Es klang nach einer garstigen, aber zuversichtlichen Prognose. "Blutende Wunden" klafften noch im Weltfinanzsystem, sagte Amerikas Präsident während des G20-Gipfels in London, doch der Patient sei auf dem Weg der Besserung. So wie Barack Obama sahen es etliche Politiker. Doch womöglich sind sie damit viel zu optimistisch. Vielleicht droht dem Weltfinanzmarkt ein neues Blutbad.

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, ist eine weitere wichtige Säule der Kapitalmärkte ins Wanken geraten: die Versicherer. Zugespitzt hat sich ihre Lage vor allem in den USA. Seit dem Herbst 2008 sorgt dort der Riesenkonzern AIG für Schlagzeilen. Er musste vom Staat gestützt werden, und für die letzten drei Monate des Jahres 2008 wies das Unternehmen einen Rekordverlust von 60 Milliarden Dollar aus. Finanzexperten beruhigten; das Unternehmen habe sich nur mit Derivaten verspekuliert. Doch AIG musste auch herbe Rückschläge im Versicherungsgeschäft hinnehmen – wie andere Unternehmen der Branche.

Einige kleinere Versicherungsfirmen sind von staatlichen Regulierern bereits aufgefangen worden, Größen der Branche sind unter enormen Druck geraten. So erschreckte Prudential, die Nummer zwei der Lebensversicherer, die Wall Street Ende 2008 mit einem Verlust von 1,64 Milliarden Dollar. Hartford, an dem der Allianz-Konzern im vergangenen Oktober für 2,5 Milliarden Dollar eine Minderheitsbeteiligung erwarb, meldete ein Minus von 806 Millionen Dollar – nach 2,6 Milliarden Dollar Verlust im Quartal davor.

Vergangene Woche senkten die Analysten der Rating-Agentur Moody’s die Kreditbewertung von Hartford, Anleihen dieser Firma werden jetzt nur noch eine Stufe besser als "Müll" eingeschätzt. An der Börse fliehen die Anleger aus Versicherungspapieren: Die Prudential-Aktie ist binnen Jahresfrist von 78 Dollar auf 24 Dollar gefallen, das Papier von Hartford verlor im gleichen Zeitraum fast 90 Prozent seines Wertes. Das Wall Street Journal berichtete von "Angst" in der Branche .

Sollte die Angst in Panik umschlagen, träfe dies das Finanzsystem erneut ins Mark. Nach den Banken spielen Assekuranzunternehmen nämlich eine entscheidende Rolle in der Volkswirtschaft: Sie sammeln Prämien von ihren Kunden ein – und legen sie dann am Finanzmarkt an. In den USA etwa ist es üblich, dass Versicherer Kommunalobligationen erwerben. Damit zählen sie zu den wichtigsten Geldgebern von Städten und Gemeinden. Sie gehören auch zu den größten Finanziers von Unternehmen. Rund zwei Drittel ihrer Portfolios haben die Versicherungskonzerne in Anleihen angelegt. Ende 2007 war damit eine Riesensumme von 1,7 Billionen Dollar zusammengekommen.

Was wäre die Folge, wenn nach den geschwächten Banken auch die Versicherer als Geldgeber ausfielen? Und welche Konsequenzen hätte ein Kollaps der Assekuranzunternehmen für das ohnehin schon angeschlagene Vertrauen in das Weltfinanz- und Weltwirtschaftssystem?