosophisch gesprochen, ein Evidenzerlebnis und meistens etwas ganz Einfaches, jedenfalls nicht das Ergebnis einer Vertracktheit.

Insofern hat es Händel einfacher und zugleich schwerer als Bach. Er erschließt sich, wenn er sich erschließt, spontan. Die Bewunderung für Bach ist dagegen nicht allein auf die Ohren angewiesen; sie lässt sich steigern oder sogar wecken, indem man auf die enormen Schwierigkeiten, Schikanen, künstlichen Erschwernisse aufmerksam macht, die Bach sich auferlegte und bravourös meisterte. Solange das Publikum akzeptiert, dass Kunst auch oder sogar wesentlich im Komplizierten besteht, hat Bach kein Akzeptanzproblem. Er hat, wie es schon die Zeitgenossen wussten, gelehrte Musik geschrieben, und ihre Größe lässt sich in diesem Sinne, nach Maßgabe der Gelehrsamkeit, noch heute akademisch beweisen. Das ist bei Händel schwer möglich, und dieser Umstand hat von jeher die Gelehrten misstrauisch gemacht.