Stecker raus, Verbindung weg. Erst beim Faxgerät, dann beim Computer. Nur ein Telefon ist Dietrich K. in seinem kahlen Büro im Berliner Stadtteil Neukölln geblieben. Darauf kann er sich anrufen lassen, raustelefonieren geht schon nicht mehr. Mit der Außenwelt korrespondiert er auf dem Postweg, vor allem mit dem Insolvenzverwalter. K. ist Disponent bei der Zeitarbeitsfirma Magista. Mit einer Assistentin hat er die Berliner Niederlassung des Unternehmens geführt. Bis zum 18. Februar, als sein Arbeitgeber die Zahlungsunfähigkeit meldete. In Kürze soll das Insolvenzverfahren für die elf Standorte der Firma mit Hauptsitz Hannover eröffnet werden. Von den betroffenen Mitarbeitern hätten »viele kopflos reagiert«, sagt er. Im Moment sei das alles wie ein Dammbruch. Ein Dammbruch, der dafür sorgen könnte, dass nicht nur Magista, sondern große Teile einer Branche davongespült werden, die bis vor Kurzem zu den größten Profiteuren des Booms zählte – die Zeitarbeit.

Seit Juli 2008 ist die Zahl der Leihkräfte deutschlandweit von 821.000 auf 546.000 gesunken. Einst versprach die Branche Arbeit für fast jeden, auch für Berufseinsteiger und gering Qualifizierte; Zeitarbeit galt als Jobmotor. Nun droht der Absturz. Unternehmen schicken den Zeitarbeitsfirmen ihre Leiharbeiter zurück, doch statt diese in neue Einsätze zu vermitteln, kündigen die Verleiher ihren Mitarbeitern. Aufträge sind knapp geworden, die Umsätze brechen weg, viele Zeitarbeitsfirmen schlittern wie Magista in die Insolvenz. Fast immer sind es kleine Betriebe mit weniger als hundert Mitarbeitern, spezialisiert auf die Vermittlung von gering qualifiziertem Personal und auf einzelne Kunden, häufig im Autosektor, Maschinenbau oder in der Elektroindustrie.

Trauer über die Pleitewelle herrscht in der Branche kaum – Unternehmerverbände, Zeitarbeitsfirmen und Gewerkschaften begrüßen das Gewitter in seltener Eintracht. Thomas Bäumer, stellvertretender Präsident des Bundesverbandes Zeitarbeit (BZA), spricht von einer »Bereinigung«. Bodo Grzonka, Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg, sagt: »Wenn die kleinen Firmen hopsgehen, ist das kein Verlust.«

Klein war auch Magista. 2003 gegründet, beschäftigte Magista in seiner besten Zeit 500 Mitarbeiter, am Ende waren es noch 41 gering qualifizierte Kräfte im Autosektor. Bereits im Herbst hätten die Kunden stark abbestellt, sagt Insolvenzverwalterin Mechthild Greve. Magista versuchte, im Bereich der Facharbeiter Fuß zu fassen – vergeblich. Bis Januar konnten die Löhne der verbliebenen Mitarbeiter teils noch ausgezahlt werden, im Februar gab die Firma das Aus bekannt. »Die mussten wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung dichtmachen«, sagt Greve.

In den Boomjahren ließ sich mit dem Arbeitsverleih leicht Geld verdienen. Zeitarbeitsfirmen waren schnell gegründet. »Man hängte sich ein Schild vor die Tür und nannte sich Jobvermittler«, sagt Gewerkschafter Grzonka. Ein Drittel der Firmen entstand wie Magista nach 2003, als Leiharbeitern gestattet wurde, länger als ein Jahr in einem Unternehmen tätig zu sein. Während des Jobbooms kamen die Firmen mit der Verleiharbeit kaum hinterher – und kassierten satte Renditen. Einer Verbandsschätzung zufolge überweisen Unternehmen, die Leiharbeiter anheuern, etwa den 2,5-fachen Bruttolohn der Arbeitnehmer an die Zeitarbeitsfirma. Daraus erhält der Leiharbeiter seinen Lohn, die Verleihfirma zahlt die Sozialversicherungsabgaben, der Rest bleibt hängen.

Über 8000 Zeitarbeitsunternehmen gibt es in Deutschland, 90 Prozent von ihnen beschäftigen nicht mehr als hundert Mitarbeiter. Noch existieren Nischenanbieter, die mit gut ausgebildetem und gut bezahltem Personal im Gesundheits- oder Ingenieurbereich von der Krise wenig spüren, doch »werden auch sie es nicht schaffen, den Erdrutsch aufzuhalten«, sagt Verbandsmann Bäumer. Die meisten Firmen setzten wie Magista auf den Helfermarkt und offenbaren in der Krise ihre Schwächen.

Kleine und unsolide Unternehmen verschwinden vom Markt. Unbeschäftigte Mitarbeiter sind kaum mehr weiterzuvermitteln. Es drohen hohe Kosten, denn die Löhne für die Mitarbeiter müssen weitergezahlt werden, ohne dass diese durch einen Einsatz bei Kunden Geld erwirtschaften. Auch Zeitkonten – vorher ein guter Puffer für die Personaldienstleister – bringen die Firmen in Liquiditätsschwierigkeiten, da die Mitarbeiter sie scharenweise abfeiern. Rücklagen gebildet haben die meisten Zeitarbeitsfirmen im Boom nicht. Das rächt sich jetzt.