Deutscher Widerstand Leb wohl, mein Herz
Ein bewegendes Zeugnis: Erst jetzt werden die Briefe und das Tagebuch Helmuth James von Moltkes aus der Haft 1944 veröffentlicht
Am 23. Januar 1944, vier Tage nach seiner Verhaftung, notierte Helmuth James Graf von Moltke in seiner Zelle in der Prinz-Albrecht-Straße 8, der Zentrale des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin: »Überhaupt sitze ich manchmal zurückgelehnt mit geschlossenen Augen und denke an die Meinen. All mein Leben mit ihnen steht mir dann vor Augen, im Haus(…) Mein Gott, wie reich bin ich doch, und wie wenig weiß ich es an normalen Tagen.«
Normale Tage – sie sollte Helmuth James von Moltke, der Kopf des Kreisauer Kreises, der bedeutendsten Widerstandsgruppe gegen Hitler, nicht mehr erleben. Am 6. Februar 1944 brachte man den 36-Jährigen in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg in Mecklenburg, wo in einem »Zellenbau« auch ein Trakt für Gefangene des Reichssicherheitshauptamtes eingerichtet worden war. Von hier aus wurde er Ende September in die Strafanstalt Berlin-Tegel eingeliefert, nach einem kurzen Prozess vor dem Volksgerichtshof am 11. Januar 1945 zum Tode verurteilt und zwölf Tage später in Plötzensee hingerichtet.
Bisher kannten wir den Widerstandskämpfer vor allem aus den Briefen, die er zwischen Kriegsbeginn 1939 und seiner Verhaftung im Januar 1944 an seine vier Jahre jüngere Frau Freya geschrieben hatte. Diese Korrespondenz, die Beate Ruhm von Oppen 1988 herausgab, zählt längst zu den klassischen Texten der Widerstandsliteratur. Denn was Moltke den Briefen anvertraute, gibt nicht nur Aufschluss über die Motive seines Handelns, sondern auch über die Entstehung des Kreisauer Kreises, die Entwicklung der programmatischen Debatten und die Mühen und Risiken des Kampfes gegen die NS-Diktatur.
Während der Haft setzte Moltke die Gewohnheit fort, seiner Frau fast täglich zu schreiben, und er begann, ein Tagebuch zu führen. »Vielleicht erlaubt man mir später, es mitzunehmen«, heißt es im ersten Eintrag vom 20. Januar 1944, »und dann erfährst Du, wenn auch nachträglich, was ich tat.«
Lange hat Freya von Moltke gezögert, diese sehr persönlichen Dokumente aus der Hand zu geben. Anders nämlich als die zwischen 1939 und 1944 gewechselten Briefe unterlagen die nach der Festnahme geschriebenen der Zensur. Vieles konnte nur verschlüsselt oder gar nicht mitgeteilt werden. Und auch in seinen Tagebuchaufzeichnungen musste sich Moltke Zurückhaltung auferlegen, weil sie jederzeit bei einer Revision seiner Zelle entdeckt werden konnten. Seine Frau fand die beiden kleinen Tagebuchhefte Ende September unter den Sachen, die ihr die Gestapo nach der Verlegung ihres Mannes ins Tegeler Gefängnis aushändigte.
Erst jetzt hat sich die hochbetagt in Norwich/Vermont in den USA lebende Witwe dazu entschlossen, das Tagebuch und die Briefe aus der Haft zur Publikation freizugeben, und dafür gebührt ihr großer Dank. Denn nun können wir erfahren, wie Moltke die sieben quälend langen Monate in Ravensbrück verkraftete und womit er sich, Tag für Tag, in seiner Zelle beschäftigte.
Zunächst genoss er als »Sonderhäftling« noch einen privilegierten Status. Er konnte seine eigenen Kleider tragen, sich mit zusätzlichen Lebensmitteln versorgen und sich Bücherwünsche erfüllen lassen, ja auch noch Akten seiner Dienststelle, der Völkerrechtsabteilung im Amt Ausland-Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht, bearbeiten.
Die plötzlich reichlich vorhandene Zeit produktiv zu nutzen und sich zugleich mit dem Gedanken an das mögliche Ende vertraut zu machen, darum ging es ihm von Anfang an. »Die Tage verbringe ich mit Lesen und Nachdenken«, schrieb Moltke im ersten Brief an Freya aus der Haft Ende Januar 1944. »Ich poliere eifrig an meinem inneren Menschen herum(…) Die Voraussetzungen dafür sind natürlich glänzend, denn hier gilt nur, was man in sich hat oder finden kann.«
Erstaunlich, was er in dieser Zeit alles las. Neben belletristischen und historischen Klassikern – darunter Goethes Wilhelm Meister, Stifters Witiko, Bismarcks Gedanken und Erinnerungen , Gibbons Verfall und Untergang des Römischen Reiches –, neben Lehrbüchern über Ackerbau, Botanik und Chemie, neben theologischer Literatur (vor allem Luthers Schriften) widmete er sich täglich der Bibellektüre. Manche Abschnitte las er mehrmals, sodass er sie am Ende auswendig konnte. Aus dem christlichen Glauben, der Gewissheit, dass »wir alle in Gottes Hand sind«, schöpfte Moltke die Kraft, um das durchzustehen, was in den kommenden schweren Monaten auf ihn wartete.
Die zweite Kraftquelle war die innige Beziehung zu seiner Frau und den beiden »Söhnchen«, Caspar und Konrad. Obwohl Freya von Moltkes Briefe nicht erhalten geblieben sind – bis auf einen wunderbaren, den sie ihm zu seinem 37. Geburtstag am 11. März 1944 schrieb –, ist sie doch in der zärtlichen Ansprache ihres Mannes stets gegenwärtig. Kreisau, das niederschlesische Gut der Moltkes, war der Fluchtpunkt, zu dem seine Gedanken unaufhörlich zurückkehrten. »Mit täglich neuer Freude, mit täglich neuem Glück denke ich immer wieder an die letzten 15 Jahre. Die kann uns nichts mehr rauben.«
Moltke bemühte sich, seine Frau einerseits nicht zu sehr zu beunruhigen, sie aber andererseits davor zu bewahren, sich allzu große Hoffnungen zu machen. »Auf nichts warten, nichts erhoffen, sind die beiden einzig möglichen Maximen.« Obwohl er Vorsorge für den Fall seines Todes traf, interessierte er sich weiter für alle Einzelheiten des landwirtschaftlichen Betriebs: »Was machen die Bienen?« – »Hat der Ahorn auf dem Kapellenberg über dem Steinbruch schon Triebe?« – »Wie schlimm, dass der Käfer den Raps so befallen hat.« Und er schmiedete auch noch Zukunftspläne: »Wir müssen nächstes Jahr unbedingt die Platane pflanzen.«
Einmal im Monat durfte Freya von Moltke ihren Mann besuchen, und das war für den Häftling jedes Mal »ein Freudentag ersten Ranges«. Die Besuche fanden nicht im KZ Ravensbrück, sondern in einer nahe gelegenen Polizeischule in Drögen statt, wohin Moltke mit dem Auto gebracht wurde. Hier konnten sie sich relativ frei aussprechen, denn die Gestapo-Beamten verhielten sich ihnen gegenüber betont höflich. Im Unterschied zu den meisten Mitgefangenen wurde Moltke auch nie gefoltert. Der berühmte Name bot hier wohl einen gewissen Schutz.
- Datum 21.04.2009 - 13:04 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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