Pflege Satt, sauber, trocken
Für die Krankenkassen prüft Wolfgang Lunkenheimer, wer wie viel Pflege braucht
In seinem Revier ist Wolfgang Lunkenheimer so etwas wie Polizist und Richter für Gesundheitsfragen in einer Person. »Zuerst ermittle ich den Tatbestand, dann subsumiere ich ihn unter das geltende Gesetz.« Der 56-Jährige hat mal ein Semester Jura studiert, er findet sperrige Worte für das, was ihn tagtäglich in die Wohnzimmer im Osten Berlins führt. Wolfgang Lunkenheimer arbeitet beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) Berlin-Brandenburg: Wenn die Menschen hier Geld von der Pflegekasse beantragen, kommt er oder einer seiner 50 fest angestellten Kollegen zu ihnen, um herauszufinden, ob und wie viel Hilfe sie im Alltag brauchen.
Wolfgang Lunkenheimer stellt dann den Grad der »Pflegebedürftigkeit« fest, ein technisches Wort, hinter dem sich ein Leben verbirgt wie das von Ingrid Ulrich: Rheuma, Wassereinlagerungen in den Beinen, den ganzen Tag lang abhängig von der Hilfe ihres Mannes, beim Essen und beim Waschen, beim Gang zur Toilette. Bunt scheinen in diesem Leben nur die Porzellanfiguren im Wohnzimmer zu sein: Elefanten, Delfine und ein Clown teilen sich den Platz auf den Regalbrettern.
Als Wolfgang Lunkenheimer an einem Donnerstag um die Mittagszeit bei den Ulrichs klingelt, liegt Ingrid Ulrich mal wieder im Bett. Lunkenheimer sieht, wie der Ehemann im feinen rosa Hemd seine Frau ins Wohnzimmer führt. »Manche Versicherte werden für mich auf das Bett drapiert, liegen aber gar nicht immer. Ich habe nur eine Begutachtung, um das herauszufinden.«
Lunkenheimer stellt Fragen: »Wenn Sie laufen, spüren Sie dann den Druck unter den Füßen?« – »Kaum«, sagt Ingrid Ulrich, ihre Augen glänzen hinter der silberfarbenen Brille. Ihr Gesicht ist vom Cortison aufgeschwemmt. Die Haare waren bis vor einiger Zeit noch schön, sagt sie, jetzt trägt sie eine kurze graue Stoppelfrisur.
»Bleiben Sie denn den ganzen Tag im Schlafanzug?«, fragt Wolfgang Lunkenheimer. Diesmal antwortet der Ehemann: »Ja, sie kann ja nicht mit den guten Klamotten ins Bett.« Und: »Ich muss ja auch die Schlüpper wechseln, die Einlagen.«
Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Ihr waren doch nur die Beine angeschwollen, aber auf einmal quoll Ingrid Ulrich das Wasser aus allen Poren. »Ich dachte, du hättest dich eingepüschert«, sagt der Ehemann. Er hat dann einen höhenverstellbaren Sessel für seine Frau gekauft, eine Zeit lang hat sie nur im Wohnzimmer geschlafen, weil sie gar nicht laufen konnte.
Wolfgang Lunkenheimer bittet Frau Ulrich, die Arme über den Kopf zu heben, sie schafft es nur bis zu den Ohren, eine Ewigkeit braucht sie für den Test. Dann greift Lunkenheimer über Kreuz ihre Hände und lässt sie zudrücken. Er ist ein großer, sportlicher Mann, das Baseballkäppi, das er auf dem Weg hierher trug, während er noch eine Zigarette rauchte, hat er abgenommen. Die geschwollenen Finger von Ingrid Ulrich schließen sich um seine. Jetzt öffnet er seinen Laptop und notiert:
»Faustschluss: verlangsamt, etwas lose«
»Feinmotorik: deutlich reduziert«
»Aufstehen: mit Abstützen, unsicher«
»Gehen: mit personeller Führung oder am Rollator«
Im Standardformular werden die Leiden der Ingrid Ulrich zu Stichworten. Es ist dann der Gutachter Wolfgang Lunkenheimer, der sie in eine Stufe übersetzt. »Bei einer Pflegestufe geht es letztlich um die Kriterien satt, sauber, trocken«, sagt er: Wer mindestens 46 Minuten am Tag auf Hilfe angewiesen ist, der hat Anspruch auf die Pflegestufe eins. 420 Euro gibt es dann, um zum Beispiel einen ambulanten Pflegedienst zu bezahlen. Für Hilfe beim Zähneputzen rechnet Lunkenheimer laut Katalog fünf Minuten an, für eine Ganzkörperwäsche 20 bis 25 Minuten. Bei besonders schweren Fällen, wenn etwa das Anziehen bei einem spastisch Gelähmten länger dauert, kann er auch mehr Zeit aufschreiben, als der Katalog vorgibt, das ist ihm wichtig. »Ich bin weder Anwalt der Kassen noch der Versicherten, sondern nur den Gesetzen und den Richtlinien zur Begutachtung verpflichtet«, sagt Lunkenheimer. Doch sei es manchmal tragisch, wenn jemand einfach noch nicht pflegebedürftig genug für eine neue Stufe sei: »Gerade bei der Stufe zwei liegen Welten zwischen dem Versicherten, der da eben so reingerutscht ist, und dem, bei dem es noch nicht ganz für die dritte Stufe reicht.«
Die Kassen fänden es gut, wenn eine Begutachtung schneller ginge, sagt er. Eine Stunde braucht Lunkenheimer etwa pro Hausbesuch. Heute Vormittag dauerte es sogar anderthalb, bis er bei einer Begutachteten die Entwicklung der Krankheit nachvollziehen konnte. »Wenn ich den Menschen nicht genug Raum gebe, vertrauen sie mir bei der Einschätzung am Ende nicht.«
Ob Versicherte aber nur simulieren oder wirklich bedürftig sind, das hat er inzwischen im Gefühl. Er erzählt von einem HIV-Patienten, der sich eine Pflegestufe »ergaunern« wollte, eigentlich aber dank der neuen Therapien ganz fit gewesen sei. »Mir geht nicht gleich das Herz über, nur weil jemand HIV-positiv ist.« Und er erzählt, dass einige Ältere noch »preußische Tugenden« verkörperten. »Die wollen nicht zugeben, dass sie Hilfe brauchen. Aber wer geübt ist, erkennt den Bedarf recht schnell.«
Lunkenheimer hat einmal Pädagogik studiert, mit Mitte 30 erst machte er eine Ausbildung zum Krankenpfleger, weil ihm der Kontakt mit Menschen wichtig war. Nach der Ausbildung arbeitete er jahrelang in der Aids-Hilfe, bevor er zum MDK kam. Alle, die für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung den Pflegebedarf von Versicherten einschätzen, sind entweder selbst Kranken- oder Altenpfleger, außerdem arbeiten hier ausgebildete Ärzte. Wolfgang Lunkenheimer liebt seinen Job auch wegen der flachen Hierarchien. »Pfleger und Ärzte sind gleichgestellt, unsere Gutachten sind genauso rechtskräftig wie die von Ärzten«, sagt er, nur in der Bezahlung merke man einen Unterschied. Sein Revier im Osten Berlins würde er nicht eintauschen, obwohl er im Westteil der Stadt wohnt: »Hier komme ich mit allen sozialen Schichten in Kontakt, vom alten ZK-Mitglied bis zum einfachen Alkoholiker.«
Bei Ingrid Ulrich zu Hause ist Wolfgang Lunkenheimer noch bei der Tatbestandsaufnahme. »Wie klappt es denn mit dem Zähneputzen?«, fragt er. Der Ehemann antwortet: »Ich sag ihr, gib mal deine Zähne her, ich muss die putzen. Ist doof, aber es ist halt so.« Und wie das mit den Schmerzen sei, will Lunkenheimer von Ingrid Ulrich noch wissen. »Ich sage immer, wenn wir nicht parterre wohnen würden, würde ich vor Schmerzen aus dem Fenster springen.«
Dann ist der Pflegegutachter fertig. Zwei Wochen wird es dauern, bis die Ulrichs ihr Ergebnis erfahren: Es wird für die Pflegestufe eins reichen. »Ganz egal, wie es mit der Stufe ausgeht, ziehen Sie sich auch mal wieder an, wenn das mit dem Bein wieder besser ist, damit nicht nur das Bett Ihr Reich ist«, sagt Wolfgang Lunkenheimer, bevor er geht. Sonst sei das wie bei einem Moor: Man werde immer weiter nach unten gezogen.
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- Datum 15.04.2009 - 13:11 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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Ein mir gut bekannter Mensch bekam Pflegestufe 1. Für Bekannte aus ländlichen Gebieten, die gewohnt waren, ihre alt gewordenen Angehörigen zu pflegen, schlicht unfassbar.
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