Zufällig kenne ich das Internetspiel World of Warcraft recht gut. Ich habe es mit meinem Sohn gespielt. Man bewegt sich durch eine Fantasywelt, ähnlich der Welt von Herr der Ringe, man kämpft gegen Fabelwesen. Solche Fantasiekämpfe gehören zum Erwachsenwerden, speziell bei den Jungs.

Ich selber habe als Kind sehr oft bei einem extrem brutalen, rassistischen Gewaltspiel mitgemacht, wo es nicht etwa darum ging, Fabelwesen zu besiegen, sondern Menschen mit einer anderen Hautfarbe zu erschießen. Es hieß "Cowboy und Indianer". Jetzt lese ich, dass Christian Pfeiffer, ein Kriminologe, vor World of Warcraft warnt und erklärt, es könne süchtig machen.

Ich kenne kein einziges gutes Spiel, das nicht süchtig machen kann. Mein Opa war skatsüchtig im Endstadium. Es gibt auch Typen, die den ganzen Tag Schach spielen. Alles unter der Sonne kann schädlich sein, wenn man es übertreibt. Auch wenn ich unter empörten Leserbriefen ertrinke – ich finde es besser, wenn ein Zwölfjähriger mit seinen Freunden das interaktive, keineswegs vereinsamende Spiel World of Warcraft spielt, als wenn er vor dem Fernseher passiv vor sich hin dämmert.

Normalerweise bin ich der Anwalt des Mannes. Ab sofort übernehme ich ein zweites Mandat. Ich verteidige die Jugend. Ich bestreite, dass die deutsche Jugend zu großen Teilen gewaltverliebt ist und rechtsradikal, und zwar immer mehr sowie in größerem Maße als anderswo, wissend, dass beide Thesen nahezu täglich in der Zeitung stehen. Was ich nicht bestreite: Ich bestreite nicht, dass es in Deutschland Gewalt gibt, Mord und Totschlag, sowie gewalttätigen Rechtsradikalismus und dass dagegen etwas getan werden muss. Ich bin aber dagegen, dass man sinnlose Dinge tut.

Neuerdings behauptet Christian Pfeiffer, dass 4,9 Prozent der 15-jährigen Jungen in Deutschland in rechtsextremen Gruppen organisiert seien. Ich frage mich, mit welcher Wissenschaft man auf eine so genaue Zahl wie "4,9 Prozent" kommen kann. Insgesamt wären das 34.000 rechtsradikal organisierte Jugendliche. Der Geschäftsführer der Initiative "Schule ohne Rassismus" hat in der taz darauf aufmerksam gemacht, dass es nach Angaben des Verfassungsschutzes in Deutschland überhaupt nur 31.000 Mitglieder von rechtsradikalen Organisationen gibt.

Möglicherweise sagt der Verfassungsschutz die Unwahrheit. Ich glaube eher dem Verfassungsschutz als Christian Pfeiffer. Er hat auch bei dem vermeintlichen Kriminalfall von Sebnitz danebengelegen. Damals ging es um ein Kind, das, wie die Mutter behauptete, vor aller Augen im Schwimmbad von Rechtsradikalen ertränkt wurde. Pfeiffer schrieb, die Mutter sei glaubwürdig. Es war aber ein Unfall.