Südchina Platinen statt Puppen

Die südchinesische Vorzeigeprovinz Guangdong war auf dem Weg vom Billigstandort zur Hightechregion – bis die Wirtschaftskrise voll zuschlug

Ein versiegeltes Tor im Hafen von Dongguan. Die Krise erreicht den Süden Chinas und macht den Aufschwung der Region zunichte

Ein versiegeltes Tor im Hafen von Dongguan. Die Krise erreicht den Süden Chinas und macht den Aufschwung der Region zunichte

Wenn man mit dem Zug von Hongkong nach Guangzhou fährt, in die Hauptstadt der Provinz Guangdong, reist man durch eine Landschaft von Fabriken. Riesige Hallen in Grau und Blau. Große, volle Straßen dazwischen. Hier und da noch ein Reisfeld oder ein Shrimpszuchtbassin. Es ist schwierig abzuschätzen, wo die eine Stadt aufhört und die nächste beginnt. Ein Moloch des chinesischen Wirtschaftsbooms, unter einer Mischung aus Smog und subtropischem Dunst.

Guangdong, die 110-Millionen-Menschen-Provinz im Süden Chinas, ist immer vorneweg gegangen. Vor 30 Jahren noch waren die Menschen hier arm wie überall in China. Doch inzwischen ist diese Region zur Fabrik der Welt geworden, und nirgendwo sonst in China stieg das Pro-Kopf-Einkommen so schnell wie hier. Ihre Bedeutung für China und für die Weltwirtschaft ist enorm. Ein Viertel der gesamten Auslandsinvestitionen kommt hier an, 30 Prozent des chinesischen Handelsgeschäfts werden hier abgewickelt, zwölf Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung erbracht. Guangdongs Bruttosozialprodukt ist höher als das von Indonesien.

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Doch jetzt zeigt sich auch im umgekehrten Fall, dass Guangdong wieder einmal voraus ist – beim wirtschaftlichen Einbruch. In den Häfen des Perlflussdeltas, die zu den größten der Welt gehören, stapeln sich leere Container. Der Umschlag ist um ein Viertel zurückgegangen. Die Wirtschaftsleistung insgesamt schrumpft hier zwar nicht, wie anderswo auf der Welt, in Deutschland oder den USA zum Beispiel. Doch sie wächst viel langsamer als gewohnt: 2007 betrug die Wachstumsrate noch 14 Prozent, 2008 waren es dann 10 Prozent, und in diesem Jahr sollen es mit Hoffen und Bangen 8,5 Prozent werden. Das wäre der niedrigste Wert seit 30 Jahren.

Die Krise ist schnell gekommen. Vor gut einem Jahr noch hatten die Politiker und die Fabrikbesitzer hier noch ganz andere Sorgen. Es fehlten ihnen vor allem Arbeiter. Nicht mehr genug Chinesen waren bereit, die weite Reise aus dem Westen auf sich zu nehmen, um im Süden Köpfe auf Puppen zu stecken, Windjacken zu nähen oder Heizdrähte in Kaffeemaschinen zu verlegen. Und auch das war eine Folge des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas.

Die Krise macht den Strukturwandel der vergangenen Jahre zunichte

Im Westen des Landes nämlich, woher die Wanderarbeiter kommen, hatte sich die Lage entspannt. Dort fiel der Boom zwar viel bescheidener aus als in Guangdong, aber doch stark genug, um das weite Reisen zur Arbeit im Süden weniger attraktiv erscheinen zu lassen. Da gingen im Perlflussdelta die Arbeiter aus, zuerst in den alten Fabriken mit gefährlichen Arbeitsbedingungen und knausrigen Chefs. 2006 wurden in der Region weit über sieben Millionen Stellen ausgeschrieben, aber nur knapp fünf Millionen konnten besetzt werden. Die Wanderarbeiter saßen spätestens 2006 am längeren Hebel. Ihr Mindestlohn stieg in der Hauptstadt Guangzhou um 14 Prozent, in Shenzhen um 17,4 Prozent, ohne Gewerschaftsdruck und ohne Massenproteste.

Doch seit Monaten gehen in der Fabrik der Welt keine Bestellungen mehr ein. »Das ist die schwerste Krise für Guangdong seit der Öffnung des Landes«, hat der Provinzgouverneur Huang Huahua vor einigen Wochen erklärt. 600.000 Wanderarbeiter haben die Provinz bereits verlassen, und Huang muss überlegen, wie er die 1,68 Millionen Arbeitslosen unterbringen soll, die durch die Provinz vagabundieren. Sie machen 18 Prozent der knapp 9,5 Millionen Wanderarbeiter in Guangdong aus.

Leser-Kommentare
    • Fokko
    • 12.04.2009 um 16:36 Uhr

    Tja, auch chinesische Bäume wachsen nicht in den Himmel...

    Fokko
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