Thailand Der Letzte seiner Art

In Thailand streiten zwei politische Lager bereits um das Erbe des Königs Bhumibol Abduljadeh

Das Idol der Opposition, Ex-Premier Thaksin Shinawatra aus dem Norden Thailands, als Pappkamerad auf der Demonstration der Roten

Das Idol der Opposition, Ex-Premier Thaksin Shinawatra aus dem Norden Thailands, als Pappkamerad auf der Demonstration der Roten

Der reichste König der Welt besitzt keine 100 Meter lange Megajacht. Er fliegt nicht nach Zürich oder London in den Urlaub. Er hat keinen Harem. Und er taucht auch nicht in Illustrierten wie Paris Match oder Hello! auf. Stattdessen verbringt er seine Zeit mit einem Hund namens Thongdaeng (Kupfer), den er auf der Straße gefunden hat. Ein Buch, das er über Thongdaengs absoluten Gehorsam geschrieben hat – eine Parabel auf seine Untertanen –, wurde in Thailand öfter verkauft als jedes andere Buch.

König Bhumibol Abduljadeh regiert Thailand seit beinahe 63 Jahren. Damit ist er der am längsten amtierende Herrscher unter allen lebenden Königen oder Staatsoberhäuptern. Seine Laufbahn auf dem Thron hat er unterhalb des Radarschirms der internationalen Aufmerksamkeit zugebracht. Nun aber ist er zur Schattenfigur eines Machtkampfes geworden, der Thailand in Atem hält.

Auf der einen Seite stehen jene, die vorgeben, den König zu verteidigen, die Royalisten, die alten Eliten, das städtische Bürgertum. Sie tragen das Gelb des Königshauses und wollen damit sagen: Wer mit uns ist, ist für den König. Wer es nicht ist, ist gegen ihn – auch wenn das nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Auf der anderen Seite stehen die Roten, die Anhänger des ehemaligen Premierministers Thaksin Shinawatra, der 2006 durch einen Militärputsch von der Macht vertrieben wurde. Lange konnten die alten Eliten die Geschicke des Landes bestimmen, bis im Jahr 2001 Thaksin mit überwältigender Mehrheit zum Premier gewählt wurde. Thaksin, der reichste Mann Thailands, war alles andere als ein lupenreiner Demokrat und gleichzeitig doch der Erste, dessen Politik sich an Bauern und Unterschichten wandte. Die Reichen und die Mittelschichten schimpften ihn einen Populisten, die Armen liebten ihn dafür.

Und Thaksin wagte das Unvorstellbare, er nahm es mit dem König auf. Er repräsentierte eine politische Gruppierung, die die Zivilregierung gegenüber dem Palast und dessen Bündnispartnern in den Streitkräften stärken wollte. Dabei versuchte er auf grobschlächtige Weise, die königliche Familie auszustechen und größere Beliebtheit zu erlangen als der König. Der unterstützte parteipolitische und juristische Bemühungen, ihn loszuwerden. Als das nicht reichte, musste sogar ein Putsch her.

Doch Thaksin war nicht zu stoppen. Fortan mischt er aus dem Exil durch seine Stellvertreterpartei in der thailändischen Politik mit. Sie regierte – bis das Militär vor vier Monaten einen Flügel der Regierungspartei »überzeugen« konnte, die Seiten zu wechseln, und Abhisit Vejjavjiva, einen Parteigänger der Gelben, zum Premier machen konnte. »Betrug«, schrien die Roten, sie wollen den neuen Premier nun stürzen. Rote und Gelbe lieferten sich in den vergangenen Tagen in Bangkok Straßenkämpfe, es ist ein Kampf zwischen einer alten Elite und einer neuen Mehrheit, ein Kampf um Macht und Einfluss, vor allem aber um die Zukunft des Landes.

Denn in gewisser Weise handelt es sich um einen vorgezogenen Erbstreit. Eine kaum verhüllte Panik hat das Land erfasst: Was soll nur aus Thailand werden, wenn der 81-jährige König stirbt? Die meisten Thailänder können sich ihr Land ohne den König gar nicht vorstellen. Und die Royalisten fürchten, dass Thaksins Parteigänger ihre Privilegien beschneiden könnten.

Wer tötete den Bruder? Niemand weiß es – außer Bhumibol

Denn entgegen der Behauptung, Bhumibol stünde ober- und außerhalb von allem politischen Hader, ist er zur wichtigsten Kraft im Land geworden. Keiner bestimmt länger die Politik, keiner wird mehr vom Volk verehrt als er. Bhumibol ist ein konstitutioneller Monarch, seine formalen Kompetenzen sind äußerst begrenzt. Dennoch hat er sich zu einem der mächtigsten Könige der Welt entwickelt. Seit 63 Jahren beziehen politische Gruppierungen ihre Legitimität daraus, dass er ihnen Unterstützung gewährt. Im Leben seiner 65 Millionen Untertanen ist er stets gegenwärtig, wenn auch nicht im Stil der märchenhaften europäischen Königshäuser, die sich fortwährend in Illustrierten und Boulevardzeitungen spreizen. Stattdessen gibt er sich als bescheidener Monarch, als nahezu erleuchteter Dharmaraja (König der buddhistischen Gesetze), als Mann ohne Begierden, der die ernste Pflicht auf sich nimmt, das Leben seines Volkes zu verbessern.

Deshalb war der Palast des neunten Königs der Chakri-Dynastie verständlicherweise peinlich berührt, als die Zeitschrift Forbes berichtete, Bhumibols Besitz belaufe sich auf 35 Milliarden Dollar. Anders als die Sultane und Scheichs unter den Top Ten kann er seinen Reichtum nicht einfach damit erklären, dass er nun einmal das Glück habe, auf gottgegebenen Seen von Öl zu sitzen. Bhumibols Vermögen besteht zum größten Teil aus Land und Immobilien. Dazu gehören mehr als 14 Quadratkilometer von Bangkok, bebaut mit Luxushotels und Einkaufszentren, Nudelbuden und Slums.

Niemand hat sich jemals vorstellen können, dass dieser kleine, 1927 in Boston, Massachusetts, geborene Junge einmal der Gottkönig des Landes werden würde, das damals noch Siam hieß. Sein Vater war ein hochgeborener Prinz, aber weit unten in der Thronfolge und war außerdem mit einer bürgerlichen Frau verheiratet. Aber seine königliche Nachwuchsgeneration litt unter Inzucht, die Brüder waren schwächlich, starben in jungen Jahren und hinterließen keine thronfähigen Söhne. Bhumibols eigener Vater, Prinz Mahidol, starb ebenfalls jung. Doch immerhin hinterließ er die einzigen männlichen Nachfahren, die die Dynastie aufrechterhalten konnten. Als 1932 in Thailand die Revolution gegen die absolute Monarchie ausbrach und König Prajadhipok abdankte, waren Bhumibol und sein 1925 in Heidelberg geborener älterer Bruder Ananda die einzigen möglichen Nachfahren.

Die beiden Jungen wuchsen in den dreißiger Jahren und während des Zweiten Weltkrieges mit ihrer verwitweten Mutter in Lausanne auf. Ihr Leben war typisch schweizerisch und hatte wenig mit ihrer schwülen Heimat zu tun.

Nach dem Krieg kehrten die Brüder zurück, wenn auch nur zu Besuch. Ananda wurde bereits als künftiger König gefeiert, der ein demokratisches Thailand anführen würde. Doch wenige Tage bevor beide in die Schweiz zurückkehren sollten, um ihre Schulausbildung abzuschließen, erschütterte nach dem Morgengrauen des 9. Juni 1946 ein einzelner Schuss den Palast. Ananda wurde tot in seinem Bett aufgefunden. In seiner Stirn war ein Einschussloch zu sehen. In den folgenden Jahren wurden für diese Tat drei Angehörige des Palastes hingerichtet, aber niemand glaubt im Ernst, dass sie schuldig waren. Das Geheimnis trägt bis heute allein Bhumibol in sich: Nahm sich sein Bruder das Leben? Oder war es Bhumibol selbst, der – zweifellos aus Versehen – den eigenen Bruder erschoss?

Der Thronfolger ist in öffentliche Skandale verstrickt

Zu jener Zeit zog es Bhumibol vor, mit schnellen Autos herumzufahren und in europäischen Nachtclubs Jazz zu spielen. Aber jetzt wurde er zum Herrscher über eine Nation von armen Reisbauern. Und genauso, wie Thailand über die Jahrzehnte gewachsen ist, ist es auch Bhumibol ergangen. Sein Ruf als idealer, gerechter, unpolitischer König, geleitet von buddhistischen Prinzipien und mit absoluter Hingabe die Wohlfahrt seines Volkes fördernd, wurde vom Königshaus fest etabliert.

Aber dieser Ruf gründet eher auf Berechnung als auf Taten. Seit den späten fünfziger Jahren, als mit dem Palast verbündete Einheiten der Armee die Regierungsmacht an sich rissen, wird mittels eines archaischen Gesetzes über die Majestätsbeleidigung dafür gesorgt, dass Bhumibols Ruf keinen Schaden nehmen kann. Dieses Gesetz besagt, dass jegliches Handeln, das den Namen oder das Bild des Königs oder seiner Familie beschädigt, mit einer heftigen Gefängnisstrafe verfolgt werden kann. Mehrere Menschen sitzen deshalb im Gefängnis. Ein australischer Autor wurde kürzlich erst nach sieben Monaten freigelassen, weil er in einem so gut wie unbekannten Roman eine fiktive thailändische Monarchie beschrieben hatte.

Das Gesetz wird ergänzt durch Bemühungen, den König in Tempeln und Schulen, in Ämtern und Behörden – kurzum: überall zu einer populären Figur zu machen. Die Thailänder erfahren somit nicht, was hinter den Kulissen geschieht.

Bhumibols Regentschaft ist gekennzeichnet durch Instabilität und verspätete Demokratisierung. Ein für diese Missstände verantwortlicher Schlüsselakteur ist der königliche Palast. Während Bhumibols Amtszeit hat sich durchschnittlich alle sechs Jahre ein Putsch ereignet. Die meisten davon wurden vom Thron unterstützt – gegen die jeweiligen zivilen Regierungen, die dem Königshaus zu demokratisch agierten und deren Unabhängigkeit den königlichen Kräften nicht mehr hinnehmbar erschien. Das trifft auch für den Putsch vom September 2006 zu, in dessen Verlauf der frei gewählte Milliardär Thaksin aus dem Amt gejagt wurde. Der Palast und dessen Verbündete im Militär unterstellten ihm (durchaus zu Recht), er habe sich eine eigene, derjenigen des Königs überlegene Machtbasis aufbauen wollen.

Doch aufgrund des Gesetzes über die Majestätsbeleidigung teilen wenige Thailänder diese Sichtweise. 99 Prozent aller Thailänder haben niemals einen anderen König gekannt. Ihnen wurde ihr Leben lang eingebläut, der König und sein Thron bedeuteten Stabilität und Anstand. Hingegen stünden demokratische Politik und demokratische Politiker für Chaos, Habgier und Korruption – also das ganze Gegenteil buddhistischer Werte.

Und deshalb glauben die meisten Thailänder, dass allein der König das Vaterland zusammenhalte: Für viele Menschen ist König Bhumibol Thailand. Deshalb erhebt sich vor jedem Kinofilm das gesamte Publikum von den Plätzen, um ein kurzes Video über den König zu betrachten, zu dem die Hymne des Königs – und nicht etwa die Nationalhymne – abgespielt wird.

Aber in diesem Erfolg liegt zugleich das Problem, vor dem Bhumibols Regime heute steht. Die Achillesferse jeglicher Monarchie ist die Thronfolge: Man kann nie wissen, wie wohlgeraten der Erbfolger ausfallen wird. Bhumibols Nachfolger wird die politische Macht des Throns ebenso erben wie das Bündnis des Palastes mit dem Militär und die Herrschaft über jene 35 Milliarden Dollar, die Bhumibol nicht als privaten Reichtum, sondern treuhänderisch als Nationalvermögen verwaltet hat.

Bhumibols einziger Sohn aber, der 56-jährige Prinz Vajiralongkorn, wird von vielen Thailändern gefürchtet. Vajiralongkorn ist bekannt für seine Gewalttätigkeit sowie für sein schlechtes, ja peinliches Verhalten. Diese Schwächen haben den Thronfolger in Thailand zum Gegenstand öffentlicher Skandale gemacht und im Ausland ernsthafte diplomatische Verstrickungen ausgelöst.

Paradoxerweise muss der mächtige König Bhumibol am Ende seiner Regentschaft erkennen, wie machtlos er geworden ist. Denn er kann nicht darüber gebieten, was als Nächstes geschehen wird. Noch hat er sich nicht zu den Unruhen geäußert, gut informierte Quellen sagen, er sei zu krank, um es zu tun. Bhumibol verbringt seine Tage jetzt im Vorruhestand am Meer in Hua Hin. Sein Palast dort trägt den mittlerweile beißend unpassenden Namen Klai Kangwon – Sanssouci.

Der amerikanische Journalist Paul Handley ist Autor des Buchs »The King Never Smiles« über König Bhumibol, das in Thailand verboten wurde. Deutsche Bearbeitung von Angela Köckritz

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Sinah
    • 14.03.2010 um 15:32 Uhr

    Ich bin im Moment in Thailand und sehe das anders.Der König hält die Thais zusammen, er vereint sie. Sie lieben ihn, bewundern ihn und er tut viel Gutes für die Menschen, wie auch seine Frau. Obwohl sich die Menschen über die Politik, gelb und rot, teilweise nicht einig sind, stehen sie alle hinter dem König. Er versucht das Land zu einen, nicht zu spalten! Das ganze Land steht hinter ihm und seine Kinder sind hochgeschätzte Menschen, alle seine Kinder engagieren sich sehr für wohltätige Projekte.

  1. Man muss dazu wissen, dass dieser Autor ein sehr umstrittenes Buch ueber den Koenig geschrieben hat, welches die Absicht hat negativ zu sein und nicht ausgewogen ist. Es gibt hier Kommentare von Insidern das die meisten sog. Fakten im Buch schlichtweg falsch sind.

    Das es Millarden USD in Investionen fuer die Entwicklung der Landbevoelkerung gibt, dass das meiste an Land von dem hier gesprochen wird die Menschen unentgeldlich nutzen und es einen Plan gibt dieses Land an die derzeitgen Besitzer zu uebergeben, hat der Autor nicht erwaehnt.

    Das der letzte Coup selbst von Supporten von Thaksin zum Teil unterstuetzt wurde ...

    Das Thailaender selber denken und entscheiden koennen spricht er ihnen auch ab.

    Ich finde es sehr schade das die Zeit sich auf Bild-Niveau begibt. Die Zeitung hat sich in der Tat veraendert seit ich vor 15 Jahren ausgewandert bin. Tut mir leid.

  2. Liebe KOllegen der zeit, schade dass dies Ihr Beitrag zur aktuellen Situation in Thailand. Ist. Der König ist seit eltztem Septemebr in Bangkok im Krankenhaus, war vor einigen Wochen nur für einen Tag zurück im Palast. Dass Ihrem Autor dies entgangen ist (fast täglich Berichte in thailändischen Zeitungen aus dem Krankenhaus und jeden Tag im Fernsehen)zeigt: er ist nicht uptodate. Damit leider auch nicht "Die Zeit"

  3. Es ist weitgehend unklar, welche Ziele eigentlich von den Rothemden verfolgt werden -- außer dem Sturz der aktuellen Regierung. Wer bezahlt ihnen die roten T-Shirts? Das ist doch keine ländliche Grassroot-Bewegung. Ich glaube kaum, daß die die Mittel hätten,sich sämtlich in Rot einzukleiden, wenn sie doch so arm sind. Welche Gedanken, welche Weltanschauung, welche Intressenvertreter stehen hinter ihnen? Darüber wüßte man gern mehr, dann wären auch Prognosen über den Ausgang des Konflikts denkbar.

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