Spiele Lebensgeschichte
Eine Vollmondnacht über den Dächern der Stadt, eine zufällige Begegnung beim Bäcker um die Ecke – schon als Schülerin fand sie genügend Anlässe im Alltag, um daraus Verse zu schmieden. Und als sie gut sechzig Jahre später starb, hinterließ sie Hunderte jener Momentaufnahmen, in denen sich das Leben zur Poesie verdichtet. Stets vom Umfeld inspiriert, steckte doch immer auch ein Stück kindliche Weltphilosophie in ihren Zeilen. Das klang zum Beispiel so: »Der Sehnsucht nach dem Anderswo / kannst du wohl nie entrinnen / nach drinnen, wenn du draußen bist / nach draußen, bist du drinnen.«
Dem Leben die leisen Pointen abzulauschen, darauf verstand sie sich, auf dieses »nach den Perlen fischen«, wie sie es selber nannte. Und wären die Umstände andere gewesen, hätte sie groß Karriere gemacht. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit erreichte sie das Publikum. Alt und Jung, Arm und Reich, Mann und Frau liebten ihren Ton, der mal frech, mal schüchtern und stets entwaffnend klar war. Bald rissen sich die Feuilletons um sie, in den Cafés verkehrte sie mit den berühmtesten Kollegen. Sie war 23, 24, 25 Jahre jung, ein aufgehender Stern am Literatenhimmel.
Und dann war einfach Schluss. Rückblickend mag man sich fragen, woher die bis ins Alter mädchenhaft wirkende Frau eigentlich die Kraft nahm, die Verluste ihres Lebens zu meistern. Allein die vielen erzwungenen Abschiede von denen, die ihr lieb waren, dann das wiederholte Suchen nach einem Ort, an dem sie sich heimisch fühlen konnte, später die Gewissheit, dass kaum einer der einstigen Weggefährten überlebt hatte. Auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester war verschollen und galt lange als tot. Als sie eines Tages unverhofft doch lebend auftauchte, verlebten die zwei Schwestern unbeschwerte Monate. Endlich war sie wieder glücklich, fand sogar zeitweilig zu ihrem heiteren Ton zurück. Doch das Idyll zerbarst an altem Zwist und neuen Zerwürfnissen.
Familiäre Geborgenheit hatte sie schon als Kind selten erlebt, der Vater war meist abwesend, die Mutter oft abweisend. Als die Eltern später mit ihren zwei jüngsten Geschwistern in ein fremdes Land zogen, hätte sie vielleicht von fern mit ihnen Frieden schließen können. Doch ihrem Mann zuliebe folgte sie den Eltern in jenes Land, dessen Sprache sie nicht sprach – ausgerechnet sie, die Worte so sehr liebte.
Heimat fand sie nun allein bei Mann und Sohn, Trost in den Briefwechseln mit alten Freunden und in langen Reisen. Damals sah es danach aus, als könne sie an die Anfangserfolge anknüpfen. Man erkundigte sich nach ihr, ihre Lesungen waren gut besucht. Doch dann passierte das Unglück – ihr Sohn erkrankte und starb. In einem ihrer frühen Gedichte schien sie das beinahe vorausgeahnt zu haben, als sie schrieb, sie fürchte nichts mehr als den Tod »derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?« Wer war’s?
Frauke Döhring
Lösung aus Nr. 15
Eine »abstoßende, verkniffene Verbrecherphysiognomie« habe Lorenzo de Medici (1449 bis 1492) gehabt, schrieb Macchiavelli. Auch sonst sparte er nicht mit Kritik an dem »Prächtigen«. Das Wohl des ersten Bürgers wurde mit dem der Stadt Florenz gleichgesetzt, besonders nach dem Mordanschlag, bei dem 1478 sein Bruder Giuliano getötet wurde
- Datum 06.04.2009 - 21:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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