Was kann man über Ostern wissen – wenn man gar nicht daran glaubt? Über das Ereignis der Auferstehung Christi wissen wir im Sinne eines historischen Wissens schlechterdings nichts. Die vielen Kunstwerke, die uns die Auferstehung Christi vor Augen führen, dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Autoren des Neuen Testaments es geradezu auffallend deutlich vermeiden, Vorlagen oder Zeugen für solche Bilder zu liefern. Doch über die Geschichte von Ostern wissen wir sehr viel. Es ist also sorgfältig zu unterscheiden zwischen historisch belegten Tatsachen und der Tatsache einer historisch belegten Geschichte.

Dass Jesus von Nazareth als Mensch geboren und zum Tod am Kreuz verurteilt wurde, ist historisch hinreichend belegt, auch durch jüdische und römische Autoren. Aber diese beiden historischen Tatsachen allein hätten kein Neues Testament ausgelöst und wären, für sich genommen, so wenig eine weltbewegende Geschichte geworden wie ungezählte andere grausam vollstreckte Todesurteile: ein allzu radikal Frommer mehr oder weniger…

Die selber zur historischen Tatsache gewordene Geschichte von Ostern fängt also genau dort an, wo der Historiker erst einmal passen muss. Noch pointierter ausgedrückt: Ein Historiker könnte mit seinen wissenschaftlichen Instrumenten auch gar nicht positiv helfen, ja, er würde geradezu stören, falls er die Auferstehung Jesu von den Toten als historisch-empirisches Faktum "beweisen" könnte. Wollen doch schon die ersten Zeugen des christlichen Osterglaubens ganz bewusst etwas zur Sprache zu bringen, was – mit Paulus im Philipperbrief – "höher ist als alle Vernunft", was also selbst die höchste Rationalität und dichteste Empirie übersteigt.

Eine letzte Vorbemerkung: Man muss vor allem zwei verschiedene Weisen der Geschichtsschreibung voneinander unterscheiden. Der "normale" Historiker verfolgt, vereinfacht ausgedrückt, den Fortgang der Geschichte chronologisch. Die Autoren des Neuen Testaments aber schreiben ihre Geschichte vom Ende her – und aufs Ende der Welt hin. Erst von Ostern her interessiert sie das Leben Jesu vor seinem Tod wirklich. Sie sind nicht wirklich an der Vergangenheit als solcher interessiert, sondern an der Zukunft, und dies im Licht einer künftig erwarteten Welt. Man kann also sehr wohl ihre Texte mit den Mitteln der historischen Kritik untersuchen – aber sie selber untersuchen ihre Welt eben nicht mit den Mitteln der historischen Kritik.

Zudem: Weder der Apostel Paulus noch die vier Evangelisten waren zu Ostern an Ort und Stelle dabei. Sie finden den Osterglauben der christlichen Urgemeinde, der so prononciert über die sie umgebende jüdische Religion hinausgeht, bereits als Faktum vor – und sind von ihm bereits ergriffen. Und genau deshalb fangen sie an aufzuschreiben, was und weshalb sie selber glauben – und woran andere glauben sollen. Die ältesten Texte des Neuen Testaments gehören, insofern wenig verwunderlich, der Gattung der Glaubensformeln an, also den dogmatischen Grundaussagen. Die Erzählungen der Evangelien hingegen sind späteren Datums. Der Glaube folgt also nicht aus den uns verschriftet zugänglichen Erzählungen, sondern diese Erzählungen entstehen ihrerseits aus dem Glauben.

Eine der prägnantesten und frühesten Glaubensformeln findet sich im 1. Brief des Paulus an die Korinther, geschrieben im Jahr 55 nach Christus – oder ein Jahr zuvor, also 25 Jahre nach der Kreuzigung Jesu, wenn man diese ungefähr auf das Jahr 30 nach Christus datiert. Diese Formel der Verse 3 bis 7 im 15. Kapitel, die der große Theologe Gerhard Ebeling als "historisches Urgestein innerhalb der Anfänge des Christentums" bezeichnete, lautet: "Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln." Paulus fügt dann hinzu: "Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden."

Das früheste der erzählerischen Werke, hier also der Evangelien, ist das Markusevangelium, das um 70 nach Christus in Rom entstanden sein dürfte – mithin 15 Jahre nach dem 1. Korintherbrief. Ungefähr weitere zwanzig Jahre später entstehen in Syrien das Matthäusevangelium und (wahrscheinlich) in Rom das Lukasevangelium; Matthäus und Lukas, beides Namen von Autoren, die wir nicht als Person kennen, benutzten das Markusevangelium als eine ihrer Quellen. Schließlich datiert man das Johannesevangelium, das sich von den drei anderen, den synoptischen Evangelien, deutlich unterscheidet, auf das Jahr 100 bis 110 nach Christus, entstanden in Kleinasien. Die hier sehr vereinfacht wiedergegebenen Datierungen und Lokalisierungen zeigen zweierlei: All diese Texte entstanden weder in örtlicher Nähe zum "Tatort" Jerusalem noch in der zeitlichen Nähe zum "Tatzeitpunkt" Kreuzigung/Ostern. Sie sind ursächlich nicht für die Entstehung des Osterglaubens, wohl aber für dessen weitere Ausbreitung. Sie setzen zum einen den manifesten Osterglauben voraus, zum anderen aber auch schon dessen stattgehabte Ausbreitung – denn alle Evangelien sind bereits im hellenistischen Raum entstanden und haben dort ihre Adressaten. Bei dem "Heidenmissionar" Paulus findet man zwei, drei Jahrzehnte früher noch die Gründe und Spuren seiner Kontroverse mit Petrus, ob denn die Botschaft des Jesus überhaupt an andere als gesetzestreue Juden weitergegeben werden dürfe. (Heute fragt man eher umgekehrt: ob man Juden überhaupt christlich missionieren dürfe.) Zum Zeitpunkt der Evangelienschreibung ist diese Frage bereits zugunsten der Heidenmission entschieden.

Die Aufklärung versuchte, die Auferstehung "rational" zu deuten

Wenngleich also diese Erzählberichte nicht als Augenzeugenberichte zu betrachten sind, so lassen sie dennoch erkennen, was denn nun eigentlich entscheidend für das Entstehen des Osterglaubens war. Dabei stellt sich heraus, dass das für den modernen Menschen besonders anstößige "leere Grab" eigentlich eher sekundär, wenn nicht gar legendär ist, ja dass es sogar zu einem Missverständnis dessen einlädt, worum es bei Ostern eigentlich geht.

Merkwürdigerweise wurde am Anfang der Moderne und der Aufklärung das "leere Grab" durchaus noch als historisches Faktum genommen, das man dann aber – um im Rationalismus der Epoche bleiben zu können – "rational" erklären musste: etwa als Folge eines Grabraubes oder als Hinweis darauf, dass Jesus gar nicht wirklich gestorben, sondern nur scheintot gewesen sei. Liest man die Evangelien genauer, stellt man freilich fest, dass die Wurzel des Osterglaubens woanders liegt, nämlich in den Erscheinungsberichten, also in den Zeugnissen jener ersten Christen, die sagten, der Auferweckte sei ihnen nach der Grablegung erschienen – oder wie es in der zitierten paulinischen Formel schon vor allen Evangelienberichten heißt: "dass er gesehen worden ist von Kephas (also von Petrus, Anm. d. Red.), danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal."

Dass das Grab leer war, konnte, für sich genommen, keinen weltbewegenden Glauben an den Auferweckten erzeugen, sondern hätte schon seinerzeit mancherlei, zur Not kriminalistische Erklärungen finden können: Wenn ein Grab leer ist, heißt das noch lange nicht, dass ein Verstorbener wieder lebt. Dass aber Jesus den Zwölfen und anderen nach Ostern als Gegenwärtiger erschienen ist, allein das begründet den Glauben an seine Auferweckung.

Ein Glaube, der Berge versetzt oder auch das Leben kostet

Nun kann man auf Visionen mit dem Spottspruch reagieren, wer Visionen habe, solle doch zum Arzt gehen. Aber gegen ein banalisiertes Visionsverständnis kann man die Erfahrung stellen, dass es eben solche und solche gibt. Es gibt Visionen, die gehen vorüber wie ein flüchtiger Traum; es gibt aber welche, zum Beispiel einschneidende Glaubenserfahrungen oder Bekehrungserlebnisse, die das Leben der von ihnen Erfassten grundstürzend und unwiderruflich verändern, und zwar so, dass sie fürderhin dazu beitragen, auch die Welt um sie herum objektiv zu verändern, zur Not unter Hinnahme des Martyriums – ein Glaube also, der Berge versetzt oder das Leben kostet. Genau dies war die Folge der Erscheinungen des präsenten Jesus vor seinen Jüngern, die von Stund an glaubten, dass der vor ihren Augen Hingerichtete von Gott nicht im Tod gelassen, sondern auferweckt wurde. Die Vorstellung von der Auferstehung aller Toten am Ende der Welt war seinerzeit kein Fremdkörper, wohl aber die Aussage, dass dieses Gattungsschicksal an einem Individuum schon vorweggenommen wurde – für den frommen Juden so anstößig wie die Glaubensaussage der ersten Christen, sie hätten den endzeitlichen Messias schon vor Augen gehabt.

Die Erzählung vom leeren Grab ist also nicht die Ursache des Auferstehungsglaubens, sondern umgekehrt dessen narrative Folge, eine nachträgliche Choreografie eines Erkenntnisvorganges. Sie darf, darauf macht der Tübinger Systematiker Eberhard Jüngel aufmerksam, nicht falsch eingesetzt werden: "Wollte man sie für die Entstehung des Osterglaubens jedoch historisch in Anspruch nehmen, dann liefe dies auf die pseudowissenschaftliche These hinaus, dass die Auferweckung Jesu in der Wiederbelebung seines Leichnams bestanden habe. Auferweckung von den Toten wäre dann in der Tat nichts anders als Rückgängigmachung des Todes und Rückkehr in das gelebte Leben – ein gespenstischer Vorgang."

Man stößt auch an dieser Stelle auf das fundamentale Paradoxon des christlichen Glaubens überhaupt. Wenn sich Gott so vollständig mit seiner Welt und seinen Geschöpfen solidarisiert hat, dass er in seinem Sohn auch den Tod auf sich nahm, dann muss der als heilsnotwendig geglaubte Tod am Kreuz auch wirklich ein "echter" und nicht bloß ein halber Tod gewesen sein. Auferweckung weist deshalb nicht zurück ins vorige, sondern in ein künftiges Leben.

Erst gut vierhundert Jahre nach Ostern gelingt es der alten Kirche im Jahr 451 nach Christus auf dem Konzil von Chalcedon, die damit aufgegebenen Denkprobleme in eine für sie gültige paradoxe Formel ihrer Orthodoxie zu bringen: Jesus Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott! Weder haben wir nur einen besonders vorbildlichen Menschen – eine Art Albert Schweitzer plus Mutter Theresa – vor uns, noch eine Gottesgestalt, die sich als Mensch nur für eine Weile verkleidet. Beide "Naturen" des Christus müssen immer gleich präsent gehalten werden, wenn der christliche Glaube nicht entweder in ein angeblich besonders edles Menschentum oder in ein gegenstandsloses Gottwesen abrutschen soll. Die Autoren des Neuen Testaments würden es noch nicht so ausgedrückt haben, obwohl sie genau dies aufschrieben: Die Geschichte vom leeren Grab hat niemandem seinen Tod erspart – aber die Geschichte von der Auferweckung lässt niemanden im Tod hängen.