Einige Tage nach meiner Geburt wurde eine Urkunde ausgefüllt, welche bestätigte, dass ich in der Schweiz als Sohn Schweizer Eltern geboren wurde. Deswegen gelte ich als Schweizer. Zudem wurde ich (noch ein Baby) zur Kirche gebracht, um getauft zu werden. Man erzählte mir hinterher, dass ich wegen des kalten Wassers schrie. Ich habe eine andere Version: Es war mein erster Versuch von Selbstbestimmung.

Ich kam zu einer Religion und einer nationalen Identität, ohne gefragt worden zu sein. Als ich fähig war, Fragen zu stellen, waren die Antworten bereits gegeben.

Heute bin ich kein verlässlich praktizierender Christ mehr. Aber ich bin immer noch ein praktizierender Schweizer und bin es seit mehr als sieben Jahrzehnten. Schweizer zu sein brachte einige Vorteile mit sich, etwa einen Pass.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in einem vom Krieg zerstörten Europa war es komfortabel, einen Schweizer Pass auf sich zu tragen, sah man sich doch mit Währungsvorschriften und Visa konfrontiert. Der Schweizer Pass öffnete Grenzen.

Bis zu jenem Tag, an dem ich die Illusionen über meinen Schweizer Pass verlor. Es passierte in den USA, wo ich writer in residence an der University of Southern California (USC) in Los Angeles war. Gerade angekommen, ging ich zu einer Bank und tat, was ein Amerikaner niemals tun würde: Ich hob eine größere Summe Bargeld ab. Die Dame hinter dem Schalter verlangte eine ID, eine Identitätskarte. Als ich ihr meinen Pass zeigte, bestand sie auf einer "echten ID". Mein Pass steckte in einem Lederetui; in einem Fach fand sie eine Kreditkarte, sie notierte Nummer und Ablaufdatum. Da es sich um eine recht hohe Summe handelte, fragte sie mich nach einer weiteren ID, um die erste zu bestätigen. Warum sollte ich es nicht nochmals mit meinem Pass versuchen? Die Dame kramte in meinem Etui und traf auf Gold: einen Führerschein.

Ich wurde ein vertrauenswürdiger citizen dank einer Kreditkarte und eines Führerscheins, ohne Hilfe meines Passes. Ich war auf den American Way of Life vorbereitet.

Nichtsdestoweniger, ich habe und benutze nach wie vor meinen Pass, der bestätigt, dass ich Schweizer bin. Jedoch, er sagt nicht aus, welche Art von Schweizer ich bin.

Ein Land, das nicht eine Kultur ist, eine Kultur, die keine Nation ist

Ich bin Bürger eines viersprachigen Landes. Ich komme aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz. Auch wenn ich die anderen Nationalsprachen nicht beherrsche, gehört zu meiner nationalen Identität das Bewusstsein: Meine Sprache ist eine neben anderen, womit sprachliche Hierarchie ausgeschlossen ist.

Als Deutschsprachiger beinhaltet mein kultureller Einflussbereich daher auch Deutschland, Österreich und alle andere Orte, wo deutsch gesprochen und geschrieben wird.

Die Beziehung der Schweiz zu Deutschland ist weder frei von Klischees noch frei von Vorurteilen. Auf der einen Seite haben wir die "Kuhschweizer" und auf der anderen die "Sauschwaben". Dieses gegenseitige Verunglimpfen ist in dem Buch Kuhschweizer und Sauschwaben: Schweizer, Deutsche und ihre Hassliebe (Hrsg. von Jürg Altwegg und Roger de Weck, Nagel & Kimche 2003) reflektiert und wird in einer anderen Publikation ebenfalls Thema: Deutsche und Deutschland aus Schweizer Perspektiven (Hrsg. von Georg Kreis, Schwabe 2007). Beide Bücher bieten eine hervorragende Illustration sowohl für unsere Bewunderung des Big Brother als auch für unsere Furcht vor ihm.

Diese Ambivalenz basiert nicht zuletzt auf Erinnerungen an den Nationalsozialismus; sie wird von kommenden Generationen immer weniger geteilt werden. Die Hälfte der Schweizer Autoren publiziert heute in deutschen (oder österreichischen) Verlagen, und prominente deutsche Autoren werden von Schweizer Verlagern herausgegeben.

Die Geschichte des schweizerischen Selbstverständnisses ist unweigerlich mit der Beziehung zu Deutschland verbunden. Unsere klassischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sahen sich als Deutsche Autoren ohne irgendwelche spezielle Schweizer Qualitäten. Eine selbstverständliche Beziehung, die allerdings während des Ersten Weltkriegs infrage gestellt wurde.