Wer in einem Pfarrhaus aufgewachsen ist und von den Eltern fast zwei Jahrzehnte lang jeden Morgen aus der Bibel vorgelesen bekam, der kennt das Alte und das Neue Testament. Kennt die Psalmen, die Gleichnisse, die Weissagungen der Propheten und die vielen Wundererzählungen. Kennt die Geschichte von der Schöpfung der Welt und die von ihrem Untergang. Doch wer – wie ich – in einem Pfarrhaus aufgewachsen ist, wird auch aufgefordert, die Bibel nicht bloß als literarisches Weltkulturerbe, als einen Teil des abendländischen Bildungskanons zu begreifen, sondern die darin beschriebenen Dinge tatsächlich zu glauben. Und das ist eine Zumutung.

Was das Alte Testament betrifft, so lassen sich die jahrtausendealten Gotteserzählungen noch mithilfe des Arguments, es handle sich um den monumentalen Versuch, die Chronik eines antiken monotheistischen Hirtenvolkes, des Volkes Israel, aufzuschreiben, mit dem Intellekt in Einklang bringen. Beim Neuen Testament wird es schwieriger. Da geht es nicht mehr um die farbenprächtige Geschichte eines Volkes, sondern um die gleich viermal erzählte Biografie eines einzelnen Wanderpredigers, der im Nahen Osten unheilbar Kranke durch Handauflegung geheilt, Stürmen Einhalt geboten und fünftausend Menschen mit einer Handvoll Brote gesättigt haben soll, der mit dem Teufel gerungen haben und übers Wasser gegangen sein soll. Nach seiner Kreuzigung – heißt es – habe er sich auch noch von den Toten erhoben. Und das sollte ich glauben! Von allen Zumutungen – in diesem an Zumutungen reichen Buch – war für mich die letzte, die Behauptung der Auferstehung, das stärkste Stück.

Und doch. Gerade die Auferstehungsgeschichte ist mir heute, da ich erwachsen bin, die liebste von allen. Ich finde sie so großartig, so unverschämt zuversichtlich, dass ich meinem einzigen Kind den Namen Maria Magdalena gegeben habe – den Namen jener Frau also, die dem Auferstandenen zuallererst begegnet ist. Viele Autoren meinen, Jesus und Maria Magdalena könnten ein Liebespaar gewesen sein – und die Szene ihrer Wiederbegegnung legt diesen Gedanken nahe. Im Sinne einer effektiven Verbreitungsstrategie seiner Auferstehungsbotschaft war es jedenfalls kontraproduktiv, dass der Wiedererweckte ausgerechnet einer Frau erschien, deren Aussage – wie die aller weiblichen Zeugen – damals wenig Beweiskraft besaß.

Meine Lieblingsgeschichte steht am Ende des Johannesevangeliums. Maria Magdalena steht völlig aufgelöst vor dem Grab. Es ist leer. Der Tote ist verschwunden. Da spricht ein unbekannter Mann sie an: Frau, was weinst du? Sie hält den Fremden für den Friedhofsgärtner und fragt aufgebracht zurück, wo denn die Leiche geblieben sei. Der Unbekannte gibt darauf keine Antwort. Er sagt nur ein Wort: Maria. Und plötzlich gehen ihr die Augen auf, und sie erkennt, dass es der Totgeglaubte ist, der vor ihr steht. Sie will ihm um den Hals fallen, doch er wehrt ab: Fass mich nicht an!

Gratuliere! Sie haben eines unserer Ostereier gefunden! Wir haben noch mehr davon auf ZEIT ONLINE versteckt Dieses Noli me tangere ist tausendmal gemalt worden, die Szene füllt Museen, Galerien, Kirchen. Der Auferstandene scheint keinen klassischen menschlichen Körper mehr zu haben, der essen und trinken müsste, den man umarmen könnte. Er kann jetzt aus dem Nichts auftauchen, und er sieht – diese Vorstellung beeindruckt mich bis heute – offenbar jetzt auch ganz verändert aus. Nicht mehr wiederzuerkennen. Auch all die anderen Jünger, die dem Auferstandenen später begegnen, identifizieren ihn nicht anhand seiner Physiognomie, sondern anhand ihm eigener Verhaltensweisen. Oder – wie Maria Magdalena – an der ganz besonderen Art, wie er sie beim Namen ruft.

Die Auferstehungsgeschichte ist wirklich eine Zumutung – nicht nur für den modernen Kopf, sie war es schon immer. Auch in der Antike. Von Anfang an steht sie unter Schwindelverdacht. Die römischen und jüdischen Zeitgenossen argwöhnten bereits, die Jünger hätten ihren toten Anführer geklaut und irgendwo versteckt und dann wie geniale Werbe- und Marketingspezialisten ihre frei erfundene »Botschaft von der Überwindung des Todes« in einer gigantischen Promotionleistung unter die Leute gebracht. Aber warum sollten sie sich die Mühe machen? Und warum sollte einer ihre Fantasterei ernst nehmen? Es glaubt doch auch niemand an die griechische Sage von Orpheus, der Eurydike aus der Unterwelt holt.

Die vier Evangelisten erheben durchaus Anspruch auf eine Wahrheit. Im Gegensatz zur Orpheussage ist die Auferstehung eingebettet in die Wirklichkeit des antiken Jerusalems. In einer Art Datierungsfetischismus werden im Neuen Testament genaue Zeitangaben gemacht, akribisch alle Orte und alle am Geschehen Beteiligten mit Vor- und Nachnamen aufgezählt. Irgendetwas muss passiert sein, damals, im Garten des Josef von Arimathia. Irgendetwas, dessen Kraftstoß ein paar verstörte Fischer zu Gründern einer Weltreligion werden ließ, ein Kraftstoß, der das Christentum bis heute vorwärtsträgt.

Was auch immer es war – die Jünger sind nach dem, was sie als Begegnung mit dem Auferstandenen wahrgenommen haben wollen, nicht mehr dieselben. Nicht mehr wiederzuerkennen. Wo sind die Feiglinge, die in die Dunkelheit flüchten, wenn ihr Meister von Soldaten abgeholt wird? Die Wackelkandidaten, die ihn verleugnen, bis der Hahn kräht? Die Zweifler, die sich verbarrikadieren, während er am Kreuz erstickt? Mit einem Mal sind sie Apostel. Herolde der Überzeugung. Bereit, sich für ihre Botschaft zu opfern. Ihnen ist etwas Ungeheuerliches widerfahren, und jetzt tragen sie dieses Erlebnis übers Land – eindringlich und offenbar glaubwürdig durch das Ausmaß ihrer persönlichen Erschütterung.

Viele schenken ihnen Glauben. Vor allem an der Wucht, mit der seine Jünger von ihm erzählt haben, dürfte es liegen, dass keine Figur der Antike eine vergleichbare, bis heute anhaltende Wirkung entfaltet hat wie Jesus. Kein Kaiser, kein Philosoph. Die Apostel Petrus und Paulus wurden in Rom hingerichtet für die Unbeirrbarkeit, mit der sie auf der verrückten Legende von der Auferstehung beharrten. Sie wurden Märtyrer, das heißt auf Griechisch: Zeugen. Die Urchristen haben sich massenhaft verfolgen, foltern und einsperren lassen, bei römischen Zirkusspielen von wilden Tieren anfallen oder als Fackeln in Brand stecken lassen – und das alles für eine Idee. Für die Geschichte von einem vergeblich hingerichteten Verlierer, die sie bloß vom Hörensagen kannten.

Fürchtet Euch sehr – so lautet die Botschaften in den Zeitungen

Ich glaube die Geschichte übrigens inzwischen auch. Auferstehungen gibt es. Nicht in Form einer fleischlichen Wiederherstellung, einer Art Neuauflage meiner Person, die plötzlich auf dem Planeten herumspaziert. Gespenstergeschichten für bare Münze zu nehmen verlange ich mir nicht ab. Die Auferstehung ist für mich ein Sinnbild für die Befreiung aus den lähmenden Gesetzmäßigkeiten – denen der Welt und meinen eigenen. Und vielleicht auch für die Liebe, die über den Tod hinausgeht: Maria.

Das Christentum ist keine Religion der Gesetzlichkeit, sondern proklamiert deren Überwindung, so begreife ich es. Der Christ ist frei. Alles ist ihm möglich. Alles ist zu schaffen. Yes, we can! Christen können übers Wasser gehen, Stürme stillen, den Teufel besiegen. Bei ihnen weicht die Physik der Metaphysik. Und genau das illustrieren die Wundergeschichten: Die Naturwissenschaft mag die Gesetzmäßigkeit des Machbaren bestimmen, das biblische Denken hält sich nicht dran.

Natürlich bin ich anatomisch gefangen in der Biologie, ich kenne die medizinischen und physikalischen Grenzen meiner Natur, aber diese Erkenntnis hält mich nicht am Leben. Nur weil ich weiß, wie viele Haare ich auf dem Kopf habe, warum ich der Erdanziehung unterworfen bin und wie mein Stoffwechsel funktioniert, habe ich noch lange nicht verstanden, wozu dieses Leben da ist. Was ich bedeuten soll. Und warum ich alt werden und sterben muss.

Das Prinzip des Lebens ist zunächst das Prinzip Angst. Vor den vielen kleinen Verlusten. Und vor dem einen großen. Fürchtet Euch sehr – lautet die Botschaft in den Zeitungen. Ein kleines bisschen Sicherheit herzustellen ist unser täglich Brot. Ganz besonders in Zeiten der Wirtschaftskrise. Der Mensch ist mit seiner ängstlichen Absicherung derart beschäftigt, dass er nicht bemerkt, wie er den Mörtel rührt zur Zementierung der bestehenden Verhältnisse und der ihn umgebenden Mauer aus Ansprüchen.

Das Evangelium und im Besonderen die Auferstehungsgeschichte lehren mich das Gegenteil. Ich, die ich mich verzweifelt am Bestehenden – an meinem Besitz, meinem Status, meinem sozialen Gefüge – festklammere, bin eine Tote. »Lass die Toten ihre Toten begraben«, steht im Neuen Testament. Brutaler geht es nicht. Durch die schiere Angst vor der Verarmung, der Erkrankung, dem Verlassenwerden und dem Untergang, durch das starre Festhalten an eigenen Bedürfnissen und alten Ordnungen hat sich der Tod in mein Leben geschlichen. Eine Art geistiger Tod, der mitten in der Geschäftigkeit von mir Besitz ergreift und der mich verfaulen lässt, während ich noch atme.

Nur aufgeklärten Geistern erschließen sich die biblischen Geschichten

Beim Herantasten an letzte Einsichten in eine angstfreie Existenz helfen mir die Parameter, denen die Materie gehorcht, nicht weiter – kein Zitronensäurezyklus, keine Newtonschen Gesetze, keine Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Dazu brauche ich Symbole, Bilder und Geschichten. In denen es nicht um richtige oder falsche Gleichungen geht, sondern um bewusstseinserweiternde Gleichnisse. Bilder, die mich aus meiner Berechenbarkeit, aus meiner Determination reißen und mir helfen, größer zu werden, als ich bin. Bilder, in denen ich nicht wiederzuerkennen bin.

Es ist eben nicht so, dass ein rationaler Mensch – und ich halte mich dafür – die biblischen Geschichten nicht verstehen könnte. Ich behaupte das Gegenteil: Nur dem aufgeklärten Geist erschließen sie sich überhaupt. Nur wer bei nüchternem Verstand ist, kann sie ertragen und glauben. Würden wir die Bibel und ihre Wundergeschichten eins zu eins wörtlich nehmen, wir fielen zurück in die Zeiten der Finsternis und der selbst verschuldeten Naivität.

Das Christentum ist nicht die große Revolution zur Verbesserung des Menschengeschlechts, auch dieses Missverständnis herrscht seit schon jenem allerersten Palmsonntag vor fast zweitausend Jahren. Das Christentum ist auch nichts, worauf man eine Weltherrschaft gründen sollte. Denn das verordnete und vorausberechnete Gute führt immer zur ideologischen Diktatur, zur Inquisition, zum Stalinismus, zum Terrorismus.

Wenn ich sage, ich glaube an die Auferstehung, meine ich nicht die historische Bejahung, das physikalische Für-real-Halten eines widernatürlichen Vorgangs. Diese Frage stellt sich mir ebenso wenig wie die nach dem Jüngsten Tag. Und was meine eigene Auferweckung angeht – da lasse ich mich überraschen. Jetzt und hier will ich mir bloß den Himmel ein bisschen offen halten. Und in dem hellen Strahl, der durch den Spalt herausfällt, ändert sich für mich die Welt. Nicht im Großen, aber im Ganzen. Der Schund, das Läppische, Erwartbare lauert im Konkreten. Das Unfassbare, Transzendente, Immerwährende wohnt im Glauben. Und das eine gehört zum anderen wie ein ungleicher Zwilling. Aus dem Blick, den ich auf meine Umgebung werfe, sickert die mich durchströmende Transzendenz in meinen schundbeladenen Alltag und verleiht ihm Würde und Dynamik.

Und was ist dynamischer als das christliche Bild von der Auferstehung? Von der Auflehnung gegen das höchste und böseste Naturgesetz? An Ostern hallt die Kirche wider vom befreiten Gelächter der Gläubigen, die diese letzte Erwartbarkeit durchbrochen haben. Jeder, der die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach hört, wird an der Stelle, da sich der vereinte Chor, von Trompeten vorangepeitscht, im Fortissimo zum et resurrexit aufbäumt, von dieser zutiefst optimistischen Weltsicht gepackt, geflutet von einer unverwüstlichen Zuversicht.

Christen sind Protestleute gegen den Tod in all seinen Varianten: Sie bieten der Bedeutungslosigkeit, der Depression, der Feindseligkeit, der Feigheit, der Inhumanität, der Selbstsucht die Stirn. Gegen alles anzustürmen, was klein, hässlich und verzagt macht, das ist ihre Aufgabe. Das ist meine Aufgabe. Und mein Verständnis von Auferstehung. Die Schrifstellerin Marie Luise Kaschnitz fängt ihr berühmtes Ostergedicht so an:

Manchmal stehen wir auf,
stehen wir zur Auferstehung auf,
mitten am Tage.

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