Gentechnik Die Sicherheitskopie

Die texanische Firma ViaGen klont Rinder, Pferde und Schweine. Zum Essen, sagt Mark Walton, sind diese Tiere viel zu teuer

Klontiere wie diese Schweine sind vor allem für Züchter interessant, sagt Mark Walton. Herausragendes Erbgut lasse sich so kopieren

Klontiere wie diese Schweine sind vor allem für Züchter interessant, sagt Mark Walton. Herausragendes Erbgut lasse sich so kopieren

DIE ZEIT: Wann landet geklontes Fleisch auf unseren Tellern?

Mark Walton: Das ist ein Missverständnis. Steaks von geklonten Tieren wird es vorerst nicht zu kaufen geben. Geklonte Rinder oder Schweine sind zu teuer, um sie zu schlachten.

ZEIT: Wofür klonen Sie dann überhaupt?

Walton: Den Markt sehen wir bei den Züchtern. Die wollen das herausragende Erbgut einzelner Elitetiere für Zuchtprogramme kopieren. Diese Klone werden zur Fortpflanzung eingesetzt. Erst deren Nachkommen werden zu Schlachttieren.

ZEIT: Und die sind dann keine Klone mehr?

Walton: Das ist unstrittig. Die Nachkommen der Klone entstehen durch Befruchtung, sie unterscheiden sich biologisch in keiner Weise von normalen Rindern oder Schweinen. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA und das europäische Pendant Efsa haben das kürzlich anhand aller Daten bestätigt. Nachkommen von Klonrindern und Klonschweinen sind beim Verzehr absolut unbedenklich. Bevor die FDA Anfang 2008 ihre Risikobewertung abschloss, hatte in den USA ein freiwilliges Moratorium gegolten. Daran haben sich alle Klonfirmen gehalten.

ZEIT: Was für Tiere hat ihre Firma denn in dieser Zeit produziert?

Walton: Kommerziell haben wir wegen des Moratoriums bisher meist Rinder für die Unterhaltungsindustrie geklont. In Amerika nennen wir sie »Showrinder« – etwa das texanische Longhorn. Das hat sehr große, geschwungene Hörner. Einige Züchter haben hochwertige Tiere mit besonders auffallenden Hörnern klonen lassen, um deren Marktwert zu sichern. Erste Züchter haben auch Rodeo-Bullen klonen lassen. Keines dieser Tiere ist in die Nahrungskette gelangt.

ZEIT: Rinder für die Fleisch- oder Milchindustrie wurden in den USA also nicht geklont?

Walton: In Einzelfällen schon, aber nicht für den Markt. Wir haben eine Anguskuh kopiert. Die war mehr als 400000 Dollar wert. Der Besitzer wollte den Klon als Versicherung, denn Elitetiere werden in der Zucht manchmal krank oder sterben vorzeitig. Der Klon sicherte das besondere Erbgut dieser Kuh für die Zukunft.

ZEIT: Jetzt hat die FDA grünes Licht gegeben. Rennen Ihnen die Züchter nun die Türen ein?

Es ist nicht so, dass die Züchter bei uns Schlange stehen. Noch ist die Haltung abwartend. Aber seit die offizielle Risikobewertung da ist, werden sie neugierig. Einige denken ernsthaft über einen kommerziellen Einsatz der Klontechnik nach. Entscheidend ist die Frage, ob sich das Klonen in Züchtungsprogrammen lohnt.

ZEIT: Was kostet denn das Klonen einer Kuh?

Walton: Bis zu 20.000 Dollar. Das ist teuer, aber an der Spitze der Züchtungspyramide, bei den Elitetieren, kann sich das Klonen rasch amortisieren. Zudem machen wir Fortschritte, wir werden bald Kopien für 7000 Dollar anbieten können. Wenn Sie solche Klonbullen als Samenspender in der Zucht einsetzen, rechnet sich das heute schon.

ZEIT: Können Sie das bitte einmal vorrechnen?

Walton: Nehmen wir an, ein geklonter Elitebulle kostet 7000 Dollar und jedes seiner Nachkommen generiert 120 Dollar Mehrwert gegenüber dem normalen Fleischrind. Mit 60 Nachkommen des Klons können Sie Gewinn machen.

ZEIT: Damit wäre der Startschuss für das kommerzielle Tierklonen gefallen.

Walton: Rechtlich ja. Wenn ein Züchter einen geklonten Bullen im Stall stehen hat, kann er dessen Samen in alle Welt verkaufen. Aber noch verhandeln wir mit dem US-Landwirtschaftsministerium, das einen sanften Übergang zu der Technologie sicherstellen und Schaden für Märkte abwenden will.

ZEIT: Dort hat man vor allem Sorge, dass Klontiere unbeabsichtigt in der Nahrungskette auftauchen, was Verbraucher verschrecken könnte.

Walton: Wir haben zusammen mit der FDA ein Managementprogramm etabliert: Jeder Klon wird markiert. So können die Züchter verhindern, dass die Klone selbst, und nicht erst deren Nachkommen, in der Nahrungskette landen.

ZEIT: Wird die Öffentlichkeit erfahren, welche Züchter das Klonen zuerst einsetzen?

Walton: Ich glaube nicht, dass wir Ankündigungen sehen werden: Wir starten mit dem Klonen wertvoller Elitebullen! Die Züchter werden erst experimentieren. Ehrlich gesagt, hat das weniger mit der Sorge vor öffentlichen Reaktionen zu tun oder mit der Angst vor den Konsumenten. Es geht um Marktvorteile: In die Tierzucht fließt viel Erfahrung und Spezialwissen ein. Das ist eine verschwiegene, vorsichtige Branche. Deren Experten veröffentlichen nicht wirklich das, was sie können. Das wird beim Klonen auch so sein.

ZEIT: Bei welchen Eigenschaften können sich Züchter durch Klonen Vorteile verschaffen?

Walton: Schon moderate genetische Vorteile – bei der Futterverwertung oder einheitlichere Rinderhälften, von denen sich das Fleisch im Schlachthof schneller lösen lässt – können 120 Dollar pro Nachkommen im Preis ausmachen. Entscheidend ist natürlich die Erblichkeit der gewünschten Eigenschaft.

ZEIT: Experten sagen, der züchterische Fortschritt verlaufe heute so rasch, dass sich Elitetiere nur sehr wenige Jahre an der Spitze der Zuchtpyramide halten können. Ist der Klon eines Superbullen da nicht schon ein alter Hut, bevor seine ersten Kopien geschlechtsreif werden?

Walton: Richtig ist, dass der Wettbewerb für Elitetiere immens ist. Zumindest bei Milchkühen sind die Züchtungsprogramme extrem ausgeklügelt und laufen auf Hochtouren.

ZEIT: Kommt das Klonen von Supertieren da nicht immer einen Schritt zu spät?

Walton: Das sehe ich anders. Bei der Züchtung von Milchkühen stammt ein Großteil des eingesetzten Samens von Elitebullen. Deren Wert wird von ihrer Samenmenge begrenzt. Wenn ich bereits in frühen Lebensstadien meines Elitebullen entscheide, ihn zu klonen, kann ich seine geklonten Nachkommen rechtzeitig zur Geschlechtsreife bringen.

ZEIT: Aber woher weiß man, welcher ein Elitebulle mit erstklassigen Genen ist, solange der noch gar keine Milchkühe gezeugt hat?

Walton: In der Milchindustrie werden inzwischen »Genom-Chips« eingesetzt, die eine Art Rasterfahndung im Erbgut erlauben. Die Züchter von Milchkühen sind davon wie elektrisiert. Sie werden sagen können: Aufgrund der genetischen Tests haben wir hier einen Elitebullen mit den gewünschten Eigenschaften vor uns. Wenn Sie dieses Tier dann frühzeitig, noch vor der Geschlechtsreife, klonen, werden dessen Nachkommen kaum später geschlechtsreif als das Elitetier selbst. Sie sind mit mehreren Superbullen zugleich am Start. Das rechnet sich.

ZEIT: Klappt das Klonen auch bei Kühen?

Walton: Mit dem Klonen von Superkühen wird es erstmals möglich sein, eine Milchkuh als Zuchtkuh einzusetzen. Bisher kann doch jede Kuh nur eine sehr begrenzte Anzahl von Nachkommen gebären. Daher ruhte der züchterische Fortschritt auf der männlichen Seite. Ein Bulle trägt aber nur 50 Prozent zur Genetik der Nachkommen bei. Durch das Klonen können Sie nun vielfache Kopien der Zuchtkühe erhalten.

ZEIT: Gibt es auch bei Fleischrindern einen Markt für das Klonen?

Walton: Bei Fleischrindern handelt es sich um eine völlig anders aufgestellte Industrie. 95 Prozent aller Schlachtrinder stammen von Bullen ab, die Fleischkühe ganz natürlich auf der Weide besamt haben. Das Klonen ermöglicht dem Züchter erstmals, einen sehr guten Fleischbullen zu klonen, um mehr Nachwuchs mit der guten Genetik zu zeugen. Wenn ich 1000 genetisch identische Brüder auf der Weide hätte, die jedes Jahr 20 bis 25 Kälber zeugen können, dann bekomme ich pro Jahr über 25000 Fleischrinder mit den gewünschten Eigenschaften.

ZEIT: Besonders hoch ist die Erfolgsquote beim Klonen bisher nicht. Früher gab es zudem vielfaches Leid im Stall, bevor Forscher niedliche Fotos der Klontiere zeigen konnten.

Walton: Entscheidend ist, wie viele der geklonten Embryonen die ersten 30 Tage nach der Geburt überleben. Bei ViaGen ist das bei einem von zehn Rinderembryonen der Fall. Soweit wir wissen, ist dieser Klon dann absolut normal.

ZEIT: Was aber passiert mit den anderen neun?

Walton: Ungefähr die Hälfte der in Leihmütter verpflanzten Klonembryonen wächst gar nicht erst an, es entsteht keine Schwangerschaft. Von den anderen fünf Föten werden meist nur zwei geboren, eines stirbt noch kurz nach der Geburt, oder wir müssen aus Tierschutzgründen eine Spätabtreibung durchführen. Manchmal verläuft die biologische Reprogrammierung eben nicht perfekt. Allerdings tauchen die Geburtskomplikationen auch in der normalen Rinderzucht auf. Bei uns erhalten alle Klone die bestmögliche Pflege. Zwischen 30 und 60 Tagen nach der Geburt kann der Kunde das geklonte Tier mit nach Hause nehmen.

ZEIT: Wagen Sie eine Prognose. Wann wird der erste Klonbulle zur Züchtung eingesetzt?

Walton: Ich denke, es wird noch ein paar Jahre dauern, bis das Klonen von der Mehrheit der Züchter akzeptiert wird. Die meisten werden zunächst abwarten, ob die Ökonomie des Klonens funktioniert.

Das Gespräch führte Volker Stollorz

 
Leser-Kommentare
  1. Zu auch nur einem Fünkchen Kritik war der Herr Stollorz wohl nicht fähig, oder wie?
    Soll dieser [...] wohl eine neue Ära in der Verachtung gegenüber anderen Lebewesen einleiten, oder wie ist das zu verstehen???
    [...] (Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion /ft)

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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  • Schlagworte Gentechnik | Texas | USA | Medizin | Gesundheit
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