Finanzkrise Das Seelenheil des Stahlwerks

Der Linzer Arbeiterpriester Rupert Granegger begleitet die Stahlarbeiter auf ihrem bangen Weg durch die Krise

Ostern steht vor der Tür, und die Stimmung auf dem Werksgelände der Voest ist mies. Noch erzählt die Geräuschkulisse nichts von den harten Zeiten, die über die Stahlarbeiter hereingebrochen sind. Wie gewohnt dröhnt Verkehrslärm unterbrechungslos von der nahen Umgehungsstraße, brummt schweres Gerät irgendwo zwischen Hochöfen und Werkshallen, kreischen auch abends noch Lokomotiven und Güterwaggons über die Geleise der Werksbahn. Doch der geschäftige Lärm täuscht. Es könnte schon bald sehr leise werden.

Es ist der Abend vor dem Palmsonntag. Rupert Granegger lässt sich von dem Sound der Stahlstadt nicht aus der Ruhe bringen. Es wäre ein Augenblick, der nach feierlicher Stille verlangte. Im roten Ornat steht der bärtige Priester vor einer schmucklosen Baracke. Sie ist zugleich das Gemeindezentrum und das Gotteshaus der Pfarre des Stahlwerks. Dämmerung setzt ein, und Granegger beginnt unter freiem Himmel mit dem Wortgottesdienst. Seine Füße stecken in Sandalen. Nach einiger Zeit unterbricht er die Liturgie und schreitet an der Spitze von rund 50 Gläubigen singend in seine Kirche. Die kleine Prozession soll an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnern. Drinnen geht die Messfeier weiter.

Anzeige

Der 45-jährige Arbeiterpriester hat eine Predigt vorbereitet, in der die bedrückte Lage der Voest-Belegschaft im Mittelpunkt steht. »Das Kreuz steht am Karfreitag für die Härten und Ungerechtigkeiten des Lebens. Aber am Ostermorgen wird es zum Zeichen des Auferstehens.« Auch die Fürbitten, die zwei Frauen vortragen, kennen nur ein Thema: »Wir beten für jene, die ihre Arbeit verloren haben und nicht wissen, wie es weitergehen soll.« Und: »Wir bitten für die Regierenden, dass sie das Soziale stärken.« Hier ist der liebe Gott vor allem ein allmächtiger Sozialminister.

Ein Gotteshaus ohne Glockenturm, ein Pfarrer im Blaumann

Offiziell heißt die Pfarre St. Voest Treffpunkt Mensch & Arbeit, Standort voestalpine. Ein spirituelles Zentrum, das ohne Kirchturm, ohne Glocken und ohne gottesfürchtige Symbole auskommt. Sie wären auch fehl am Platz in der größten Stahlschmiede des Landes. Die Lage ist prekär. Von den 10000 Menschen, die am Standort Linz noch in Lohn und Brot stehen, wurde bereits ein Fünftel in Kurzarbeit geschickt. Viele weitere sollen folgen. Alle müssen ihren Urlaub und Überstunden abbauen, immer mehr werden auf Schulungen geschickt. In der Belegschaft kursieren Gerüchte, die Produktion werde von derzeit 70 auf 50 Prozent der Kapazität weiter zurückgefahren. Wenn immer weniger Autos vom Band rollen, wenn die Nachfrage für Industrieprodukte schwindet und die Investitionen stocken, so trifft die Krise einen Stahl- und Maschinenbaukonzern wie die Voest vorrangig mit voller Wucht. Eine funkelnagelneue Werkshalle zur Feuerverzinkung der Stahlelemente mit einer Kapazität von stündlich 60 Tonnen wird vermutlich wegen der tristen Auftragslage erst viel später als geplant in Betrieb gehen – ob und wann, das kann derzeit niemand sagen.

Viele fühlen sich an die Situation vor rund zwanzig Jahren erinnert, als die damals noch verstaatlichte Voest eigentlich bereits bankrott war und vor dem Zusperren stand. Hier bangt noch eine klassische Industriearbeiterschaft um den Job. Die Männer in der blauen Arbeitskluft für das moderne Dienstleistungsgewerbe umzuschulen ist meist ein vergebliches Bemühen.

Auch Johann Hochgatterer, der Abteilungsleiter für Klima- und Brandmeldeanlagen in der Voest, ist zu der Werkspfarre gekommen, um sich auf den Beginn der Karwoche einzustimmen. »Ich brauche die Buben nur beobachten, wie sie mich fragend anschauen, ob ich etwas Neues weiß«, erzählt der 54-jährige Meister: »Die sind weidwund.« Viele fürchten, dass nach der Kurzarbeit eine Kündigungswelle über sie hereinbricht. Die Buben, das sind die jungen Leiharbeiter, die oft gerade eine Familie gegründet und begonnen haben, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Obwohl sie sich zu Leistungsträgern entwickelt haben, sind sie jetzt gefährdet, als Erste abgebaut zu werden. Leihverträge zu kündigen, bereitet der Personalabteilung nur geringe Probleme. »Mir tut das Herz weh, wenn ich daran denke, dass ich mich von ihnen trennen muss. Ich habe sie selbst ausgesucht.« Der alte Voest-Mann Hochgatterer ist ratlos.

Mit jeder Faser identifizieren sich Pfarrer Granegger und seine Gemeinde mit ihrem Unternehmen. Das sieht man auch der in die Jahre gekommenen Barackenkirche an, die eingezwängt zwischen Bahngeleisen, der Ebelsberger Umfahrungsstraße und der Maschinenbauhalle am Rande des Werksgeländes liegt. Das Rednerpult für die Predigt ist aus Stahlelementen zusammengeschweißt. Der Altar besteht aus einem kargen Holztisch, über den ein Tuch gebreitet ist und auf dem zwei Kerzen stehen. Ein gerundetes Eisengitter hält die große Bibel. Der Raum erinnert an eine Werkshalle, die notdürftig mit türkisfarbenen und gelben Vorhängen drapiert wurde. Kirchenbänke gibt es keine, nur Klappstühle. Ein geschnitztes Kruzifix und ein buntes Glasfenster sind die einzigen Konzessionen an ein herkömmliches Gotteshaus.

Dass sich nur relativ wenige Schäfchen in die Messe am Vorabend des Palmsonntags verirrt haben, irritiert den Betriebsseelsorger vordergründig nicht. Seine Pfarre halte jedem Vergleich mit anderen Vorstadtpfarren stand, sie gehöre zweifellos zu den besseren, sagt er. Nach dem Gottesdienst raucht der geistliche Herr eine Zigarette und trinkt Bier. Nun gesteht Rupert Granegger auch seine Zweifel ein. Nicht am Priesterberuf. Sondern an der »vielen Hack’n, die keine sichtbaren Erfolge« zeitige. Hier offenbare sich ihm die überirdische Dimension seiner irdischen Tätigkeit im Stahlwerk: »Das, was geschieht, ist das Werk Jesu. Es liegt nicht in meiner Hand. Ich kann es im Gebet nur an Jesus zurücklegen.«

Leser-Kommentare
    • Fokko
    • 10.04.2009 um 11:49 Uhr

    Man mag zu Katholischen Kirche stehen, wie man will: Dieser Priester verdient Respekt!

    Fokko
    -------------------------------------------------------------------------------
    Selbstversorger-Blog
    Fantasy-Blog

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service