Ich habe einen Traum "Eine Politik ohne Gift in Italien"

Die italienische Designerin Alberta Ferretti will in ihrem Land über Ideologien diskutieren

Ich träume davon, dass wir Italiener wieder stärker an uns glauben. Ich glaube nicht, dass ein Minderwertigkeitskomplex auf uns lastet, aber wir brauchen dringend eine bessere Kommunikation nach außen. Im Moment erreichen nur schlechte Nachrichten aus Italien das Ausland. Wir Italiener müssen unsere guten Seiten ins rechte Licht rücken. Schließlich schauen wir auf eine einzigartige Kultur zurück.

Mich bewegt es jedes Mal, wenn ich den Sonnenuntergang über Venedig sehe, wenn ich durch die Altstadt Roms spaziere – und jede Ecke, jede Gasse eine Geschichte zu erzählen scheint. Solche Bilder stimulieren mich, stolz auf unsere Geschichte zu sein, auf unsere Architektur, Bildhauerei und Malerei. Wir können aus unserem Erbe Kraft schöpfen, ohne dabei in der Vergangenheit zu verharren. Die Ehrfurcht vor dem Alten soll nicht zu einer Wurzel wachsen, die unbeweglich macht.

Im Moment scheint mir die Mode das wichtigste Kommunikationsmittel der Kultur zu sein. Leider hält ihr mancher Kritiker vor, sie gehöre nicht zur Hochkultur. Damit wird eine Branche kaputtgeredet, die ein positives Bild ins Ausland transportiert – und einer der erfolgreichsten Wirtschaftszweige Italiens ist.

Viele Künstler meines Landes scheinen im Moment wie gelähmt zu sein. Sie sind nicht flexibel, gehen kaum aus sich heraus – und verkaufen sich schlechter als junge Amerikaner. Nehmen wir einmal das italienische Kino. Es ist nicht mehr so wichtig wie in den siebziger Jahren, als Regisseure wie Pasolini und Fellini den Ton angaben. Wir können mit den Budgets in Hollywood nicht mithalten. Ich träume davon, dass eine neue Generation von Filmemachern die Herausforderung annimmt – und auf eigene Themen setzt anstatt die Amerikaner zu kopieren. Es wäre doch schön, wenn wir mal wieder einen Oscar gewinnen könnten.

In der Politik wünsche ich mir ein befriedetes Land, in dem der politische Wettbewerb kein Gift produziert. Ein Land, in dem sich Politiker darüber im Klaren sind, dass sie Probleme bewältigen müssen, die seit Jahren aufgeschoben wurden.

Ich träume deshalb von einer echten Politik, die ich im Ansatz in regionalen Bürgerinitiativen entdecke, aber leider nicht in Parteiprogrammen. Wir sollten weniger über Ideologien diskutieren und mehr über unser Land. Konkret hoffe ich, dass es eine Wahlreform gibt. Dutzende Parteien sitzen im Parlament – und damit Dutzende Ideologien, die sich gegenseitig lähmen. Wir Unternehmer müssen uns so rasch auf die Welt um uns herum einstellen – das möchte ich auch in der Politik sehen. Ja, ich träume von mehr Professionalität unter den Politikern. Nur dann können wir international Schritt halten und unser Image verbessern.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

Alberta Ferretti ist eine italienische Modedesignerin. Sie wurde 1950 in Cattolica geboren, bereits mit 18 Jahren eröffnete sie dort ihre erste Boutique. Mit dem Boom der Mailänder Mode Anfang der achtziger Jahre gelang ihr der Sprung auf den internationalen Markt. Sie lebt in Mailand.

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Leser-Kommentare
  1. Dem Wunsch von Alberta Ferretti nach einer 'Politik ohne Gift' der Ideologien und der konfliktkkämpferischen statt konfliktauflösenden (Macht-)Parteien-Konkurrenz kann leicht entsprochen werden. Frau Ferretti müßte nur informiert werden, dass es die gewünschte Partei und die entsprechende KREATIVE-Politikperspektive gibt, die ich mit GOETHEPOLiTIK bezeichne. Sie folgt aus der Logik der kommenden Weltordnung des KREATIVEN. Sie steht ante portas. Die derzeitige Wachstumsabsturz-Krise wird durch den Übergang in diese neue Weltordnung beendet werden. Angela Merkels 'Charta-für-nachhaltiges-Wirtschaften' wird das alles organisieren.

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