Warum machen Sie das? "Ich hatte immer wieder Heureka-Erlebnisse"
Die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard erforscht, wie der Zebrafisch zu seinen Streifen kommt. Warum sie das interessiert, erklärt sie Roger Willemsen
Roger Willemsen: Frau Nüsslein-Volhard, Ihr Drama ist es, dass Sie dauernd mit Laien reden müssen?
Christiane Nüsslein-Volhard: Das ist ziemlich schwierig, ja.
Willemsen: Weil Sie dauernd ungenauer sein müssen, als Sie wollen?
Nüsslein-Volhard: Nein, weil sie mich nicht verstehen. Man muss meist so weit zurückgehen, dass man den Punkt gar nicht erreicht, wo es für einen selbst spannend wird.
Willemsen: Nehmen wir die Gentechnologie: Worüber wird geredet, worüber müsste geredet werden?
Nüsslein-Volhard: Du lieber Himmel! Da müsste ich erst erklären, was ein Gen ist, dann, dass jedes Tier und jede Pflanze etwa 10.000 bis 20.000 solcher Dinger haben, wie die wirken und dass man Gene künstlich verändern kann. Bis ich dahin gekommen bin, ob das gefährlich ist, habe ich Sie wahrscheinlich schon verloren.
Willemsen: Ist es gefährlich?
Nüsslein-Volhard: Nein, das glaube ich nicht.
Willemsen: Die Selektion hat einen schlechten Ruf, findet aber überall statt.
Nüsslein-Volhard: Aber klar, das fängt schon damit an, dass Sie sich Ihre Freundin selbst aussuchen, und das machen Sie nach Kriterien…na ja, die kann man auch hinterfragen.
Willemsen: Speziell meine.
Nüsslein-Volhard: Weiß ich jetzt nicht. Aber Selektion klingt schlimm, weil der Begriff durch das "Dritte Reich" besetzt wurde, aber wir machen doch ununterbrochen irgendwelche Auswahlen.
Willemsen: Lohnt es sich, auf dieser Basis die Intelligenz von Mann und Frau zu unterscheiden?
Nüsslein-Volhard: Die Intelligenz ist es wohl nicht, was Frauen und Männer unterscheidet. Die Gefühlswelt ist anders, was Befriedigung verschafft, ist für Männer und Frauen unterschiedlich.
Willemsen: Wir reden hier noch auf wissenschaftlicher Basis?
Nüsslein-Volhard: Der Unterschied liegt an angeborenen Neigungen, aber das hat mit den Hormonen zu tun, nicht mit den Genen. Die hormonelle Ausstattung bei Männern und Frauen ist unterschiedlich, und deshalb wird die Welt mit unterschiedlichen Augen gesehen.
Willemsen: Was ist eigentlich Forscherdrang im Kern?
Nüsslein-Volhard: Neugier. Ich möchte die Natur verstehen, ich möchte wissen, wie es dazu gekommen ist, dass etwas so ist, und zwar genau und nachprüfbar und nicht geglaubt oder kulturell eingeprägt.
Willemsen: Hat die Neugier in Ihrem Leben abgenommen?
Nüsslein-Volhard: Nee. Wenn man älter ist, forscht man allerdings selbst nicht mehr so viel. Man hat nicht die Zeit, so lange im Labor zu stehen, und macht zu viele Fehler.
Willemsen: Als Kind haben Sie eine Schneckenzucht am Bahndamm gehabt…
Nüsslein-Volhard: Nein, ich hab Schnecken rennen lassen. Ich wollte einfach wissen, welche schneller ist, aber sie waren mir zu langsam.
Willemsen: Aber die Neugier hat sich gegen den Ekel durchgesetzt.
Nüsslein-Volhard: Ich hab ja selbst versucht, die Beine der Tausendfüßler im Gehen zu zählen.
Willemsen: Hat es in Ihrem Leben den Heureka-Moment gegeben?
Nüsslein-Volhard: Immer wieder mal. Das ist ganz toll!
Willemsen: Muss man das Problem eigentlich formulieren können, ehe man anfängt zu forschen?
Nüsslein-Volhard: Bei mir nicht. Ich beobachte gerne, inszeniere Situationen, in denen man einen Sachverhalt von einer anderen Seite betrachten kann. An jedem Ende ergeben sich neue Fragen. Fertig ist man nie.
Willemsen: Und wozu das Ganze? Denken Sie, bevor Sie ein Projekt in Angriff nehmen, an den möglichen Nutzen?
Nüsslein-Volhard: Wie wird denn nun aus einem Ei ein Organismus, wie kriegt der Fisch die Streifen? Das sind die Fragen, die wir uns stellen – nicht fürchterlich gesellschaftlich relevant, aber mit Bedeutung auch für andere Gebiete.
Willemsen: Sie sind also auf Ihrem Gebiet noch nicht mit der Frage konfrontiert worden: Darf ich das?
Nüsslein-Volhard: Nein. Das ist nur auf ganz wenigen Gebieten so, wie etwa in der medizinischen, nicht aber in der Grundlagenforschung.
Willemsen: Sind Sie auf dem Wege der Forschung je auf etwas gestoßen, das Ihrer Selbsterkenntnis geholfen hätte?
Nüsslein-Volhard: Das kann ich nicht sagen. Eher im Bereich der Steckenpferde, zum Beispiel in der Primatenforschung.
Willemsen: Und woran arbeiten Sie gerade?
Nüsslein-Volhard: Bei der Entstehung der Arten werden laut Darwin die bevorzugt, die durch ihre Variation besser angepasst sind. Er wusste nicht, wie die Variation zustande kommt, weil die Gene noch nicht entdeckt waren, und wir suchen nun die Gene, die variieren. Und so suchen wir am Zebrafisch herauszufinden, wie er zu seinen Schuppen und seinen Streifen kommt.
Willemsen: Sie leben auf das nächste Heureka-Erlebnis zu?
Nüsslein-Volhard: Das tun wir.
Christiane Nüsslein-Volhard, 66, leitet die Abteilung Genetik des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen. 1995 erhielt sie den Nobelpreis.
- Datum 09.04.2009 - 12:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
- Kommentare 3
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Als ich meinen Studenten kuerzlich Toll-like receptors erklaerte (ob Sie's glauben oder nicht, waehrend eines Kurses fuer Postgraduierte in Esfahan, Iran), erwaehnte ich den Ursprung fuer den merkwuerdigen Namen: In der Tat geht das wohl auf einen Heureka-Ausbruch von Prof. Nuesslein-Volhard zurueck ("Toll!"), die ein entsprechendes Protein bei Drosophila melanogaster entdeckt hatte.
Nüsslein-Volhard: Der Unterschied liegt an angeborenen Neigungen, aber das hat mit den Hormonen zu tun, nicht mit den Genen.
Mir ist da etwas nicht ganz klar, für mich hat es den Anschein, als sei die Aussage widersprüchlich.
Denn Hormone sind doch Eiweiße, Eiweiße bestehen aus Aminosäuren und Aminosäuren werden durch die Gene codiert. Also meine ich, vermutlich vermeine ich viel eher, dass Hormone ursächlich durch die DNA bestimmt werden, also genetisch sind, oder etwa nicht?
Wenn jemand für Aufklärung sorgen könnte, wäre ich ihm dankbar.
Ist denn wissenschaftlich und endgültig geklärt, ob der weiße Zebrafisch schwarze Streifen hat? Oder vice versa: Ob der schwarze Zebrafisch weiße Streifen trägt?
Heureka! Man will ja schließlich schlauer nach dem Interview nach Hause schwimmen! Schwimmen? Ja, das müsse ich besonders gut können, weil ich doch so viele Schuppen hätte, meinte meine Freundin. Sternzeichen - Sie ahnen es: Fisch...
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Weiter so, Roger Willemsen! - Es könnten doch auch gelegentlich zwei Zigarettenlange Interviews werden. Oder kommt dann die Online-Redaktion ins Schwimmen?
,-)
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