Belletristik Diese verhexte Lust

John Updikes letzter Roman ist arg pornografisch – und großartig.

John Updike, "der Schöpfer des Mitleids", starb im Januar

John Updike, "der Schöpfer des Mitleids", starb im Januar

Eine seltsame Beklemmung – keiner Logik folgend – legt sich mir auf die Brust beim Lesen dieses nachgelassenen Updike-Romans. Er landet auf dem Schreibtisch des Kritikers wie eine Flaschenpost: Die Sprache, der Text so klar, so hinreißend ausgearbeitet wie eh und je die Sätze dieses großen Meisters; aber der ist vor Kurzem gestorben. Ich benutze Vokabeln wie seltsam oder unlogisch nicht zufällig – denn unsereins hat ja auch über Thomas Mann oder Kafka oder Gottfried Benn nachgedacht, als sie nicht mehr lebten. Es stiftet auch keine Verwirrung, Marlene Dietrich als Zeugin der Anklage , Marlon Brando als den Paten noch einmal in perfekter Lebendigkeit zu sehen, obschon sie lange tot sind.

Vielleicht liegt es an der Helligkeit seiner Menschenbilder, der geradezu monströsen Klarsicht seiner Charakterzeichnungen, dass man den auf stille Weise abgründigen, durchaus auch bösartigen Ostküsten-Amerikaner im Tweed schlechterdings zu hören meint, die Bewegungen, Allüren, Ticks seiner Figuren ganz deutlich sieht – das lebt. Licht kann doch nicht tot sein? Updike ist in allem, was er schreibt, ein klangfanatischer Wortsetzer wie ein Menschen zeichnender Kaltnadelradierer. Es hat ja kein anderer amerikanischer Schriftsteller seiner Generation so eminente Studien zur Malerei verfasst. Dieser Augenmensch – ein Artist, den man zwischen Colvilles gefrorenen Figurinen und den Grässlichkeits-Ensembles von Kienholz platzieren möchte – ist so schockierend präsent. Diesen genialisch präzisen Kunstsinn führt der letzte Roman noch einmal vor. Federleicht, messerscharf.

Mit nur scheinbar schwereloser Detailversessenheit fängt er gleich zu Beginn des Romans den Leser ein, den er zum Komplizen seiner Beobachtungswut macht – ob die drei Witwen aus den Witwen von Eastwick sich nicht unfroh ihrer verblichenen Ehemänner erinnern, »die nicht sehr haltbar waren«, oder ob die eine den ihren ganz gerne aus ihrem Herzen verdrängt: Jener »Jim Farlander [], den sie sich zusammengezaubert hatte aus einem ausgehöhlten Kürbis, einem Cowboyhut und einer Prise Westernerde, abgekratzt von der Innenseite der hinteren Stoßstange eines Pickup-Truck mit Colorado-Kennzeichen, der an der Oak Street geparkt war und damals, in den frühen Siebzigern, ominös deplatziert gewirkt hatte, war, wie sich zeigte, als ihre Ehe sich gesetzt und gefestigt hatte, nur mit Mühe herauszuholen gewesen aus seiner Keramikwerkstatt und dem spärlich besuchten Töpferwarenladen an einer Seitenstraße in Taos, New Mexico«. Besser kann eine Clint-Eastwood-Sequenz nicht sein. Updike hat mit der lässigen Souveränität des Meisters eine ganz wundersam wirkungsvolle Mechanik der Wort-Fotografie entwickelt; mal ist es ein Schnappschuss: »Sie fühlte sich formlos in ihrem Nachthemd, eine blasse Wolke im Spiegel. Ihr Körper in dem langen Gewand dünstete den süßlichen schalen Geruch aus – wie Blumenkohl in kochendem Wasser oder wie die Unterseite eines Wachstuchs« – und mal sind es weit ausschwingende Kameraeinstellungen, die uns ein Stück Amerika ins Hirn brennen: »Aus dem Weg wurde ein Waldweg – Weißfichten, Douglastannen, Papierbirken, zitternde Espen, ein Schaum kleinblättrigen Unterholzes und an einer Stelle, wo das Sonnenlicht hinfiel, eine dichte Gruppe von Drehkiefern, gerade und schlank; einige waren, erstickt vom eigenen Schatten, in den See gestürzt und versperrten das Ufer, wo kleine Wellen Netze aus sich brechendem Sonnenlicht über einen flachen, mit runden Steinen bedeckten Grund warfen.«

Man darf nämlich den Roman getrost als ein mäanderndes großes Prosagedicht über Amerika lesen, gewissermaßen eine Paraphrase zu Walt Whitmans »Ich singe das Selbst, das schlichte Einzelwesen… Ich höre Amerika singen, hör seine mannigfaltigen Lieder«.

Ketchuptriefende Szenen in einer Welt von gottverlassener Wirklichkeit

Es ist doch nur die wirklich große Liebe, die auch der Fähigkeit zu Sottise und Karikatur Raum gibt. Beides braucht Kraft. Wenn Updike zeitlebens und die Zeitspanne seines monumentalen Werks hindurch – nicht nur im Rabbit- Klassiker – das zeitgenössische Amerika grimassieren lässt, dann hat er dennoch nie verleugnet, dass es sein Land ist, dessen Antlitz er zugleich zärtlich formt.

So hier. Die Story des Romans ist einfach. Die drei Witwen, über lange Jahre durch brave, geschiedene, neu geschlossene Ehen voneinander getrennt, auseinandergedriftet im Ablauf der Zeit, während sie – unumsorgte – Kinder bekamen, Sexabenteuer wie Fast Food absolvierten und, mit der Ausnahme der einen reichen Erbin, sich in einer middle class- Existenz einrichteten: Diese drei nun ältlich gewordenen Frauen beschließen, wieder eng befreundet zu sein; auch über telefonüberbrückte Entfernungen hinweg. Das ist zuweilen von der grausen Komik hängebusiger Dix-Modelle, zuweilen berührend hilflos und dann wieder so zänkisch im Freundinnen-Ton »Ach, Liebste«, wie man es neudeutsch stutenbissig nennt. Allein die Gespräche, Telefonate, gelegentlich Briefe, die der Autor sich ausdenkt, sind Kabinettstücke eines Anverwandlungskünstlers.

Seine ganz große Kunst nun aber besteht darin: Mit immer wieder aufs Neue bestürzender Akkuratesse malt Updike die Ödnis der amerikanischen Provinzstädte, die aus grocery store, Supermarkt, Tankstelle und jenen billig gebauten Holzhäusern bestehen, die man Garage mit Wohngelegenheit nennt. Am Ortsrand die paar besseren Häuser der Reichen mit dem Kaufhaus-Charme der stets gleich gepflegten Vorgarten-Rasen und Ziersträucher. Es ist nicht jene »sentimentale Authentizität«, wie das kürzlich der Maler Gerhard Richter in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung taufte. Es ist gottverlassene Wirklichkeit. Das Wort ist nicht zu laut, wenn man sich klarmacht, dass Updike ein gläubiger Christ war. So ist Updike-Country ein Trost-loses Land in des Wortes unmittelbarer Bedeutung – und hat doch einen Schöpfer des Mitleids; denn seine Menschen sind Trost-bedürftig in ihrer Verlorenheit.

Im Roman schickt er seine drei ältlich, faltig, dürr oder fett gewordenen Witwen auf die Suche nach Ersatz. Die Ausfluchten heißen Reisen oder Sex. Schlechterdings grandios, wie der Autor die Reisebüro-Lyrik gegen den Strich bürstet, ob er die Damen nun nach Ägypten oder gar China aufbrechen lässt. Einerseits sind diese Passagen – Pars pro Toto die Seiten 80 bis 85 – hochkomisch, wenn das obligate Kamel mit dem »kubistisch unterteilten, samtigen Gesicht« bestiegen wird oder die Pharaonen »mit nackten Schultern, breiten Gesichtern, hohen Wangenknochen und einem Anflug von katzenhaftem Lächeln« fassungslos bestaunt werden. Die ziemlich gnadenlos beschriebenen Touristen sehen viel, aber sie erblicken nichts. Sie bleiben eingeschlossen nicht nur in ihre klimatisierten Busse und Mückenstichhotels, sondern auch in den Kokon ihrer middle class- Erlebnisarmut. Das ist andererseits auf bedrückende Weise traurig; zeigt uns der Autor doch Menschen in ihrer zur Stumpfheit abgeschliffenen Wahrnehmungsunfähigkeit – eine Art Massenware, die Massenwaren von Andenkenkitsch kaufen. Seine Reisenden erinnern an die Anekdote, in der eine amerikanische Touristengruppe nach dem scheußlichen Essen in Paris und den anschließenden Erfahrungen in Pekinger Restaurants mit ihren rohen Fisch- und lebenden Krebs-Angeboten beim Rückflug in Tränen der Dankbarkeit ausbrach, als die Stewardessen den bald glücklich Schmatzenden die ketchuptriefenden, schmelzkäsetropfenden Hamburger servierten. Kaum je kommentiert Updike das, und wenn, dann in so kurzen wie schneidenden Aperçus: »Das Leben an sich, mit all der Nahrungsaufnahme und Fortpflanzungstätigkeit, war der Inbegriff von Überflüssigkeit. Ein Krebs.«

John Updike ist also Situationist. Obwohl er großartige Essays geschrieben hat, gelegentlich auch scharf urteilende Buchkritiken, reflektiert er hier nicht, sondern beschreibt. Mehr Balzac als Flaubert. Er psychologisiert auch nicht. Das alles überlässt er dem Leser.

Da sind zwei Wörter gefallen, über die es einen Moment nachzudenken gilt. Krebs und Sex. Die Krankheit – oder die Angst vor ihr – beschreibt er voll wütendem Abscheu, Ekel gar. Aus den mir vorliegenden Unterlagen geht nicht hervor, ob Updike an dem Buch arbeitete, als er von der eigenen Krebserkrankung schon wusste. Der Hass, mit dem er die blutende, schmerzende Wucherung im Körper angeht, einer kräftezehrenden Schwangerschaft gleich, die aber nicht Leben gebiert, sondern den Tod annonciert – diese Anklage des Widrigen deutet darauf hin. Auch der Umstand, dass ihn im letzten Drittel des Romans die gestalterische Kraft verlässt.

Dieser artistische Knick hängt mit dem zweiten Wort zusammen. Sex – als Komikgymnastik, als Nicht-Nähe, als grundlegendes Missverständnis möglicher Gemeinsamkeit – war ja immer konstituierender Bestandteil seines Œuvres. Seine Darstellung, da sich dem Psychologisieren verweigernd, unterschied sich ganz wesentlich von der des Kollegen Philip Roth, der sich jener unheimlichen Verfallenheit an Abgründe und Finsternisse nie versagte. Hier nun werden die Witwen von Eastwick zum einen zu Hexen gemacht – ohne jegliche epische Logik (außer vielleicht in Anlehnung an seinen früheren Roman Die Hexen von Eastwick); der Leser wird allein gelassen mit dem unerläuterten, auch kümmerlich beschriebenen Rätsel, ob die drei einsamen Frauen sich nur ein leicht anrüchiges Spiel zum Vertreiben der Langeweile ausgedacht haben, Räucherstäbchen und Besenstiel statt Bridge – oder ob hier tatsächlich Untergründiges geschieht. Die Methode der Beschreibungsliteratur reicht nicht aus für das Magma existenzieller Urgründe. Updike hat jenen Spiegel, den Zola als Instrument zum literarischen Erfassen der Welt ausrief, sehr blank poliert. Er hat aber keine Spiegel in solche Scherben zersplittert, die Blut und Tod verursachen. Zwar stirbt sogar eine der Damen während des nicht recht begreifbaren Zauberspiels – doch Updike wirft sie eigentlich weg wie eine zerbrochene Puppe. Das ist mehr zirzensisch als kunstvoll.

Der Orgasmus ist hier kein kleiner Tod – sondern Sport

Folgerichtig werden die Sexszenen auf läppische Weise sportiv. Sie haben nichts mehr von jener trauervollen Dämonie, die im französischen »la petite mort« für Orgasmus anklingt. Wobei sich etwas höchst Verwunderliches in den Vordergrund drängt, was mir schon bei früherer Updike-Lektüre aufgefallen ist, wenn auch nicht so grell: John Updike ist schwanzfixiert. Bereits in früheren Arbeiten bestaunte er eher das markant sich abhebende männliche Glied in einer »europäischen«, also eng anliegenden Badehose als – immerhin auch erkennbar – den Tanga-Po einer jungen Grazilen. Als habe ein Schriftsteller versucht, Jean Cocteaus überdeutliche Penis-Armee aus seinen erotischen Zeichnungen (die ein Buch dieses Titels füllen) in Worten aufmarschieren zu lassen, ragt im Roman ein ganzer Wald stets in diesem Vokabular gefeierter immer mächtigerer, strammer, dicker, steifer Schwänze. Vor allem eine der frustrierten Witwen massiert, bläst, lutscht, leckt, masturbiert diese geradezu obsessiv beschriebenen Riesenruten, bis sie in den Mund, ins Haar, aufs Gesicht spritzen. Dieses literarische »Oral Office« ist kein Raum kraftvoller Lust, wird vielmehr erblickt durch den Voyeurspiegel eines Vorstadtbordells. Ich finde diese Szenen sabbernd und degoutant, weil grob.

Es fällt ziemlich schwer, so energischen Einspruch zu erheben gegen einen Schriftsteller, dessen Prosakunst, dessen sprachliche Equilibristik einen verzaubert – verhext? – hat über so viele Jahrzehnte. Es kann auch meinen Respekt nicht mindern vor dem Werk eines singulären Stilisten; man soll – zumal im Alter – einen Künstler immer am Gelungenen messen, nach oben schauen und nicht nach unten. Und da oben ist viel. Wie viel auch im letzten Roman, soll dieses Zitat zeigen – nicht zuletzt, um auch die vorbildlich gelungene Übersetzung von Angela Praesent zu preisen:

»Um Touristen anzuziehen und die Einheimischen zu unterhalten, presste Eastwick (wie auch andere stellenweise hübsche Orte überall in New England) allerlei Festlichkeiten aus der Retorte in den August, als gälte es, das Fehlen von Feiertagen in diesem Monat auszugleichen. Als Ereignisse hatten es weder der Abwurf der beiden Atombomben noch das darauf folgende Ende des Zweiten Weltkriegs je zu roten Zahlen im Kalender gebracht. Dafür wurde jedoch intensiv für Rundfahrten zu den verlassenen Tuchfabriken geworben, die man in Museen verwandelt hatte, wo inmitten der stillstehenden Maschinen Ausstellungsvitrinen und vergrößerte Fotografien von der industriellen Vergangenheit erzählten. In einstigen landwirtschaftlichen Gemeinden wurden frühe Erntefestessen und Landwirtschaftsmessen veranstaltet, obwohl die Anzahl der Teilnehmer am Wettbewerb um den größten Kürbis oder das bestgepflegte Schwein von Jahr zu Jahr schrumpfte, ebenso wie die der Meldungen zum Schafschur-Wettbewerb und zum Maultier-Ziehen.«

Das muss man können. Einer konnte es: John Updike. Um sich von ihm zu verabschieden, ohne Abschied zu nehmen, stehle ich einen eindringlich-schönen Satz von Durs Grünbein, den er Peter Rühmkorf nachrief: »Er ist gestorben, aber er ist nicht tot.«

 
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