Das also ist der gottgesandte Held, dessen Zauber alle erliegen: Wie aus Silberpapier ausgeschnitten steht er da in Schuppenwams und Strumpfhose, einen verschnörkelten Schwanenflügelhelm trägt er über blonden Jesuslocken, bewaffnet ist er mit einem Jagdhorn und einem Holzschwert.

An der Berliner Staatsoper ist Lohengrin eine Witzfigur aus der Opernblechbüchsenarmee von anno dazumal, der sich in die Gegenwart verirrt hat. Man kann eigentlich nur laut losprusten, wenn dieser lächerliche Wundermann die berühmte Stelle singt: »Nie sollst du mich befragen…woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!«

Bei Elsa und ihren Landsleuten allerdings funktioniert der Einschüchterungstrick. Das Volk von Brabant sehnt sich nämlich sehr nach dem Unhinterfragten. Es will zurück ins Paradies, in ein Leben vor dem unseligen Genuss des Erkenntnisapfels, was man daran erkennen kann, dass sich unter Lohengrins Einfluss sofort alle ausziehen und wie Adam und Eva herumlaufen.

Der Ritter von der altvorderen Gestalt nimmt die Brabanter mit in seine Augsburger Puppenkiste, wo Burgfräuleins vor wackelnden Pappkulissen aufgeregt mit den Holzgelenken zappeln und es sich prächtig Hochzeit feiern lässt. Zum Brautchor Treulich geführt… streut in einer Videoprojektion sogar Richard Wagner selbst Konfettischnipsel über sein Brautpaar. Bis Elsa keine Lust mehr hat, die naive Gretel zu geben. Sie stellt die verbotene Frage – und die Lohengrin-Marionette an den Fäden, an denen sie plötzlich hängt, entschwebt in den Bühnenhimmel.

So scheinnaiv und ironisch geht es zu im neuen Lohengrin an der Berliner Staatsoper. Alles hat in dieser Produktion einen doppelten Boden, seine desillusionierende Rückseite, ein holzgeschnitztes Herz oder eine Seele aus Sägemehl. Denn der Regisseur Stefan Herheim hat die Vorbehalte und Zweifel, die er gegen das Stück hegt, immer mitinszeniert.