Die beiden Reiter waren abgestiegen und führten ihre Pferde am Zaum. »Unsere Führer marschierten oder besser hüpften wie Wildkatzen über jedes Hindernis auf unserem Weg. Ob es ein umgestürzter Baum war, ein Bach oder ein Sumpf, stets wiesen sie uns mit dem Finger die richtige Richtung. Wir waren völlig in ihrer Hand. Hier galt die umgekehrte Rangfolge. In diesem tiefsten Dunkel und allein auf seine Kräfte angewiesen, marschierte der zivilisierte Mensch blind voran, nicht nur unfähig, seinen Weg im Labyrinth auszumachen, sondern auch, dort das zum Leben Nötige zu finden. Und inmitten derselben Schwierigkeiten triumphiert der Wilde. Für ihn war der Wald sein Vaterland.«

Staunen verjagt alle Furcht, als an diesem 25. Juli 1831 zwei junge Franzosen von altem Adel sich durch die undurchdringlichen Wälder zum Michigan-See vorkämpfen. Geführt werden die Fremden von zwei noch jüngeren Chippewa-Indianern zu Fuß. Verständigen können sich die vier jungen Leute nur durch Gesten.

Alexis de Tocqueville und sein Freund Gustave de Beaumont wollen nach Saginaw. Sicher, am Vortag hatten sie ihrem Gastwirt in Pontiac, wo die Straße und alles business endete, etwas vorgeflunkert, allerlei von »Landkauf« in der Gegend gemurmelt und sich genau über die Preise unterrichten lassen, der Morgen Land höchstens zehn Shilling, hatte der Wirt beschieden.

Am Schluss hatte der gute Mann die beiden völlig entgeistert angesehen: »Was, Sie wollen nach Saginaw? Kaum zu glauben: Ja, wissen Sie denn nicht, dass Saginaw der letzte bewohnte Ort bis zum Pazifischen Ozean ist!?« Als die beiden Franzosen stur blieben, kam dem entsetzten Gastwirt nur noch eine Erklärung für ein derart verrücktes Unterfangen in den Sinn: »Sie wollen also weit weg von jeder Konkurrenz sein, nicht wahr? Sind Sie womöglich im Auftrag der kanadischen Pelzhandelsgesellschaft unterwegs?« Was sollten die Fremden diesem letzten Vertreter der praktischen Vernunft am Rande der Wildnis denn auch sagen? So ganz klar war ihnen ihr Reisegrund wohl selbst nicht. Den einen erklärenden Grund gab es nicht.

Da waren zunächst einmal Herkommen und Fortkommen: Charles Alexis Henri Clérel de Tocqueville, geboren 1805, war der dritte Sohn einer normannischen Aristokratenfamilie, die während der Französischen Revolution schwer gelitten hatte, im Kerker und unter der Guillotine. Ihr Schicksal spiegelte den Niedergang der aristokratischen und den Aufstieg der demokratischen Welt. Bei den Tocquevilles war man Royalist und den Bourbonen treu. Nur kam in der Julirevolution 1830 mit dem »Bürgerkönig« Louis Philippe ein Herrscher aus dem Hause Orléans an die Macht, sozusagen ein König aus dem falschen Haus. Und Tocqueville genau wie sein Freund Beaumont hatten nur widerwillig den Eid auf den Neuen geschworen.

Tocqueville war diese Art der Monarchie und ihr Juste Milieu »mit den Allüren eines Industrieunternehmens« suspekt. Seine Lage erschien dem jungen Mann als délicat, und so schoss ihm mehr als einmal der Gedanke durch den Kopf, Karriere einfach Karriere sein zu lassen: »Wenn ich gezwungen bin, meine Laufbahn zu verlassen, und wenn mich nichts wirklich in Frankreich hält, dann bin ich entschlossen, dem Müßiggang des Privatlebens zu entfliehen. Seit langem habe ich große Lust, Nordamerika zu besuchen. Ich werde dort sehen können, was eine große Republik ist.«

Politisch motiviert war die Reise nach Amerika aber noch aus anderem Grund: Der junge Tocqueville weinte der vorrevolutionären Welt, dem Ancien Régime, keine Träne nach. Unwiederbringlich dahin, sagten ihm Herz und Verstand. Was die neue Zeit aber brachte, den Eilmarsch der égalité des conditions, der gleichen Teilhaberechte aller, das ließ sich am besten, so seine Überzeugung, in der Neuen Welt studieren.