Irgendwann«, so erzählt Michael Tomasello, »haben wir gelesen, Menschen seien die einzige von 180 Primatenarten, die Weißes in den Augen hat. Wir haben uns nur angesehen und ›Wow!‹ gesagt.« Der Psychologe strahlt, als er von diesem Erkenntnisblitz erzählt. Und seine Mitteilungslust führt direkt ins Zentrum seiner Forschung: »Die anderen Grundemotionen – Angst, Freude, Wut – haben wir mit den Affen gemein; die Freude jedoch, etwas mit anderen zu teilen und gemeinsam zu tun, ist ein menschliches Gefühl.« Wenn er etwa mit Kindern ins Labor gehe, so erzählt der Forscher selbst voller Begeisterung, »dann fragen die: ›Was machen wir jetzt?‹ – Wir!«

Der Mensch – das ist für Tomasello das Tier, das mitteilt. Das Tier, das »wir« sagt. Und das Freude hat an der Kooperation.

»Wer die Affen versteht, leistet mehr für die Metaphysik als Locke«, so zitiert der gebürtige Amerikaner Charles Darwin , aber begonnen hat Tomasello mit Untersuchungen der kindlichen Intelligenz in der Tradition Piagets. Er entdeckte die Rolle der sozialen Praxis und der Werkzeuge für das menschliche Denken. Und dann die Affen. »Ein glücklicher Zufall. Die Emory-Universität hatte dieses große Primatenzentrum. Ich sah die Schimpansen und war sofort fasziniert: So ähnlich und doch so unterschieden von uns.« In Leipzig , im hellen Bau des Max-Planck-Instituts (MPI) für evolutionäre Anthropologie und im Primatenzentrum des Zoos, versuchen Michael Tomasello und seine Mitarbeiter (die er im Gespräch durchgängig erwähnt) seit einem Jahrzehnt, den Unterschied immer präziser zu bestimmen. Sie testen, wie »menschenähnlich« Affen sich verhalten können; und umgekehrt: wie Kleinkinder denken, wenn sie noch nicht in Sprache und Konventionen sozialisiert sind.

Damit arbeiten sie – neben den Genetikern, Linguisten, Primatologen und Paläontologen, die im MPI forschen – an einem Menschenbild, das den Homo sapiens in das Kontinuum der Naturgeschichte stellt und aus ihr heraus seine Einzigartigkeit erklärt. Empirisch sammeln sie, um mit Nietzsche zu sprechen, »mit strenger Methode kleine unscheinbare Wahrheiten«, auf dem Weg zu einer »naturalistischen« Theorie vom Menschen, die gleichwohl nicht reduktionistisch ist wie viele der Erklärungen, die im Jahrzehnt des Gehirns oder des Genoms die endgültige Auflösung des Menschheitsrätsels versprachen.

»Unser Wissen ist immer noch sehr unvollkommen« – Sätze wie dieser sprenkeln Tomasellos Aufsätze. Populäre Weisheiten versagt er sich, den Kontakt zu Journalisten meidet er – zum Bedauern seiner Mitarbeiter, die ihn als »forderndes, aber faires Alphatier« schätzen. Und wenn ein Interview sein muss, verschickt er vorher lange Lektürelisten, um den Besucher auf die Komplexität des Gegenstandes einzustimmen. Allenfalls in Vorwörtern gestattet er sich aphoristische Zuspitzungen, wie die, ob die Geschichte der abendländischen Philosophie nicht anders aussähe, wenn Aristoteles bei seinen Spaziergängen in Athen regelmäßig Schimpansen begegnet wäre. Im Gespräch geht Tomasello mit »großen« Gedanken eher sparsam um, redet lieber so schlank, wie er auch von Statur ist, über die »kleinen Wahrheiten«.