Manche Nacht ist des Grauens. So wie jene vom 15. August vor zwei Jahren, als die Mafia in Duisburg sechs Menschen ermordete. Damals verspürte ich Schmerz und Scham. Dafür, dass Kalabrien, meine Heimat, mit Blut besudelt worden war – in jenem Deutschland, in dem auch ich zu Hause gewesen war.

Ich habe dieses Land geliebt, ich bewunderte das Rechtsempfinden der Deutschen, die Klarheit in den Arbeitsbeziehungen, den Sinn für Gerechtigkeit. Ich habe in Deutschland gelebt, ohne mich je als Ausländerin zu fühlen. Ich studierte die deutsche Sprache und Literatur, für uns Süditaliener war Europa ein kultureller Bezugspunkt – und Deutschland eine vorbildliche Demokratie, in der, so glaubten wir, sich die organisierte Kriminalität nie behaupten könnte.

Mein idealisiertes Deutschlandbild bekam die ersten Sprünge, als ich schon lange wieder in Kalabrien lebte. In einer Zeitung las ich vom Erfolg der Lieder der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, die zwischen 2000 und 2005 auf drei CDs erschien. Ein Deutschland, das der Musik der Mafia lauscht, konnte nicht das Deutschland sein, das ich kannte.

Die Soziologin Renate Siebert hat dargelegt, dass die Mafia und der Totalitarismus auf der gleichen Geringschätzung des menschlichen Lebens basieren und sich auf dieselben Werte berufen – wie konnte es also sein, dass die Deutschen dies nicht bemerkten? Ich habe versucht, das zu verstehen und darüber ein Buch geschrieben: Die Globalisierung der bösen Ideen. Abstoßende, von uns Kalabriern verabscheute Lieder waren berühmt geworden, indem sie die »bösen Ideen« der mafiosen Vorstellungswelt verbreiteten – ganz so, als handele es sich dabei um geschichtliche Wahrheiten oder glaubhafte soziologische Analysen.