Medizinstudium "Schneid sie schon mal auf"

In Deutschland stehen sie oft nur daneben – im Ausland dürfen sie untersuchen, behandeln und assistieren: Drei Medizin-Studenten erzählen von ihren Erfahrungen

Eine Drainage ziehen
»Willst du mir helfen, die Drainage aus dem Kopf des Patienten zu ziehen?«, fragte mich eines Tages eine Krankenschwester. Es war während meines Aufenthalts in einem australischen Krankenhaus, und ich fand es toll, dass ich assistieren sollte. Dann aber gab mir die Schwester plötzlich die Handschuhe. Ich sollte die Drainage selbst entfernen – dabei war ich gerade mal im zweiten Semester! Jetzt bloß nicht zeigen, wie aufgeregt du bist, dachte ich, tu so, als hättest du das schon hundertmal gemacht. Schließlich stand die gesamte Familie des Patienten um uns herum. Denen sagte ich, ich sei aus dem Ausland, deshalb müsse mir die Schwester alles genau erklären. Letztendlich konnte ich nicht viel falsch machen. Es sind genau solche Erlebnisse, die Medizinstudenten das Selbstvertrauen geben, das sie später als Ärzte brauchen.

In Mexiko sollte ich einmal nach einer Geburt einen Dammschnitt nähen. Ich hatte bisher nur an Stoffen und Attrappen geübt. In dem Moment habe ich mich so beschenkt gefühlt, weil man mir zutraute, das auch an einer echten Wunde hinzubekommen. So wie man mir vorher zugetraut hatte, eine Geburt zu leiten. Die Ärztin fand es unglaublich, dass ich so etwas noch nie gemacht hatte. In Deutschland geht es darum, Fakten einzupauken, wir werden zu wandelnden Lexika ausgebildet. Und vor jeder Untersuchung wird betont, wie wichtig und anspruchsvoll das sei – da wird man natürlich vorsichtig, sogar ängstlich.

In vielen anderen Ländern stehen die Studenten ganz anders da, wenn sie fertig sind: Sie sind kompetenter und handwerklich besser. Weil der Unterricht dort quasi auf der Station stattfindet. Ich habe Spritzen gesetzt, Punkturen gemacht, Wunden versorgt, bei Operationen assistiert. Dadurch sinkt die Hemmschwelle vor der Praxis. Ich brauchte das, auch deshalb bin ich insgesamt viermal ins Ausland gegangen.

Naomi Hesse, 26, war in Australien

Eine Lunge punktieren
In Gabun habe ich einmal eine Patientin drei Wochen lang begleitet. Ich untersuchte sie bei der Einlieferung, diagnostizierte ihre Leberzirrhose und behandelte sie. Natürlich waren die Ärzte immer ansprechbar. Aber verantwortlich war ich. Das hat mich angespornt: Fast jeden Abend habe ich in Fachbüchern nachgeschlagen, um die beste Therapie herauszufinden. Dadurch habe ich in kurzer Zeit viel gelernt. Man wird hier viel früher praktisch eingesetzt. Natürlich hat es auch etwas mit dem Personalmangel in der Klinik zu tun, dass Studenten hier Aufgaben übernehmen wie jeder Arzt. Das finde ich manchmal bedenklich.

Einmal fragte mich ein Student im fünften Studienjahr, ob ich ihm bei einer Lungenpunktion helfen wolle. Dabei muss man mit einer ziemlich großen Nadel einen infizierten Erguss treffen. Ich fragte ihn, ob er das schon mal gemacht habe. Er sagte: »Nein, aber ich habe schon oft zugeschaut.« In Deutschland nutzt man Ultraschall, um die Nadel genau zu verfolgen. Er aber hat im Prinzip blind punktiert. Da war mir wirklich unwohl! Ich als Patient würde auf keinen Fall wollen, dass jemand meine Lunge punktiert, der das noch nie gemacht hat. Die Gabuner Patienten haben mehr Vertrauen: Wer einen weißen Kittel anhat, ist ein docteur und weiß alles. Deshalb schauen mich einige auch komisch an, wenn ich lieber noch mal bei einem Facharzt nachfrage.

Völlig richtig finde ich aber, dass ich Platzwunden nähen oder eine gynäkologische Untersuchung machen darf. Da kann nicht viel schiefgehen in Deutschland durfte ich das in acht Semestern trotzdem nicht ein Mal machen. Zu Hause ist Nähen noch nicht mal Pflichtfach. Und auch was Medikamente angeht, lernt man zwar, was bei welchen Symptomen verschrieben wird, aber kaum etwas über die Dosierung und darüber, wie Medikamente interagieren. Ich wünsche mir für die Ausbildung einen Mittelweg: dass man nicht überfordert wird, aber trotzdem Patienten komplett begleiten darf.

Daniel Sippel, 24, ist in Gabun

Bei einer Geburt helfen
Gleich an meinem ersten Tag in einem indischen Krankenhaus durfte ich eine gynäkologische Untersuchung machen. Eine Ärztin zeigte mir, worauf ich achten musste. Man muss sensibel sein, aber viel falsch machen kann man eigentlich nicht. Die deutschen Ärzte sehen das offenbar anders: Sie lassen mich meist nur daneben stehen. In Indien war ich allerdings manchmal überfordert. Einmal desinfizierte ich mir die Hände, um bei einem Kaiserschnitt zu assistieren, als der Arzt zu mir kam und sagte: »Die Patientin ist jetzt vorbereitet – geh und schneid sie schon mal auf!« Ich hatte gerade mein zweites Semester abgeschlossen, ich wusste nicht mal, wo welche Organe liegen und wie sie funktionieren. Ich weiß nicht, ob der Arzt das als Witz gemeint hat. Gemacht habe ich es nicht.

Ich bin in Indien bei vielen Geburten dabei gewesen. Die ersten drei Male schaute ich nur zu. Es war furchtbar, die Babys kamen jedes Mal tot zur Welt. Beim vierten Mal durfte ich assistieren: Ich sollte auf den Bauch der Mutter drücken. Als das Baby da war, musste ich es halten, weil die Schwestern damit beschäftigt waren, die Mutter zu beruhigen – es war ein Mädchen, ihr fünftes. Als ich das Kind dem Vater zeigte, fing auch er an zu weinen. Das hat mich unheimlich wütend gemacht. Erst später habe ich verstanden, dass dieses Baby seinen finanziellen Ruin bedeutete. Denn für jede Tochter muss er irgendwann eine Mitgift bezahlen.

Manchmal war ich nur ratlos. Zum Beispiel, als ich einem Mädchen in den Hals schaute – und darin Würmer herumkrabbelten. Ich habe mir Fragen gestellt: Warum sind vermeidbare Krankheiten in einigen Regionen längst besiegt, und in meinem Krankenhaus sterben noch Menschen daran? Es ist frustrierend zu merken, dass medizinisches Wissen oft nicht reicht. Ich bin für politische Themen sensibilisiert worden, mit denen ich in Deutschland kaum in Berührung gekommen wäre.

Malin Elsen, 22, war in Indien

Protokolle: Marike Frick

 
Leser-Kommentare
  1. Ihr Einleitungstext gibt doch einen völlig falschen Eindruck von dem was die drei Studenten berichten. Zumindest die letzten beiden zeigen doch dass sie es als gefährlich bzw. überfordernd empfinden wenn man sich sehr früh im Studium bereits solchen Herausforderungen stellen muss (als ob das Studium nicht so schon Herausfordung genug wäre!).
    Abgesehen davon studiere ich im Moment in Spanien, einige Freunde in Italien - und wir machen hier genau die gegenteilige Erfahrung, hier stehen zum Teil sogar die Assistenzärzte nur nebendran und schauen zu. Wir Studenten können froh sein wenn wir mal das Stethoskop auspacken können.
    Wer sich in Deutschland während des Praktikums oder während einer Famulatur (vor allem da) ernsthaft Mühe gibt und einfach forsch nachfragt, den lassen die Ärzte nur zu gerne an den Patienten ran. Das so genannte "Bedside-Teaching" ist Gang und Gebe, und wenn der jeweilige Lehrbeauftragte nicht völlig unfähig ist (die gibt es natürlich leider auch) darf man durchaus seine Erfahrungen in Diagnose und Therapie AM Patienten machen.
    Studenten lamentieren gerne dass sie mehr Praxis im Studium haben wollen, und tatsächlich ist es eine unglaubliche Motivationsspritze wenn man endlich mal dran darf. Aber bei alldem dürfen wir nicht vergessen wie unglaublich wichtig die graue Theorie für Mediziner ist - und wie wenig sinnvoll es ist einer Frau den Bauch aufzuschneiden ohne zu wissen wo denn was liegt.

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    Nach meinem Abitur absolvierte ich ein 3-monatiges Krankenhauspraktikum in Deutschland, ich war wohlgemerkt noch keine eingeschriebene Studentin zu diesem Zeitpunkt. Dennoch erhielt ich Einblicke in nahezu alle Bereiche des Kliniklebens, ich drufte Drainagen ziehen, Blut abnehmen und sogar bei Operationen zugucken bzw. selbst Hand anlegen und tupfen. Natürlich wurde ich bei alledem von Ärzten kontrolliert und angeleitet, aber eine größere Praxisnähe hätte ich mir für ein Praktikum wahrlich nicht wünschen können!

    Heute studiere ich Literaturwissenschaften und ich bin glücklicher denn je dies Praktikum gemacht zu haben - ohne die Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte hätte ich wohl nicht den Mut gehabt meinen Träumen (so kitschig dies auch klingen mag :)) zu folgen.

    Nach meinem Abitur absolvierte ich ein 3-monatiges Krankenhauspraktikum in Deutschland, ich war wohlgemerkt noch keine eingeschriebene Studentin zu diesem Zeitpunkt. Dennoch erhielt ich Einblicke in nahezu alle Bereiche des Kliniklebens, ich drufte Drainagen ziehen, Blut abnehmen und sogar bei Operationen zugucken bzw. selbst Hand anlegen und tupfen. Natürlich wurde ich bei alledem von Ärzten kontrolliert und angeleitet, aber eine größere Praxisnähe hätte ich mir für ein Praktikum wahrlich nicht wünschen können!

    Heute studiere ich Literaturwissenschaften und ich bin glücklicher denn je dies Praktikum gemacht zu haben - ohne die Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte hätte ich wohl nicht den Mut gehabt meinen Träumen (so kitschig dies auch klingen mag :)) zu folgen.

  2. Nach meinem Abitur absolvierte ich ein 3-monatiges Krankenhauspraktikum in Deutschland, ich war wohlgemerkt noch keine eingeschriebene Studentin zu diesem Zeitpunkt. Dennoch erhielt ich Einblicke in nahezu alle Bereiche des Kliniklebens, ich drufte Drainagen ziehen, Blut abnehmen und sogar bei Operationen zugucken bzw. selbst Hand anlegen und tupfen. Natürlich wurde ich bei alledem von Ärzten kontrolliert und angeleitet, aber eine größere Praxisnähe hätte ich mir für ein Praktikum wahrlich nicht wünschen können!

    Heute studiere ich Literaturwissenschaften und ich bin glücklicher denn je dies Praktikum gemacht zu haben - ohne die Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte hätte ich wohl nicht den Mut gehabt meinen Träumen (so kitschig dies auch klingen mag :)) zu folgen.

  3. habe ich eine sehr interessante Erfahrung gemacht. Im dritten Studienjahr habe ich dort Kalkulation, Abrechnung etc. gelernt und auch die klare Erkenntnis, dass eine medizinische Leistung ihr Geld wert ist.
    Das ist etwas, was man den deutschen Studenten kaum beibringt. Das bildet sich leider in der deutschen Ärzteschaft auch ab. Für unglaublich geringe Preise (aktuell bringt die Behandlung einer gyn. Patientin in NRW im Quartal 13,81 €) rackern sich deutsche Ärzte ab. Also sollte hier mal deutlich mehr Praxisbezug vermittelt werden. Dass dies natürlich qualitätsmindernd ohne Ende ist, ist sicher verständlich.

    Betreffend die Qualität des eigentlichen Medizinstudiums in Theorie und Praxis finde ich die Unterschiede eher marginal. Deutsche Studenten sind sicher besser in der Theorie, amerikanische vielleicht etwas besser in der Praxis.

    Man muss aber betreffend die Ausbildung in Deutschland auch bemerken, dass sie umsonst ist. In den USA kann eine Medizinstudium auch schon mal locker 150.000 oder auch 300.000.- US$ und an Eliteuniversitäten nochmals deutlich mehr, an Studiengebühren kosten. Dazu dann Wohnung, Essen, Auto, Krankenversicherung, Bücher, da kommt einiges zusammen. Dafür kann man sicher auch ein wenig mehr an Praxis erwarten.

    Viel Aufregung um wenig Unterschied.

  4. Typisch deutsche Macke, das Ausland in den Himmel zu loben und sich selbst schlecht zu machen. Wenn man in Deutschland nur will, dann kann man in Famulaturen, spätestens im Praktischen Jahr fast alle der hier beschriebenen Tätigkeiten ausführen. Der schon existierende Ärztemangel wirkt sich hierbei für die Studenten in dieser Hinsicht eindeutig positiv aus, man arbeitet zwar teilweise richtig hart (unbezahlt, wohlgemerkt), sieht und macht aber eine ganze Menge.
    Ich konnte dem Ruf der Ferne auch nicht wiederstehen und war 2 Monate in Australien. Dort aber ist es nicht üblich, dass Studenten irgendwelche praktischen Arbeiten machen dürfen, mit dem Ergebnis, dass ich mich ziemlich gelangweilt habe. Da z.B. Blutabnehmen dort (wie in fast jedem anderen Land der Erde außer Deutschland) Schwesternarbeit ist, lernen die Studenten nicht mal das.
    Abgesehen davon ist die medizinische Ausblidung in Deutschland besser als ihr Ruf. Die solide naturwissenschaftliche Basisausbildung bis zum Physikum verschafft einem einen Vorteil gegenüber den meisten ausländischen Studenten, nur leider merkt man das erst später im Studium. Praxis lernt man genügend im Praktischen Jahr (dafür ist es auch da, wer hätte das gedacht).
    Es ist absolut notwendig, während des Semesters ein Fachgebiet systematisch zu lernen, statt die ganze Zeit auf einer Station mitzulaufen und mal hier und mal da was aufzuschnappen. Wer vom ersten Semester an überwiegend "praktisch" arbeiten möchte, ist vielleicht mit einer Krankenpflegeausbildung besser beraten.

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    • Anonym
    • 22.04.2009 um 5:53 Uhr

    Irgendwie hat sich da mentalitätsmäßig was verselbstständigt was mit der Realität nichts mehr zu tun hat.
    Immer wenn ich in den USA bin ist es ein komplettes Wechselbad wenn mir Leute dort die hier als Militär stationiert waren, auch erst junge Leute die vor kurzem für 1-2 Jahre in Deutschland stationiert waren, vorschwärmen was für eine tolle Zeit sie hier hatten und was für ein tolles Land das ist. Und wie sauber und effizient ("efficient" ist für Amerikaner nicht sofort mit kalten Industrierobotern assoziiert..) und gepflegt hier alles ist. Trifft man hingegen in den USA Deutsche dann verbringen diese die Zeit damit mir vorzuschwärmen "wieviel besser als Deutschland" die USA doch seien.
    Nachdem ich beide Staatsbürgerschaften per Geburt habe nehme ich mir raus beide Länder zu kennen - ich stimme meinen amerikanischen Landsleuten zu.
    Ich weiss nicht woher diese Lust am Selbsthass und den Extremen kommt. Mal himmelhochjauchzend und nationalistisch, mal zu Tode betrübt und "nix wie weg".
    Ist aber vor allem eine norddeutsche Eigenheit habe ich beobachtet. Je mehr man Donau und Main gen Norden überquert je larmoyanter und regelrecht depressiver wird die Stimmung. Das ist das eigentlich unerträgliche in diesem Land. Da sind die Leute aber ganz selbst dran schuld.
    Wie mein Vorredner sagte, wer will kann in der medizinischen Ausbildung viel lernen und selbst tun - wer freilich nur passiv daneben steht und drauf wartet dass man ihn bedient der kann lange warten. So ist es in jedem Bereich, und in der Politik. Nicht jammern, machen! Und auch der gestressteste Dozent schätzt es wenn man Eigeninitiative ergreift und nicht nur darauf wartet dass ein Programm für einen abgespult wird. Da frag ich mich wie die Leute im Beruf oder allgemein im Leben bestehen wollen wenn es schon bei vielen an dieser eigentlich selbstverständlichen Eigeninitiative total mangelt.

    • Anonym
    • 22.04.2009 um 5:53 Uhr

    Irgendwie hat sich da mentalitätsmäßig was verselbstständigt was mit der Realität nichts mehr zu tun hat.
    Immer wenn ich in den USA bin ist es ein komplettes Wechselbad wenn mir Leute dort die hier als Militär stationiert waren, auch erst junge Leute die vor kurzem für 1-2 Jahre in Deutschland stationiert waren, vorschwärmen was für eine tolle Zeit sie hier hatten und was für ein tolles Land das ist. Und wie sauber und effizient ("efficient" ist für Amerikaner nicht sofort mit kalten Industrierobotern assoziiert..) und gepflegt hier alles ist. Trifft man hingegen in den USA Deutsche dann verbringen diese die Zeit damit mir vorzuschwärmen "wieviel besser als Deutschland" die USA doch seien.
    Nachdem ich beide Staatsbürgerschaften per Geburt habe nehme ich mir raus beide Länder zu kennen - ich stimme meinen amerikanischen Landsleuten zu.
    Ich weiss nicht woher diese Lust am Selbsthass und den Extremen kommt. Mal himmelhochjauchzend und nationalistisch, mal zu Tode betrübt und "nix wie weg".
    Ist aber vor allem eine norddeutsche Eigenheit habe ich beobachtet. Je mehr man Donau und Main gen Norden überquert je larmoyanter und regelrecht depressiver wird die Stimmung. Das ist das eigentlich unerträgliche in diesem Land. Da sind die Leute aber ganz selbst dran schuld.
    Wie mein Vorredner sagte, wer will kann in der medizinischen Ausbildung viel lernen und selbst tun - wer freilich nur passiv daneben steht und drauf wartet dass man ihn bedient der kann lange warten. So ist es in jedem Bereich, und in der Politik. Nicht jammern, machen! Und auch der gestressteste Dozent schätzt es wenn man Eigeninitiative ergreift und nicht nur darauf wartet dass ein Programm für einen abgespult wird. Da frag ich mich wie die Leute im Beruf oder allgemein im Leben bestehen wollen wenn es schon bei vielen an dieser eigentlich selbstverständlichen Eigeninitiative total mangelt.

    • Anonym
    • 22.04.2009 um 5:53 Uhr

    Irgendwie hat sich da mentalitätsmäßig was verselbstständigt was mit der Realität nichts mehr zu tun hat.
    Immer wenn ich in den USA bin ist es ein komplettes Wechselbad wenn mir Leute dort die hier als Militär stationiert waren, auch erst junge Leute die vor kurzem für 1-2 Jahre in Deutschland stationiert waren, vorschwärmen was für eine tolle Zeit sie hier hatten und was für ein tolles Land das ist. Und wie sauber und effizient ("efficient" ist für Amerikaner nicht sofort mit kalten Industrierobotern assoziiert..) und gepflegt hier alles ist. Trifft man hingegen in den USA Deutsche dann verbringen diese die Zeit damit mir vorzuschwärmen "wieviel besser als Deutschland" die USA doch seien.
    Nachdem ich beide Staatsbürgerschaften per Geburt habe nehme ich mir raus beide Länder zu kennen - ich stimme meinen amerikanischen Landsleuten zu.
    Ich weiss nicht woher diese Lust am Selbsthass und den Extremen kommt. Mal himmelhochjauchzend und nationalistisch, mal zu Tode betrübt und "nix wie weg".
    Ist aber vor allem eine norddeutsche Eigenheit habe ich beobachtet. Je mehr man Donau und Main gen Norden überquert je larmoyanter und regelrecht depressiver wird die Stimmung. Das ist das eigentlich unerträgliche in diesem Land. Da sind die Leute aber ganz selbst dran schuld.
    Wie mein Vorredner sagte, wer will kann in der medizinischen Ausbildung viel lernen und selbst tun - wer freilich nur passiv daneben steht und drauf wartet dass man ihn bedient der kann lange warten. So ist es in jedem Bereich, und in der Politik. Nicht jammern, machen! Und auch der gestressteste Dozent schätzt es wenn man Eigeninitiative ergreift und nicht nur darauf wartet dass ein Programm für einen abgespult wird. Da frag ich mich wie die Leute im Beruf oder allgemein im Leben bestehen wollen wenn es schon bei vielen an dieser eigentlich selbstverständlichen Eigeninitiative total mangelt.

  5. Ich habe in Deutschland vor 20 Jahren Medizin studiert und fand den Unterricht und die Vorlesungen bisweilen trocken, praxisfern, und irrelevant. Graue Theorie wurde Jahre vor ihrer praktischen Anwendung gepaukt; bis zu ihrem Einsatz war das meiste vergessen. Ich erinnere mich ebenso an die selbstherrliche Art von Professoren, von denen es einigen sichtlich Gefallen bereitete, junge Studenten bloßzustellen und abzukanzeln. Viele dieser Hochschullehrer leisteten kaum ein Viertel der Unterrichtsstunden ab, zu denen sie verpflichtet waren--Privatpatienten behandeln war eben lukrativer.
    Ich hatte mit 17 eine Ausbildungen zum Pflegehelfer gemacht und die letzten Schuljahre und das Studium hindurch in Krankenhäusern Nachtwachen und Feriendienste gemacht, um Geld zu verdienen, aber auch um praktische Erfahrungen am Krankenbett zu machen. Ich möchte keine Minute davin missen.
    Während eines Auslandssemesters in den USA habe ich dann eine ganz andere Erfahrung gemacht. Die Ärzte behandelten Studenten wie Kollegen. Studenten übernahmen Verantwortung, mußten selbsttätig Untersuchungen organisieren, in der Visite berichten, Fallvorstellungen machen. Es war selbst für mich als Nachtwachenerprobten ziemlich hart. Das Klima war immer freundlich und unterstützend. Es war die beste Erfahrung meines Studiums geblieben. Man hatte mir am selben Krankenhaus eine stelle angeboten, aber ich blieb letztendlich doch in Europa.
    Heute arbeite ich in England und sehe viele sehr junge Studenten, die wenig Wissen über die medizinischen Basiswissenswchaften besitzen. Pharmakologie ist anscheinend für viele junge Ärzte ein Buch mit sieben Siegeln. Mein Fachgebiet, die Psychiatrie, ist in der Wahrnehmung vieler auf den ICDß10 reduziert und der Blickwinkel dementsprechend eingeengt. Da hatten die deutsche Medizin- und Psychiatrieausbildung mehr zu bieten.

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  • Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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  • Schlagworte Indien | Sozialpolitik | Mexiko | Gabun | Australien | Arzt
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