Kolumne Wörterbericht
Mauerfall
Ach, wäre die Sprache aus Beton. Dann könnten wir wie Mauerspechte die blöden und dummen Wörter einfach herauspicken. Doch die Sprache ist viel härter als Beton und viel weicher, oft ist sie ähnlich unkaputtbar wie so manche Ideologie. Das ideologische Wort Mauerfall zum Beispiel, das so ziemlich alles umdeutet und verharmlost, was 1989 geschah. Denn in Mauerfall steckt kein Handelnder. Mauerfall sagt nicht, die Mauer wurde gestürzt, umgerissen, von den friedlich Revoltierenden niedergemacht, weil es dann ja Mauersturz, Mauersturm oder Mauerattacke heißen müsste. Doch es heißt Mauerfall, ganz so, als habe der »antifaschistische Schutzwall« eines Tages beschlossen, das Zeitliche zu segnen und einfach umzukippen. Ähnlich ist es mit Wende ; auch dieses Wörtchen schweigt sich aus über die Dramatik, die radikalen Veränderungen, die schließlich zum Kollaps der bipolaren Weltordnung führten. Wende ist sanft, Wende klingt nach Kurskorrektur und nicht nach jener harten Kehrtwende, als die heute viele Menschen ihr Leben nach dem Ende der DDR empfinden. Hätten ihnen damals schon die Sprachspechte das Wörtchen weggepickt, sie wären heute wohl von der deutsch-deutschen Vereinigung weniger enttäuscht.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 08.04.2009 - 08:03 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren