Botho Strauß im Theater Der Feinstaub der Weltgeschichte

Ein »Leichtes Spiel« voller Schwermut: Dieter Dorn inszeniert das neue Stück von Botho Strauß am Münchner Residenztheater. Von Peter Kümmel

Wie reist es sich, so jung und schön, auf diesem Greisenschiff Europa?«, wird im neuen Stück von Botho Strauß eine Dame namens Katja gefragt. (Und Katja antwortet: »Na ja. Geht so.«) Es ist eine Frage, die man, mit einer leichten Veränderung, an alle Figuren von Strauß richten könnte: Wie reist es sich, so jung und flott, auf dem Greisenschiff Theater?

Denn die Bühnenwelt von Strauß ist sehr alt, sie möchte eigentlich untergehen, sie ist überladen mit Bildungsgut, und die Einzigen, die das nicht wahrnehmen, sind die Figuren, die noch aufgekratzt und wie zum ersten Mal über die versiegelte Oberfläche huschen, immer dynamisch, immer auf der Flucht.

Straußens Figuren sind erfahrungssatt aus zweiter Hand. Geformt hat sie etwas, was sie selbst gar nicht erlebt haben, untergeschobenes, angelesenes, mit angesehenes Parageschehen, genährt hat sie all das, was so in der Luft liegt und über Antennen und Poren aufgenommen wird: das Plankton der Weltgeschichte. Sie atmen den Feinstaub der großen Erzählungen. Sie sind am Ende; aber sie wissen es nicht.

Gegen die übermächtige Vorgeschichte setzen sie ihre Flüchtigkeit: Kaum glaubt man, sie begriffen zu haben, da zerstäuben sie schon, kaum hat man im Gewimmel der Figuren einen Protagonisten entdeckt, da verschwindet er rückstandslos von der Bühne.

Nicht der Auftritt prägt dieses Theater, sondern der Abgang, das dauernde Hinaus, hinaus! Es ist die Dramatik des Vorbeiwehens. Eine erzählerische Knappheit, wie man sie aus Parabeln kennt, lässt hier auch das Langwierige rasch vergehen, und wenn in der dritten Szene die junge Kathinka einem um sie werbenden Mann nach zehn Minuten ein »Gut. Dann war’s das« um die Ohren haut, so beendet sie damit eine alte (wenn auch ungeschehene) Liebe. In Szene 5 beschließen Katharina Minola – eine Figur, entlehnt aus Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung – und ein gewisser Peter Lenz in Minuten die Fusion ihrer Gelder und Gene, und in Szene 8 schiebt eine Braut die Hochzeitsvorbereitungen mit den Plänen für den Seitensprung zusammen.

Zehn Szenen hat Leichtes Spiel – Neun Personen einer Frau. Die neun Protagonistinnen heißen Katharina, Käthchen, Katja, Kathinka, Kathie und so weiter, und wenn man sich an ihre Verfolgung macht, so bleibt man zurück wie ein abgehängter Ermittler. Man verliert sie alle, alle bis auf eine: die letzte.

Ein Stück wie ein umgekehrtes Füllhorn; es saugt die Welt leer

Die typische Strauß-Figur entwickelt sich nicht. Man sieht sie immer nur im hastigen Windhundprofil aus einer Tür herauskommen und hinter der nächsten verschwinden. Die typische Strauß-Figur erinnert an einen viel beschäftigten Arzt, den man als Zuschauer, im Wartezimmer sitzend, bester Laune zwischen Sprechzimmern hin und her gehen sieht, in die man nie hineingerufen wird.

Etliche Strauß-Szenen spielen vor geschlossenen Türen, und in einem nichtdramatischen Text, sozusagen mit eigener Stimme, schrieb der Autor einmal, das Leben betreffend: »Wie lange erträgt man es zu wissen, daß nichts dahinter steckt?« Das kommt ganz auf den Regisseur an. In München hat jetzt am Münchner Residenztheater der dreiundsiebzigjährige Intendant des Hauses, Dieter Dorn, Leichtes Spiel uraufgeführt – es ist die zehnte Strauß-Inszenierung seines Lebens.

Dorn versucht nach Kräften, den Gegensatz zwischen der alten, von Abgründen versehrten Strauß-Welt und den zuversichtlich darin herumirrenden Figuren ins helle Boulevardlicht zu tauchen, im Sinne jenes alten Mannes aus Szene 4, der sagt: »Sie stürzen und stürzen, und weil alle gleich schnell stürzen, denken sie: Ach, wir schweben doch nur.« Dorn bewahrt den Feinstaub-Zauber des Stücks aber selten. Er holt den Mythenstaub mit dem großen elektrostatischen Putztuch aus der Luft, um ihn zu binden. Er nimmt das schwermütige, von Abschiedsstimmung gesättigte Stück als Anlass einer Publikumsüberwältigung, einer Feier des großen Theatermoments.

Als Kaleidoskop, so hat Dorn gesagt, denke er sich seine Inszenierung, und so arbeiten seine 20 Schauspieler, 15 Musiker und 60 »szenischen Mitarbeiter« mit Hingabe an der Münchner Splittertheaterkunst. Anderswo, in den Ödnissen des Textflächentheaters, ist es gang und gäbe, dass ein einzelner Schauspieler gleich mehrere Figuren erzählt, behauptet, betreut; das heute so beliebte Romandramatisierungstheater (der ganze Thomas Mann, erlegt von vier Darstellern) wäre ohne diese Methode gar nicht denkbar. Bei Strauß und Dorn dagegen ist es umgekehrt: Da sind neun Verkörperungen nötig, um ein Wesen zu bannen; Strauß und Dorn bauen aus Splittern eine ideale Frau, die, wie sie suggerieren, hinter den Splittern sich verberge beziehungsweise in diese neun je nach Laune hineinfahre. Im stummen Vorspiel lässt Dorn alle Katharinen aus dem Bühnenuntergrund heraufgleiten, da stehen sie nun, klirrend kalt wie die Modelle der Performance-Generalin Vanessa Beecroft.

In den folgenden Szenen sehen wir nacheinander jede einzelne allein, in ihrem »Leben«. Sie lieben und verfehlen sich, verlieren ihr Gut, feiern Feste, halten sich an der Sprache fest wie am letzten Fetzen, der ihnen aus dem Paradies blieb. »…Es gibt ein Universum des Verhakens, Verdrillens, Zersplitterns, Fallenlassens, ein Universum der anderen Art eben…« So spricht Kathinka in Szene 3, und jedes ihrer Worte ist mit einem hübschen Sporn bewehrt, den sie dem zuhörenden »Umständlichen« genüsslich ins Gehör treibt.

Das ist ein Problem bei Strauß: Die Figuren wirken unter ihrem Jargon wie gesattelt, und sie sind mit Statusmerkmalen so hoch beladen, dass die Schauspieler, wenn sie das klirrende Zaumzeug ihrer Rolle angelegt haben, fürchten müssen, beim ersten Auftritt in Rücklage zu geraten. Also neigen sie dazu, sich mit einem komödiantischen Ruck aus der Hocke zu stemmen und in die Offensive zu gehen: Sie stellen Typen dar. Sie stellen ihre Sätze wie auf Pointenkufen. Dorn hat nicht viel dagegen. Und die hellste Szene des Stücks, die fünfte, spielt auf einer vom Bühnenbildner Jürgen Rose hingezauberten Eisbahn, in deren kalter Weite ihr Witz verhallt.

In der vorletzten Szene findet eine der K-Frauen, die harlequineske »Ungehörige« (Barbara Melzl), ein großes Bild für das Jenseits: Das Jenseits, sagt sie, sei ein gefrorener Ozean, auf dem alte Autoreifen lägen. Dorn lässt solche Reifen aus der Unendlichkeit schon in seine erste Szene hineinrollen. Vom Ende her ist hier alles gesehen.

Oft wurde geschrieben, künftige Generationen könnten aus Straußens Stücken lernen, wer wir waren und wie wir gelebt haben. Leichtes Spiel ist für solche Aufschlüsse wie gemacht: Strauß hat seine Figuren aus ihrem Leben gerissen. Er hat sie aus ihrem Sozio-Teich gekescht, nun stehen sie tropfnass auf der Bühne, und kleine Milieupfützen bilden sich unter ihnen. Aus diesen Rückständen kann man Welten rekonstruieren. Jedoch, Strauß sammelt seine Exemplare nicht mit dem gemütlichen Gestus des Naturforschers, sondern mit der Gewissheit, dass sie verloren sind: Der Statuswahn, der rührende Stilwille, der Teich und seine Bewohner – es wird alles untergehen.

Sein Stück zeigt sich in Dorns Münchner Inszenierung als ein umgekehrtes Füllhorn; es arbeitet gleichsam mit Schubumkehr. Es überschüttet die Welt nicht mit Gaben, sondern es saugt sie leer.

Die letzte Szene blickt tief in dieses heulende Füllhorn; sie beleuchtet aus einem kleinen roten Kasten heraus rückblickend das ganze Stück. Hier haust, halb Lebe-, halb Legendenwesen, das »Späte Mädchen« (Cornelia Froboess). Sie ist eine Verwandte von Becketts Krapp. Wo Krapp sich seiner Verluste mit Tonbändern vergewissert, da verliert das Späte Mädchen sich in den Bänden ihrer erotischen Memoiren. Bald, so sagt sie, wird sie ins »grüne Zimmer« übersiedeln, ins Grab, und Preiselbeergestrüpp wird aus ihrem Leib wachsen. Das sagt sie heiter, denn: »Ich habe offen gestanden jetzt manchmal die Nase gestrichen voll von der Ersten Person Singular.«

Utopie? Das »du«, um das es hier geht, ist längst fort

Doch bis es so weit ist, wird sie sich erinnern. Vor dem Ende umrundet da ein Kopf noch einmal sich selbst: »Menschenmengen, gelesen verfilmt gesehen. Erlebt.« Vor der Selbstauflösung prüft da noch ein letztes Mal ein Gedächtnis die Bestände: »…turbulente Szenen, Handgemenge, menschliches Gedränge, Possenreißer: alles ich!« Das ist grandios gespielt von Cornelia Froboess: als Abschied von einer Welt, auf der je gelebt zu haben ihr mit jedem Alterstag unwahrscheinlicher wird.

Vor etwas mehr als zehn Jahren wurde in Zürich ein großes Stück von Botho Strauß uraufgeführt, es hieß Der Kuß des Vergessens und zeigte Anne Tismer und Otto Sander als unmögliches Liebespaar. Das Stück endete mit den schönen Sätzen: »Also. Versuchen wir’s.« Dann spannte Sander einen Schirm für beide auf, der Schirm war rot und glühte im Licht, als wäre Blut in ihn eingeschossen. Es war ein leuchtendes erotisches Signal, ein Anfang am Ende.

Das Ende von Leichtes Spiel verrät, wie viel Zeit seitdem vergangen ist. »Utopie?«, fragt das Späte Mädchen, es sind die letzten Worte im Stück. »Gibt’s zwischen dir und mir nicht Utopie genug? Schon mit den Augen fängt es an und zwischen den Beinen: das reine Nirgendwo.« Auch hier also ein unverkennbares erotisches Signal, aber ein einsames und dunkles. Das Du, das hier angesprochen ist, ist längst fort und muss erst wieder geboren werden. Wo es sich derzeit aufhält? Im Reich der Autoreifen.

 
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