TECHNIK IM ALLTAG Freiheit für die Zehen!
Maximales Stützen, Dämpfen und Führen war lange das Credo der Laufschuhhersteller. Plötzlich reden alle vom "Natural Running". Hält man das aus?

© skaisbon/Photocase
Joggen mit "natürlichem" Gefühl dank einer neuen Generation Lauffschuhe? Christian Heinrich hat es ausprobiert
Schon wieder eine Revolution: »Das Laufen revolutionieren« hat sich der dänische Hersteller Ecco, sonst für bequeme Alltagstreter bekannt, auf die Fahnen geschrieben. Sein Laufschuh mit dem genial-naturidentischen Namen Biom (siehe Foto) will die Knechtschaft der Füße in hochgerüsteten Monsterlaufschuhen beenden. »Natural Motion!«, jauchzt Ecco – der Jogger soll zurück zur Natur. So laufe und schwitze ich an einem Sonntagmorgen an der Hamburger Alster. Auf den Wiesen liegt Raureif, an meinen Füßen präsentiert sich schick, cool, fast zurückhaltend der neue Biom. Aber bin ich reif für die Revolution?
Beim Kampf der Systeme steht auf der einen Seite der superdämpfende und maximal stützende Schuh. Mehr als 100 Typen sind im Handel, die den drei Leitsätzen der verbreiteten Laufschuhdoktrin folgen: Dämpfen, Stützen und Führen.
»Die Hersteller haben es mit dem Aufrüsten übertrieben«, kritisiert der Biomechaniker Wolfgang Potthast von der Sporthochschule Köln. »In solchen Schuhen kann man sich nicht wirklich natürlich bewegen.« Mithilfe von Video-Aufnahmen konnten er und andere Forscher zeigen, dass sich die Zehen und viele Fußmuskeln in modernen Laufschuhen praktisch gar nicht mehr bewegen. Man könnte auch sagen: Die Zehenmuskeln verkümmern beim Laufen.
Teile der Industrie rüsten jetzt ab. Das Extrem des Systemwandels markiert Nike Free. Dieser Schuh ist eigentlich nur noch eine Socke, montiert auf eine flexible, dünne Sohle. Den Freiheitsschuh spürt man während des Laufens fast nicht mehr, umso mehr die spitzen Steine, die im Weg liegen. Da ist der Ecco-Schuh ein Kompromiss. Doch auch ihn trifft das harte Urteil eines Experten. »In der Mehrzahl der Fälle aber reichen Halt und Dämpfung des Biom nicht aus«, sagt Ulf Lunge, Laufschuhspezialist und Inhaber einer Kette von Laufschuhläden in Hamburg und Berlin. Das mache sich über lange Strecken und besonders beim untrainierten Fuß bemerkbar.
Ich kämpfe mich am Ufer entlang, eile über Brücken und Stege, vorbei an Cafés, wo rastende Spaziergänger entspannt die Füße hochlegen, und empfinde Neid. Kein Zweifel: Die Arbeit verrichtet nicht nur die Muskulatur von den Waden ab aufwärts – auch Füße und Zehen sind spürbar beschäftigt. Große Unterstützung liefert Biom nicht. Das Laufen fühlt sich dadurch irgendwie authentisch an. Doch ich mache mir Sorgen: Ist mein laufschuhmäßig verwöhnter Fuß auf so viel natural motion überhaupt vorbereitet?
Für das Verwöhnen des Fußes gibt es immerhin auch gute Gründe. Etwa die Pronation. Drei Viertel aller Läufer knicken während jedes Jogging-Schrittes mit dem Fuß nach innen ab. Das ist normal. Die Pronation ist eine anatomisch natürliche Dämpfungsbewegung des Körpers. Mithilfe spezieller Pronationsstützen, das sind festere Einlagen auf der Innenseite, sind die meisten Schuhe so verstärkt, dass es zwar zum gewünschten Abknicken nach innen kommt, ein zu starkes Abknicken, eine Überpronation, aber verhindert wird. Wer eher zu geringer Pronation neigt, wählt ein Modell aus, das die Bewegung nicht behindert. Ein Profi wie Ulf Lunge kann Sohlen lesen: Am Profil abgenutzter Schuhe sieht er, wie stark der Läufer proniert und auf welcher Seite er aufsetzt. Ich zum Beispiel bin ein typischer leichter Überpronierer.
Zum Test des Konkzurrenzsystems laufe ich denselben Weg, diesmal mit dem »Beast« an den Füßen. Das ist ein hochgerüsteter Hightech-Laufschuh der Marke Brooks, mit besonders starker Stütze, Dämpfung und Führung. Der Schuh haut mich um. Er läuft wie von selbst. Ich stecke nur drin und werde mitgenommen. So fühlt es sich an.
Neben der geeigneten Pronationsstütze hilft ein guter Schuh auch beim perfekten Abrollen. Der Fuß wird durch die sogenannte Fersenschale und den Schaft, die Seite und Oberseite des Schuhs, tatsächlich »geführt«. Der Schaft umgibt den Fuß wie eine zweite Haut. Zum Schaft gehört auch die »Zehenbox«. Sie kann die empfindlichen Zehen vor Stößen schützen.
Mit perfekter Motion Control und der richtigen Passform fliegen mein Beast und ich an schwitzenden Joggern, bellenden Hunden und Spaziergängern vorüber. Ein Junge in einem Kinderwagen sieht mich für einen Moment mit großen braunen Augen an – vorbei. Ohne Zweifel: Der Beast ist wesentlich bequemer als der Biom. Dank E-Fusion, Hydroflow und MOGO, alle drei flexible und silikonartige Materialien in der Sohle, werden Unebenheiten geschluckt, Schritte gedämpft.
Diese sogenannten Dämpfungssysteme haben einen wesentlichen Anteil an der Bequemlichkeit eines Laufschuhs – man kann auch sagen: an der Abschottung von der rauen Umwelt. Immerhin muss bei jedem Aufprall eines Fußes etwa das Zweieinhalbfache des Körpergewichts abgefangen werden. Das Dämpfungssystem ist das eigentliche Aushängeschild der Hersteller. Brooks und Asics setzen auf Gel. Nike verwendet in seinen klassischen Laufschuhen ein mit einem Edelgasgemisch gefülltes Luftkissen. Je nach Modell wird es unter dem Vorderfuß, der Ferse oder dem kompletten Fuß eingearbeitet. Dieses System ist bekannt unter dem Namen Nike Air. Auch adidas verwendet Luft – die Deutschen aus Herzogenaurach haben ein Kammersystem entwickelt, bei dem die Luft durch dünne Kanäle hin und her fließen kann. Im vergangenen Jahr hat Adidas zusammen mit Porsche den Schuh Bounce S entwickelt. Von außen sichtbare Metallfedern im hinteren Fußteil geben die Kraft des Aufpralls direkt zurück an den Körper – und in den Lauf.
Mein persönliches Resümee nach einigen Sonntagen an der Alster mit Free, Beast und Biom: Zu viel Natur ist eher was für Laufpuristen und Athleten. Als Sonntagsläufer ist man nun einmal besser im sanften Fußbett konventioneller Laufschuhe aufgehoben. Andererseits ist die versprochene Freiheit für Fuß und Zehen gar zu verlockend. Ich will versuchen, auch als Sonntags-Alster-Läufer beim »natürlichen« Laufen zu bleiben. Die Zukunft mit dem Biom wird anstrengend sein, besonders für die Zehen. Aber ist nicht jede Revolution anstrengend?
- Datum 09.04.2009 - 14:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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Ich weiß ja nicht was Herr Christian Heinrich für ein Läufer ist und welchen sportlichen Hintergrund er hat und vor allem welcher Läufertyp er ist, aber der Artikel zeigt mal wieder wie UNWISSEND und oberflächlich die Läufergemeinde an ein so heikles Thema wie Laufen, Laufstil, Laufschuhe etc. herangeht ... und das wird dann auch noch in einer seriösen Zeitung wie DER ZEIT abgedruckt!
Hier wird mal eben Dr. Potthast von der SpoHo-Köln genannt - der an der ECCO-Entwicklung "beteiligt" war - und dann noch ein 'Laufprofi' wie Ulf Lunge der seine eigenen unflexiblen 'Betonklötze' "made in Germany" als neues Highlight im jahrzehntealten Laufschuhsektor auf den Markt bringt, um dem ganzen Artikel einen offiziellen professionellen Anstrich zu geben?!
Damit sind die 'LAUFHIGHLIGHTS' und die 'FREIHEIT FÜR DIE ZEHEN' die ca. 20 Mio. Läufer in Deutschland beschäftigt und Fragen aufwerfen, bestens abgedeckt und jeder nichtwissende Läufer verläßt sich auf die Aussagen von Herr Heinrich :-(
Da sollte sich der kritische Läufer mal Gedanken machen, wieso so viele Läufer jährlich an laufspezifischen Problemen erkranken und das schon seit mehr als 20 Jahren, wo es doch alljährlich von jedem Hersteller mindestens eine Inovation auf dem Laufschuhsektor gibt und die Verletzungen nehmen seit Jahrzehnten nicht ab :-( liegt das wirklich an den Schuhen??? ... wie wär's sich mal Gedanken zum Thema Laufstil zu machen, und das Übel an der Wurzel zu packen - das gilt nicht nur für 'Athleten' sondern auch für Laufanfänger, Freizeitläufer, ambitioniert Läufer und Profis - anstatt die Laufschuhindustrie weiter "finanziell zu füttern"!
Sicherlich führt auch der Wahn dazu, nach zwanzig Jahren ohne Sport plötzlich meinen zu müssen, man müsse jetzt gleich einen Marathon laufen.
Ich laufe seit meinem 21. Lebensjahr regelmäßig und habe auch die Jahre zuvor regelmäßig Sport getrieben. Nach etwa 10 Jahren regelmäßigem Laufen kam der Wunsch auf, auch mal einen Marathon laufen zu wollen. Die Jahre zuvor bin ich regelmäßig 5km und 10km Rennen gelaufen. Ich habe also Erfahrung auf diesen Strecken gesammelt, bevor ich das Abenteuer Marathon angegangen bin.
Das Problem heute ist, dass die Menschen meinen, Marathon sei das Maß aller Dinge. Ist es sicher auch, aber man sollte auch mal versuchen, auf 5km und 10km Erfahrung zu sammeln, bevor man sich auf die langen Strecken begibt.
Gleiches ist derzeit in der Triathlon-Szene zu beobachten. Da kommen Leute angedackelt, die mit praktisch null Erfahrung gleich einen Ironman machen wollen.
Leider wird dieser Hype von den Medien unterstützt. Und so kommt es eben zu Verletzungen.
Sicherlich führt auch der Wahn dazu, nach zwanzig Jahren ohne Sport plötzlich meinen zu müssen, man müsse jetzt gleich einen Marathon laufen.
Ich laufe seit meinem 21. Lebensjahr regelmäßig und habe auch die Jahre zuvor regelmäßig Sport getrieben. Nach etwa 10 Jahren regelmäßigem Laufen kam der Wunsch auf, auch mal einen Marathon laufen zu wollen. Die Jahre zuvor bin ich regelmäßig 5km und 10km Rennen gelaufen. Ich habe also Erfahrung auf diesen Strecken gesammelt, bevor ich das Abenteuer Marathon angegangen bin.
Das Problem heute ist, dass die Menschen meinen, Marathon sei das Maß aller Dinge. Ist es sicher auch, aber man sollte auch mal versuchen, auf 5km und 10km Erfahrung zu sammeln, bevor man sich auf die langen Strecken begibt.
Gleiches ist derzeit in der Triathlon-Szene zu beobachten. Da kommen Leute angedackelt, die mit praktisch null Erfahrung gleich einen Ironman machen wollen.
Leider wird dieser Hype von den Medien unterstützt. Und so kommt es eben zu Verletzungen.
Vielleicht sagen die Probleme des Autors mit dem Biom (ich kenn den Schuh nicht, nutze den Free von Nike auf weichen Waldboden) auch nur wie verkümmert seine Fußmuskeln nach jahrelangem Training sind.
Sicherlich führt auch der Wahn dazu, nach zwanzig Jahren ohne Sport plötzlich meinen zu müssen, man müsse jetzt gleich einen Marathon laufen.
Ich laufe seit meinem 21. Lebensjahr regelmäßig und habe auch die Jahre zuvor regelmäßig Sport getrieben. Nach etwa 10 Jahren regelmäßigem Laufen kam der Wunsch auf, auch mal einen Marathon laufen zu wollen. Die Jahre zuvor bin ich regelmäßig 5km und 10km Rennen gelaufen. Ich habe also Erfahrung auf diesen Strecken gesammelt, bevor ich das Abenteuer Marathon angegangen bin.
Das Problem heute ist, dass die Menschen meinen, Marathon sei das Maß aller Dinge. Ist es sicher auch, aber man sollte auch mal versuchen, auf 5km und 10km Erfahrung zu sammeln, bevor man sich auf die langen Strecken begibt.
Gleiches ist derzeit in der Triathlon-Szene zu beobachten. Da kommen Leute angedackelt, die mit praktisch null Erfahrung gleich einen Ironman machen wollen.
Leider wird dieser Hype von den Medien unterstützt. Und so kommt es eben zu Verletzungen.
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