Klassenkampf Arrest für den Boss

Kampf gegen die herrschende Klasse: In der Krise setzen empörte Arbeiter ihre Chefs fest. Und manchmal hilft es sogar

Vier Manager-Geiseln des US-Unternehmens Caterpillar im französischen Grenoble warten auf ihr Freilassung

Vier Manager-Geiseln des US-Unternehmens Caterpillar im französischen Grenoble warten auf ihr Freilassung

Als François-Henri Pinault am Dienstagabend vergangener Woche mit dem Taxi durch Paris fahren wollte, erlebte er mehr als den üblichen Stau. Rund 50 aufgebrachte Beschäftigte seiner Firmen blockierten knapp eine Stunde lang den Wagen aus Protest gegen den Abbau von Arbeitsplätzen. Der Multi-Unternehmer wurde zum prominentesten Opfer einer ganzen Serie von Freiheitsberaubungen durch französische Belegschaften. In Grenoble hinderten protestierende Arbeiter vier Manager der Firma Caterpillar 24 Stunden lang daran, das Werksgebäude zu verlassen, weil dort 733 Jobs gestrichen werden sollen. Eingesperrt in ihre Büros, mussten auch Manager der Firmen 3M und Sony den Zorn über gestrichene Arbeitsplätze ausbaden.

Damit haben Gewerkschafter eine Kampftaktik wieder aufgenommen, die schon früher zum Arsenal der französischen Arbeiterbewegung gehört hatte. Historiker datieren die ersten Aktionen dieser Art auf das Jahr 1936, als die von der Volksfrontregierung beschlossene 40-Stunden-Woche damals Betrieb für Betrieb durchgesetzt wurde. Im heißen Mai 1968 griffen protestierende Belegschaften die Kampfform wieder auf.

Fast immer, wie auch jetzt, waren gescheiterte Gespräche der Anlass, die Chefs mit Arrest zu strafen. Um die Verhandlungsbereitschaft französischer Sozialpartner ist es selten gut bestellt, zugleich aber sind die Gewerkschaften in den meisten Betrieben der Privatwirtschaft nicht stark genug, die Gegenseite mit lang anhaltenden Streiks zum Einlenken zu zwingen. Also sucht sich die Energie andere Wege.

Energie? Wut! Von "Wut" wird in Frankreich derzeit viel gesprochen und ebenso von der "Missachtung" der Reichen gegen das Volk. Fette Sonderzahlungen und freche Protzerei, mitten in der Krise, haben das Ansehen der Unternehmer und Topmanager des Landes zerrüttet. Die Bosse haben einen politischen Nerv Frankreichs verletzt, die Égalité. Und wehe, die Wut über Ungerechtigkeiten multipliziert sich mit der Angst vor der Arbeitslosigkeit! Da brennen schon mal die Sicherungen durch. Wie in Clairoix bei Compiègne, wo Reifenarbeiter in verzweifelter Rage eine Puppe malträtierten, die den Fabrikdirektor darstellte. Oder in Fulmen bei Auxerre: Arbeiter des dortigen Batteriewerks, das ebenfalls geschlossen werden soll, zwangen Ende Januar ihren Direktor, sich das blaue T-Shirt mit den Protestparolen überzustreifen und mitzudemonstrieren.

Der Publizist und Berater Alain Minc, Intimus des Präsidenten und in der Welt der großen Unternehmen bestens vernetzt, warnte kürzlich im regierungstreuen Figaro seine "Freunde in der herrschenden Klasse" davor, allzu unbekümmert Reichtum anzuhäufen, und rief ihnen die Französische Revolution ins Gedächtnis. Schon heißt es auf den Titelseiten durchaus bürgerlicher Wochenblätter "Jagd auf die Reichen", "Jagd auf den Chef" und "Jagd auf die Chefs". Da weiß man, wer der Feind ist. "Es ist deren Krise, nicht unsere", diese Parole wird populär. Ein Argument, mit dem die Gewerkschaft CGT sogar in diesen Zeiten Lohnerhöhungen fordert – "schließlich sind nicht wir schuld", heißt es auf Streikversammlungen, und schon kommt Beifall auf.

Frankreich denkt in Klassenbegriffen. Wir da unten, ihr da oben. Und spätestens seit sich viele Klein- und Normalverdiener unter den Wählern des Staatspräsidenten enttäuscht von Nicolas Sarkozy abwenden, schließt das "Ihr" die politische Macht ein.

Selbst damit könnten die Regierenden zeitweilig leben, wenn nicht das "Wir" so viel Sprengkraft hätte. Im Präsidentenpalast wird registriert, dass sich die Proteste der Schüler und Lehrer, Studenten und Professoren, Arbeiter und Beamten und anderer Unzufriedener nach und nach zu einer Anti-Sarkozy-Bewegung fügen. Was die jüngste "soziale Wende" des Präsidenten erklärt: Der Staat macht immer neue Schulden, um soziale Härten zu lindern, er beschränkt die Sonderzahlungen der Manager subventionierter Unternehmen, und nach jedem Ei wird laut gegackert.

Ob’s hilft? Den Belegschaften bedrohter Fabriken wohl kaum. Gut möglich daher, dass noch weitere Chefs vorübergehend festgesetzt werden. Den Arbeitern von Caterpillar hat der Staatschef jedenfalls versprochen, ihr Werk zu retten: wenn das kein Anreiz ist.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. dann ist es nicht legal Menschen gegen ihren Willen festzuhalten oder einzusperren.Das aendert sich auch nicht unter den gegebenen Umstaenden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... was von struktureller Gewalt gehört? Die ist blöderweise legal und wird von Staat, Justiz und Polizei durchgesetzt, der Kampf dagegen soll aber vollkommen gewaltlos in den von Oben gesetzten Grenzen geführt werden, was naturgemäß fast aussichtslos ist.

    Oder anders ausgedrückt: der Kaiser darf alle hängen die gegen ihn sind, den Kaiser zu hängen ist hingegen gesetzlos und gegen die herrschende Ordnung.

    Zum Glück gibt es immer wieder Menschen die den geistigen Horizont haben das zu erkennen und den Kaiser trotzdem aufknüpfen und danach eine neue Zeit und ein neues Recht ausrufen...

    ... was von struktureller Gewalt gehört? Die ist blöderweise legal und wird von Staat, Justiz und Polizei durchgesetzt, der Kampf dagegen soll aber vollkommen gewaltlos in den von Oben gesetzten Grenzen geführt werden, was naturgemäß fast aussichtslos ist.

    Oder anders ausgedrückt: der Kaiser darf alle hängen die gegen ihn sind, den Kaiser zu hängen ist hingegen gesetzlos und gegen die herrschende Ordnung.

    Zum Glück gibt es immer wieder Menschen die den geistigen Horizont haben das zu erkennen und den Kaiser trotzdem aufknüpfen und danach eine neue Zeit und ein neues Recht ausrufen...

  2. Menschen gegen ihren Willen auszuplündern und auszusperren!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Gegen ihren Willen" - ? Um was drehen sich denn die Kämpfe an den Standorten, die geschlossen werden sollen?

    "Gegen ihren Willen" - ? Um was drehen sich denn die Kämpfe an den Standorten, die geschlossen werden sollen?

  3. ... was von struktureller Gewalt gehört? Die ist blöderweise legal und wird von Staat, Justiz und Polizei durchgesetzt, der Kampf dagegen soll aber vollkommen gewaltlos in den von Oben gesetzten Grenzen geführt werden, was naturgemäß fast aussichtslos ist.

    Oder anders ausgedrückt: der Kaiser darf alle hängen die gegen ihn sind, den Kaiser zu hängen ist hingegen gesetzlos und gegen die herrschende Ordnung.

    Zum Glück gibt es immer wieder Menschen die den geistigen Horizont haben das zu erkennen und den Kaiser trotzdem aufknüpfen und danach eine neue Zeit und ein neues Recht ausrufen...

  4. Denn die Manager,die festgesetzt und gegen ihren Willen eingesperrt wurden sind nicht die Eigentuemer der Firmen und selten die,die bestimmen was mit der Firma geschehen soll.
    Die Manager sind ebenfalls Angestellte und sollten nicht zu Leidtraegern gemacht werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cure
    • 09.04.2009 um 9:51 Uhr

    So weit ich weiß, kommt das Wort Manager vom englischen to manage - verwalten, leiten. Außerdem werden die hohen Gehälter immer wieder mit der Verantwortung begründet, die sie tragen.

    Nicht die einfachen Angestellten, zu denen Top-Manager ja wohl nicht zählen - richten eine Firma zugrunde.

    • cure
    • 09.04.2009 um 9:51 Uhr

    So weit ich weiß, kommt das Wort Manager vom englischen to manage - verwalten, leiten. Außerdem werden die hohen Gehälter immer wieder mit der Verantwortung begründet, die sie tragen.

    Nicht die einfachen Angestellten, zu denen Top-Manager ja wohl nicht zählen - richten eine Firma zugrunde.

    • ztc77
    • 09.04.2009 um 9:24 Uhr

    Liebe ZEIT-Aktienhalter und -Manager,

    ein sehr aufrichtiges DANKE für solche Artikel, in denen den deutschen Arbeitnehmern und ALG-Empfängern nahegebracht wird, dass es noch mehr Möglichkeiten gibt als Zögern, Kuschen und sich manipulieren Lassen. Würde eine solche Rebellion doch unter Umständen auch Sie treffen können.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ZEIT-Aktien? Hallo?

    ZEIT-Aktien? Hallo?

    • cure
    • 09.04.2009 um 9:51 Uhr

    So weit ich weiß, kommt das Wort Manager vom englischen to manage - verwalten, leiten. Außerdem werden die hohen Gehälter immer wieder mit der Verantwortung begründet, die sie tragen.

    Nicht die einfachen Angestellten, zu denen Top-Manager ja wohl nicht zählen - richten eine Firma zugrunde.

    Antwort auf "Das ist doch Unsinn."
  5. "Befehle' von oben, nur in den wenigsten Faellen koennen Manager von Firmen,die auslaendische Besitzer haben wirklich bestimmen was in geschieht. SIe sind moeglicher Weise in der Lage ihre Ideen zu unterbreiten aber es kommt auf die gesamte Firmen Fuehrung drauf an.Ich bezweifle das sie wirklich die Richtung bestimmen koennen.

    Auf jeden Fall ist es illegal Menschen gegen ihren Willen zu halten,oder gelten die Gesetze nur fuer Nicht-Manager????
    Wie waere es denn wenn Manager Arbeiter gegen ihren Willen halten weil die nicht so arbeiten wie man es moechte???

  6. "Gegen ihren Willen" - ? Um was drehen sich denn die Kämpfe an den Standorten, die geschlossen werden sollen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service