US-Präsident Barack Obama - Rockstar unplugged

Nach nicht mal 100 Tagen dreht sich der Wind gegen Obama

Der US-Präsident spürt daheim erstmals Gegenwind

Der US-Präsident spürt daheim erstmals Gegenwind

Stanford, Kalifornien - Der Zeitgeist geht gewundene Wege in Amerika. Eine satte Mehrheit (59 Prozent) applaudiert dem Rauswurf unfähiger Manager, deren Unternehmen nur noch an den Zitzen von Mutter Staat überleben können. Dieser Punkt geht an Barack Obama, der Rick Wagoner von GM, einen der unfähigsten überhaupt, zum Abschuss freigegeben hatte. Andererseits bleiben die Amerikaner nach wie vor ein staatsskeptisches Volk. Zwei Drittel glauben nicht, dass die "Feds", die Bundesbürokraten, die besseren GM- oder Ford-Chefs wären.

Die Wut über Gier & Exzess wabert zwar mächtig in dem Land, über das Heinrich Heine schimpfte: "Das Geld ist ihr Gott, ihr allmächtiger Gott." Aber Antikapitalismus? Volkes Stimme sehnt sich nicht nach dem Messias namens "Staat". Mit Blick auf den gerade verstrichenen G-20-Gipfel in London meinen fast zwei Drittel der Befragten, dass die Entscheidungen amerikanischer Unternehmer besser fürs Wachstum seien als irgendwelche Beschlüsse der dort versammelten Regierungschefs. Her mit dem Sozialstaat von europäischer Massivität? Vier Fünftel (!) wollen nicht, dass Obama die Steuersenkungen für die Mittelschicht antastet, die George W. Bush verfügt hatte. Fast die Hälfte mag den 3,6-Billionen-Dollar-Haushalt grundsätzlich nicht.

Kein Wunder. Seit dem offiziellen Beginn der Krise, dem Sturz des Hauses Lehman, haben Schatzamt und Zentralbank 12,8 Billionen Dollar entweder ausgegeben oder bereitgestellt. Das ist fast so viel wie die Wirtschaftsleistung 2008: 14,3 Billionen. Die Neuverschuldung pro Mann, Frau und Kind beträgt demnach 42.000 Dollar – gerade mal 6000 Dollar weniger als das statistische Jahreseinkommen.

Der republikanische Senator Tom Coburn, obwohl ein Freund Obamas, kann nicht mehr an sich halten. Obamas Haushalt, schrieb er in RealClearPolitics, sei der "größte Schritt weg vom Kapitalismus und hin zum Kollektivismus in der Geschichte unserer Republik". So apodiktisch sieht’s das Wahlvolk noch nicht. Dennoch registrieren die professionellen Pulsfühler inzwischen den geringsten Abstand zwischen denen, die Obama "sehr zustimmen" (35 Prozent), und jenen, die seine Politik "sehr ablehnen" (32 Prozent). Bei seinem Amtsantritt betrug der Abstand 30 Punkte. Vier Fünftel machen sich Sorgen über Defizit und Inflation.

Wir stehen vor einem Merkel-Problem auf Amerikanisch. Bekanntlich schätzen die Leute die Frau mehr als ihre Partei. Das US-Wahlvolk mag den Präsidenten mehr als sein Programm, von dem 82 Prozent fürchten, dass es nicht funktionieren werde. Und im Ausland lieben sie den Rockstar von der Siegessäule noch immer; nach der Pressekonferenz in London haben die Journalisten, geradezu unglaublich, dem Mann eine Standing Ovation gegeben.

Daheim aber wird das Eis, auf dem Obama seine eleganten Bögen zieht, dünner. Nicht dünn, sondern nur dünner. Unwillkürlich denkt man an Franklin Roosevelt. Der wurde 1936 und 1940 wiedergewählt, obwohl er die "Great Depression" nicht bezwingen konnte (das schaffte erst der große Krieg von 1942 an). So viel Zeit hat Obama nicht; das zeigen die Umfragen nach nicht einmal hundert Tagen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Doch !

    Doch !

    Markus70

  2. der Fels in der Brandung allgemeiner Obamania steht noch! Und hat sogar recht behalten, weil es da eine Umfrage gibt. Dünner geht's nimmer. Soll der Online-Auftritt der ZEIT belegen, daß Internet und Printpresse zwei verschiedene Paar Stiefel sind? Sehr geschickte Taktik. Für mich ist die gedruckte ZEIT jedenfalls immer noch unverzichtbar.

  3. Schon ärgere ich mich weniger. Fast schade. Aber einmal (und ich schwöre, es ist das letzte Mal), kommentiere ich JJ noch:
    Ich hab den Artikel dreimal gelesen, vielleicht hab ich es trotzdem überlesen: Gibt er eigentlich irgendwo die Quelle seiner schönen Umfragen an? Wo erschienen, von wem im Auftrag gegeben, von wem erstellt?

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    "In den USA verliert der Kapitalismus an Anziehungskraft"
    Das Gute ist: Der Autor des Artikels
    http://www.heise.de/tp/bl...
    F. Rötzer verlinkt im Gegensatz zu JayJay auf seine Quelle.
    Hier:
    http://www.rasmussenrepor...

    "In den USA verliert der Kapitalismus an Anziehungskraft"
    Das Gute ist: Der Autor des Artikels
    http://www.heise.de/tp/bl...
    F. Rötzer verlinkt im Gegensatz zu JayJay auf seine Quelle.
    Hier:
    http://www.rasmussenrepor...

  4. "Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast." Diese - Churchill zugeschriebene - Aussage wird von Herrn Joffe umgedeutet: "Verwende keine Statistik, die Du nicht handverlesen hast."

    Es würde für seine journalistische Integrität sprechen, zitierte er seine Quelle. Stattdessen beruft er sich auf anonyme "Pulsfühler".

    Zieht man hingegen seine einzige belegte Quelle zu Rate (RealClearPolitics), so stellt man fest, dass der aktuelle Abstand zwischen Zustimmung und Ablehnung von Obamas Politik im Durchschnitt noch satte 31,1 Prozent beträgt. (http://www.realclearpolitics.com/epolls/other/president_obama_job_approval-1044.html, Stand: 8. April 2009)

    Ich finde es bedauerlich, dass die ZEIT solchen Verdrehungen der Wahrheit ein Forum bietet.

  5. Tatsache ist doch, daß Barack Obama nach nicht mal 3 Wochen Amtszeit mehr Reformen bewältigt hat als Angela Merkel in 3 Jahren ihrer Regierungszeit. Er vertritt einen Typus von Politiker, dem die Wähler grenzenloses Vertrauen schenken und nicht hinters Licht geführt werden wie bei manch einer uns einheimischen Politikern. Wenn Angela Merkel oder Steinmeier Wahlprogramme verlesen, so hört sich das doch an wie das Vorlesen von Fahrplänen der Deutschen Bundesbahn, nicht so bei Obama. Also ich sehe da keinen wackelnden Obama wie ihn Herr Joffe gern sehen würde ... das haben die Bilder aus Prag, London, Baden-Baden und Strassburg doch eindringlich gezeigt ... manchmal sagen Bilder mehr als Statistiken und Umfragen.

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    der Besuch in Ankara und Istanbul (im Gegensatz zu Merkel's Durchgeflitze mit gesenketem Haupt in der Türkei ;-) - eine aufrichtige Tour.

    der Besuch in Ankara und Istanbul (im Gegensatz zu Merkel's Durchgeflitze mit gesenketem Haupt in der Türkei ;-) - eine aufrichtige Tour.

    • Anonym
    • 08.04.2009 um 20:03 Uhr

    Wenn diesen Artikel so liest, so bekommt man den Eindruck, das hier die Positionen von Leuten bedient werden, die Angst davor haben, Obama könnte doch tatsächlich mit seiner Ausgabenpolitik das Problem lösen.

    Selbstverständlich wollen die Amerikaner keinen Wohlfahrtsstaat wie z.B. Deutschland und selbstverständlich machen sie sich Sorgen. Wer anderes glaubte oder herbeiredete erlag eindeutigem Wunschdenken.

    Am Ende aber wird der Erfolg oder das Scheitern das Schicksal Obamas besiegeln, allerdings frühestens am Ende der 1. Amtszeit. Denn dafür ist sie ja da, die Amtszeit, damit man am Anfang unpopuläres durchziehen kann.

    Man könnte höchstens spekulieren, das diejenigen, die vor allem bei uns die Ausgabenpolitik abgelehnt haben, schon kalte Füße bekommen, Angesichts der anstehenden dramatischen Einbrüche bei uns. Da könnten Nebelkerzen halt hilfreich sein.

    Berthold Grabe

    • FahadA
    • 08.04.2009 um 20:20 Uhr

    Condi & Joe reunited (in Stanford)

  6. Joffes Beitrag will die Sozialstaatsferne der USA darstellen. Lob den Unternehmern - Tadel für die Bundesbürokraten, aber Bürokratie bleibt Bürokratie - einerlei ob privat oder öffentlich. Mit Realität hat das nichts zu tun, das ist reine interessegeleitete Ideologie. Es ist eher so, dass es einerlei ist, ob eine Wirtschaft privat oder staatlich organisiert ist. Es wird aber jedenfalls echt schwierig werden, den Staat ganz abzuschaffen - sprich: den Sozialstaat umzubauen und ihn den Managern zu überlassen. Das Risiko des Scheiterns dieses Experiments ist mE grösser als sein Gewinn für die Menschen. Schon der Vergleich zwischen USA und Europa ist unmöglich. Letztlich wird es wahrscheinlich doch auf ein duales System hinauslaufen.

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