Martin Langendorf ist jetzt Geldbote der Bundesregierung. Er sitzt in Berlin in der S-Bahn-Linie 9, gleich wird er den Bahnhof Charlottenburg erreichen. Ein junger Mann, 33 Jahre alt, der zwei Kinder hat und einen Auftrag: In Langendorfs Tasche stecken 200 Euro, die soll er der deutschen Wirtschaft übergeben. So wie 17 Millionen andere Bundesbürger auch.

Sie alle bekommen in diesem Monat Geld vom Staat. 100 Euro für jedes Kind, insgesamt 1,8 Milliarden. Die Regierung nennt es den Kinderbonus. Er ist Teil des zweiten Konjunkturpakets, wie die Abwrackprämie für Autos, wie die Investitionen in Straßen und Schulen.

Nie zuvor in der Geschichte hat eine Bundesregierung zur Bekämpfung einer Wirtschaftskrise den Bürgern Geld überwiesen. Aber nie zuvor war eine Krise so groß. Jetzt sollen Leute wie Martin Langendorf der Wirtschaft helfen, indem sie einkaufen gehen. So wie fast jeder Mensch, fast jeden Tag. Einkaufen ist ein ziemlich gewöhnlicher Vorgang. Nun, in der Krise, bekommt er besondere Bedeutung. Jeder Einkauf hilft bestimmten Unternehmen, schützt bestimmte Arbeitsplätze.

Langendorf könnte eine Märklin-Eisenbahn kaufen. Oder Porzellan von Rosenthal. Oder Unterwäsche von Schiesser. Alle diese Firmen haben kürzlich Insolvenz angemeldet, sie haben jeden Euro nötig, um vielleicht zu überleben. Indem die Regierung den Familien Geld überweist, überträgt sie ihnen Macht: Nicht mehr der Staat allein entscheidet, welche Branche profitiert – so wie bei der Abwrackprämie für Autos. Es sind nun auch die Bürger.

Am S-Bahnhof Charlottenburg steigt Langendorf aus. Er biegt in die Kantstraße ein, nicht weit vom Kurfürstendamm. Nach ein paar Metern bleibt er stehen. Von der Markise eines kleinen Geschäfts baumeln Netze mit gepunkteten Plastikbällen. Über der Eingangstür liest er: Heidis Spielzeugladen. Langendorf geht hinein.

Es ist die erste Station einer langen Reise, auf der sich die 200 Euro des Staates in Löhne und Mieten verwandeln werden, in Rechnungen und Waren und manchmal auch in Hoffnung und Zuversicht. Der Weg dieses Geldes führt zu Unternehmen, die in der Wirtschaftskrise um ihr Überleben kämpfen, und zu solchen, die ganz andere Probleme haben. Er führt in eine Welt abseits der großen Politik, weg aus Berlin, wo die Regierung gerade darum ringt, ob sie den Autobauer Opel mit 3,3 Milliarden Euro Staatsbürgschaften stützen soll, hinaus in die deutsche Provinz, an die Grenzen des Landes und darüber hinweg.

Ganz am Ende dieser Reise wird man eine Antwort geben können auf die Frage, die sich in diesen Wochen fast jeder Regierungschef der Welt stellt: Soll der Staat mit seinem Geld der Wirtschaft helfen? Lässt sich so die Krise mildern? Oder ist das nur eine Verschwendung von Steuergeld?

Martin Langendorfs Blick fällt auf Ritterburgen, Kugelbahnen und Tierfiguren. Heidis Spielzeugladen ist eine Puppenstube für Erwachsene, ein Kindergeschäft, wie es früher viele gab und heute nur noch wenige gibt. In einer Ecke steht, was Langendorf sucht – ein Laufrad. Dunkelbraun ist der Name des Modells ins Holz gebrannt: LIKEaBIKE. Auch der Firmenname steht da. Kokua. Und: made in Germany.

Ein Laufrad ist ein Fahrrad ohne Pedale. Die Kinder sitzen darauf und bewegen die Beine, als ob sie laufen würden. Schon Zweijährige können damit etwas anfangen. Wenn sie mit vier aufs Fahrrad umsteigen, wissen sie, wie man das Gleichgewicht hält, und brauchen keine Stützräder. Langendorfs Tochter Josephine ist gerade zwei geworden. Sie soll das Rad zuerst benutzen, später dann ihr Bruder Franz, der im Januar auf die Welt kam.

Langendorf zieht seinen Geldbeutel aus der Tasche. 179 Euro wechseln den Besitzer. 179 Euro, die einen Tag zuvor noch dem deutschen Staat gehörten. Viel Geld für ein Holzlaufrad.

Für 179 Euro muss eine Krankenschwester 17 Stunden arbeiten, ein Dachdecker 14 Stunden. Mütter und Väter wie sie, mit niedrigen und mittleren Einkommen, sollen vom Kinderbonus profitieren, weil sie in der Regel nichts sparen, sondern alles ausgeben. So hat sich die Regierung das gedacht.

Die Idee des Kinderbonus entstand zwischen Weihnachten und Neujahr. Damals formulierte Frank-Walter Steinmeiers Wahlkampftruppe das SPD-Konjunkturkonzept, zur Unterstützung des privaten Konsums erfand man den Kinderbonus. Steinmeiers Leute dachten an 300 Euro, mit Finanzminister Peer Steinbrück einigten sie sich auf 200 Euro, am Ende, bei den Koalitionsverhandlungen, kamen 100 Euro heraus. Familien, die mehr verdienen als 74.718 Euro im Jahr, wird der Bonus nach der Steuererklärung wieder abgezogen.

Mathilde und Martin Langendorf sind nicht arm, aber auch nicht richtig reich. Sie ist in Elternzeit und bekommt Erziehungsgeld, er arbeitet im Büro einer Bundestagsabgeordneten. Als sie noch beide arbeiteten, hatten sie 60.000 Euro brutto jährlich. Hätte die Regierung nicht den Kinderbonus beschlossen, hätten sie dieses Laufrad nicht gekauft.

Martin Langendorf geht hinaus auf die Straße. Das Laufrad trägt er unter dem Arm. Das Geld bleibt im Laden. Es gehört jetzt Heidi Mallmann.

Sie ist eine kleine Frau mit leiser Stimme, die ihre Worte vorsichtig wählt. Seit 34 Jahren verkauft sie Spielsachen, ihre Waren sucht sie so sorgfältig aus wie Eltern die Geschenke für ihre Kinder. Ihre Kunden schätzen das. Inzwischen aber, sagt sie, kämen viele Leute nur noch zum Schauen. Sie betrachten die Bauklötze, die Puppenhäuser. Ihr Geld behalten sie für sich. Das ist Heidi Mallmanns Begegnung mit der Wirtschaftskrise.

Ihre Einnahmen und Ausgaben notiert sie in einem großen Buch, das auf dem Verkaufstresen liegt, gleich neben der Kasse. Darin steht zum Beispiel: 34,01 Euro Mehrwertsteuer. Die fließen von den 179 Euro, die der deutsche Staat mithilfe von Martin Langendorf an Heidi Mallmann übergeben hat, ans Finanzamt. Der Staat unterstützt sich mit dem Kinderbonus also erst einmal selbst.

96,41 Euro überweist Heidi Mallmann an die Firma Kokua-Bikes, die das Laufrad herstellt. 48,58 Euro bleiben im Laden.

Davon muss sie die Miete bezahlen und die Gehälter ihrer fünf Teilzeit-Angestellten. Sie zahlt Gewerbesteuer, die Beiträge für die Berufsgenossenschaft und die vorgeschriebenen Versicherungen. Am Ende bleibt ihr schließlich ein Gewinn von 21 Euro. Das scheint viel zu sein. Aber Heidi Mallmann verkauft nur zwei, manchmal drei Laufräder im Monat. Reich wird sie mit Spielwaren nicht: "Es gibt Tage, da nehme ich gerade mal zehn Euro ein."

Heidi Mallmanns Mann ist Architekt, und ohne sein Einkommen gäbe es den Laden nicht mehr. Sie hat immer gehofft, ihre älteste Tochter würde das Geschäft übernehmen, aber diese müsste dann vom Laden allein leben. "Und das ginge nur, wenn die Miete günstiger würde", sagt Heidi Mallmann. 2500 Euro zahlt sie jeden Monat für den Laden und den Lagerraum im Hinterhaus. Sie schließt jetzt nur noch Einjahresmietverträge ab. Man kann ja nie wissen.

Als die Regierung im Januar den Kinderbonus beschloss, stritt die Republik lange darüber, ob der Staat den Bürgern Geld überweisen solle oder nicht. Einen Einwand könnte man als das "Argument Mißfelder" bezeichnen: Leute mit niedrigem Einkommen würden mit dem geschenkten Geld nur sinnloses Zeug kaufen, "Schnaps und Zigaretten", meinte Philipp Mißfelder, der Chef der Jungen Union.

Es ist ein seltsamer Einwand. Marktforscher gehen davon aus, dass der Großteil der Eltern das Geld sehr wohl für vernünftige Dinge ausgeben werde. "Die Leute kaufen etwas, was sie auch vor sich selbst rechtfertigen können", vermutet Wolfgang Twardawa von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. Er nennt Sportartikel, Bücher, Kleider, Musikinstrumente. Weil das Staatsgeld als Kinderbonus deklariert sei, entstehe ein moralischer Druck, es den Kindern zukommen zu lassen. Und selbst wenn irgendjemand die 100 Euro tatsächlich für Schnaps ausgeben sollte: Der Zweck eines Konjunkturprogramms ist nicht, das Land tugendhafter zu machen, sondern reicher.

96,41 Euro, der Großteil des Staatsgeldes, fließen also weiter, von Heidi Mallmann zu Kokua-Bikes, von Berlin an den Westrand von Deutschland, in ein 8000-Einwohner-Dorf namens Roetgen am Rande der Eifel. Zu einem schmalen Mann mit geschickten Händen, der einstmals dachte, er habe den perfekten Salzstreuer erfunden.

Rolf Mertens, 46, ist jemand, der die Dinge nicht allein danach beurteilt, ob sie funktionieren. Sie sollen auch schön aussehen. Er hat Produktdesign studiert und immer davon geträumt, einen Gegenstand zu schaffen, den die Welt sich wünscht. Den Salzstreuer verschmähte sie, und so begann Mertens, bunte Aufkleber für eine Computerzeitschrift zu entwerfen. Bis sein Sohn ein Fahrrad haben wollte. Das war der Anfang.

Denn Mertens wollte ein guter Vater sein.

Niklas ist zwei Jahre alt, damals 1997, und viel zu klein zum Fahrradfahren. Weil er keine Ruhe gibt, greift Mertens erst zu Papier und Stift, dann zu Holz und Säge und baut etwas, das aussieht wie ein Fahrrad, angetrieben wird wie ein Roller und viel besser ist als jeder Salzstreuer: das erste Laufrad der Welt.

Genauer gesagt, das zweite. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Karl Freiherr von Drais ein Laufrad konstruiert, ein klobiges Teil für Erwachsene. Mit Entwicklung der Tretkurbel verschwand es von den Straßen, bis Rolf Mertens auf die Idee kam, das Laufrad neu zu erfinden.

Es geht dann alles ganz schnell. Jedes Nachbarkind will so ein Gefährt haben, und die Nachbarn der Nachbarn auch. Die Mertens’ werden beim Spazierengehen angesprochen, beim Einkaufen. Rolf Mertens baut ein Laufrad nach dem anderen. So wird er Unternehmer. Seinen Bruder Alfred, bis dato Hauptschullehrer, macht er zu seinem Partner.

Wie sollen sie ihre Firma nennen? Den Brüdern fällt der Name ein, den sie einst dem Wald gaben, in dem sie als Kinder Indianer spielten. Aus Kokua-Wald wird Kokua-Bikes und aus Kokua-Bikes eine wunderbare Erfolgsgeschichte.

Jedenfalls müsste es so sein.

Jahrzehntelang verlief die Entwicklung eines durchschnittsdeutschen Kleinkindes rein fahrzeugmäßig so: erst Roller, dann Fahrrad. Bis Kokua-Bikes kam und die Rollerhersteller kaum noch Roller verkauften. Heute hat jedes vierte Kind ein Laufrad, und von Jahr zu Jahr werden es mehr.

Nach Roetgen in der Eifel muss in den vergangenen Jahren, lange vor Erfindung des Kinderbonus, also viel Geld geflossen sein. Eigentlich müsste dort eine große Fabrik stehen, in der Fließbänder rattern und Gabelstapler surren und ein wohlhabender Geschäftsführer in Anzug und Krawatte in einem großen Büro sitzt.

Rolf Mertens geht in Pullover und Jeans durch seine kleine Fabrik. Hier laufen keine Bänder, dröhnen keine Maschinen. Hier stehen ein paar Werkbänke. Vier Frauen und ein Mann bauen aus hölzernen Rahmen, Gabeln und Schutzblechen die Laufräder zusammen. Ein paar Dutzend am Tag und hin und wieder eines für Heidis Spielzeugladen in Berlin.

Früher, sagt Mertens, sei mehr los gewesen, 30.000 Laufräder im Jahr hätten sie verkauft, jetzt sei es nur noch die Hälfte. Doch es ist weniger die Krise, unter der seine Firma leidet, als vielmehr die Tatsache, dass manche Unternehmen gerne die Ideen anderer Unternehmen klauen.

Neben der Fabrik ist ein kleines Büro. Das ist die Personal-, Marketing- und Buchhaltungsabteilung von Kokua-Bikes. Mertens holt einen Ordner aus dem Regal, in dem er den Grund für den Umsatzeinbruch abgeheftet hat: Dutzende von Seiten, voll mit Abbildungen hölzerner Laufräder, die alle so ähnlich aussehen wie das Modell, das er erfunden hat. 40 bis 50 Euro kosten diese Räder, weniger als ein Drittel des Originals. Große Handelsketten und Discounter bringen sie auf den Markt. Manchmal ziehen sie die Räder wieder aus dem Verkehr, so wie Tchibo vor wenigen Jahren, als sich herausstellte, dass bei deren Rad gelegentlich die Gabel brach. Ein paar Monate später aber ist das nächste Billigrad im Handel.

Nach Schätzung der Marktforschungsfirma npd group werden in Deutschland jedes Jahr rund 150.000 Laufräder verkauft. Obwohl Rolf Mertens genau das tat, was man von einem guten Unternehmer erwartet – eine Idee umgesetzt, eine Firma aufgebaut, viel Arbeit investiert –, stammt heute nur jedes zehnte Laufrad von dem, der es einst erfunden hat.

Vielleicht sollte Rolf Mertens einfach den Preis senken?

Er holt einen anderen Ordner. "Ich zeige Ihnen mal, was mit dem Geld passiert, das wir von Frau Mallmann bekommen haben", sagt er. Oben auf dem Papier steht eine Zahl, die man kennt: 96,41 Euro, das Geld, das Heidi Mallmann für das Rad überwiesen hat.

Darunter stehen weitere Zahlen. 1,95 Euro: der Karton, in dem das Laufrad verschickt wird. 60 Cent: der bunte Filz, der verhindert, dass die Kinder sich zwischen Gabel und Rahmen den Finger einklemmen. 15 Cent: das Etikett mit dem Aufdruck Kokua, das an jedem Sattel hängt. Dann die Kugellager, die Schrauben, das Paketband.

Für Kokua-Bikes sind das lästige Kostenpunkte. Volkswirtschaftlich gesehen aber sind es Belege dafür, wie das Geld des Martin Langendorf, das Geld des Staates, sich bewegt, von Berlin nach Roetgen und von dort aus weiter zu der Firma, die die Etiketten liefert, zum Schraubenhersteller, zur Kugellagerfabrik, Belege dafür, wie der Kinderbonus der Bundesrepublik Deutschland nicht einfach hierhin oder dorthin fließt, sondern sich verteilt, im ganzen Land und darüber hinaus.

Der britische Ökonom John Maynard Keynes, der geistige Vater staatlicher Konjunkturpakete, hat das vor 80 Jahren so beschrieben: Wenn der Staat bestimmten Leuten Geld schenkt, dann erhöht sich nicht nur das Vermögen dieser Leute. Indem sie das Geld ausgeben, gelangen auch Ladenbesitzer, Arbeiter, Unternehmer zu neuem Einkommen, wovon dann wiederum andere Firmen und andere Arbeiter profitieren. Keynes nannte das den Multiplikatoreffekt. Er ist eines der wichtigsten Elemente seiner Wirtschaftstheorie.

Alle paar Monate hält ein Lastwagen auf dem Hof vor der Kokua-Fabrik. Er hat ein paar Hundert Plastiksäcke geladen, in jedem Sack liegen 20 Fahrradreifen. Hinten auf dem Lastwagen pappt ein Aufkleber, darauf steht: CZ. Tschechische Republik. Von dort kommen die Reifen.

Das Werk hat vier Stockwerke, jedes so groß wie eine große Sporthalle, auf jedem stehen andere Maschinen, andere Arbeiter, aber überall ist derselbe Geruch. Gummi. Aus Kautschuk und Schwefel und allerlei Zusatzstoffen zusammengemischt, wird er hier gepresst, geschnitten, erhitzt und gekühlt, mit Stollen bedruckt, mit Aufzügen befördert, bis im obersten Stock die Arbeiter die fertigen Reifen auf eiserne Handwagen stapeln. Ein drahtiger Mann steht daneben. Er sagt: "In Nachod leben 22.000 Leute, 2000 arbeiten bei Rubena."

Er selbst auch: Libor Sovadina, 44 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in der Kleinstadt Nachod in Tschechien, direkt an der polnischen Grenze. Er studierte Maschinenbau und verließ die Universität, um Handball zu spielen. Sovadina war bei Weltmeisterschaften und bei Olympia und 13 Jahre lang als Profi in Deutschland. Das brachte ihm ein kaputtes Knie ein, eine Frau aus Schleswig-Holstein und diesen Job zu Hause in Nachod, den er bekam, weil er so gut deutsch spricht. Sovadina ist zuständig für den deutschen, österreichischen und schweizerischen Markt beim Fahrradreifenhersteller Rubena. Auf seiner Visitenkarte steht "Sales Manager", er sagt: "Ich bin Verkäufer."

In den vergangenen Jahren hat er ziemlich viel verkauft. Sovadina fuhr auf Messen und führte seine Reifen vor, und immer vertrat er ein aufstrebendes Land. In Tschechien wuchs die Industrie, der Export, die Wirtschaft. Nur die Arbeitslosigkeit sank. Jetzt steigt sie wieder.

Früher hat Kokua seine Reifen von einer deutschen Firma bezogen. Dann war Rolf Mertens mit der Qualität nicht mehr zufrieden und wechselte zu Rubena, dem einzigen Hersteller von Fahrradreifen, der noch in Europa produziert. 22.000 Reifen stellt Rubena am Tag her, 18.000 liefert das Unternehmen ins Ausland. Normalerweise. Im Moment beliefert es vor allem das eigene Lager.

Noch weiß niemand, ob das an der Krise liegt oder an der Kälte. "Im Winter fahren die Leute wenig Fahrrad, da kaufen sie keine Reifen", sagt Sovadina. Jetzt kommt der Frühling, und mit der Temperatur steigt der Umsatz. Normalerweise. Aber was ist schon normal in diesem Jahr? Gut möglich, dass der Sommer in Nachod ziemlich kalt wird, rein geschäftlich gesehen.

Zwei Euro steht auf dem Blatt Papier von Rolf Mertens. So viel bezahlt Kokua-Bikes für jeden Reifen, den der Lastwagen von Nachod nach Roetgen fährt. Macht vier Euro pro Laufrad, die von Berlin über Roetgen nach Nachod in Tschechien fließen, vier Euro, die der deutschen Wirtschaft entgehen.

Es könnten auch 50 sein oder 80, je nachdem wofür man den Kinderbonus ausgibt, je nachdem wo die Laufräder, Fußballschuhe oder Computerspiele produziert werden oder was auch immer die Leute in diesen Wochen für den 100-Euro-Kinderbonus kaufen.

Womit man, nach dem "Argument Mißfelder", beim zweiten Einwand gegen das staatliche Geldgeschenk wäre: dem "Argument Kauder". Die Leute würden den Kinderbonus doch nur für "Flachbildschirme aus Japan" ausgeben, spottete Unionsfraktionschef Volker Kauder im Januar. Soll in etwa heißen: Ein Großteil des Geldes fließe ins Ausland, gehe der deutschen Wirtschaft verloren.

Auf den ersten Blick hat Kauder recht. Natürlich bleibt das Geld nicht immer in Deutschland. Aber mitunter kommt es zurück. In der Fabrik des tschechischen Reifenherstellers Rubena in Nachod lässt sich das an einem Schriftzug ablesen, der auf den ratternden Maschinen prangt. Herbert steht da, der Name einer deutschen Traditionsfirma, gegründet 1905, ansässig in Hünfeld bei Fulda, spezialisiert auf den Bau von Maschinen zur Herstellung von Reifen.

Je mehr Geld nach Tschechien zu Rubena fließt, desto mehr neue Maschinen kann das Unternehmen kaufen. Desto besser für den deutschen Maschinenbauer Herbert. Wenn der Staat also einen Kinderbonus zahlt und damit Geld von Martin Langendorf zu Heidi Mallmann gelangt und von dort zu Rolf Mertens, zu Libor Sovadina und zur Maschinenfabrik Herbert, dann ist das nichts anderes als der real zu besichtigende Multiplikatoreffekt, wie Keynes ihn einst theoretisch beschrieb.

Rolf Mertens fährt mit dem Finger die Zahlen entlang. Die Reifen, die Filze, der Stoff für die Sattelbezüge: Auf 17 Euro pro Laufrad summieren sich die vielen kleinen Kostenpunkte. Verbleiben 79 Euro pro Rad bei Kokua-Bikes. "Das meiste davon bekommt die Schreinerei, unser Lieferant aus Sachsen", sagt er.

Anja Heinrich ist eine zierliche Frau mit kurzen blonden Haaren, 38 Jahre alt. Sie hat Wirtschaftskauffrau gelernt, vor vielen Jahren, demnach sollte sie jetzt nicht mit Ohrstöpseln in einer lärmenden Fabrik stehen, sondern irgendwo auf einem Bürostuhl sitzen. Aber wer macht noch das, was er mal gelernt hat, hier am Ostrand von Deutschland, im Erzgebirge, wo es nicht darum geht, welche Arbeit man hat, sondern darum, ob man eine findet.

Heinrich legt eine Holzplatte, die so lang und so breit ist wie ein Malblock, auf eine Maschine, die so lang und so breit ist wie ein Auto. Sie drückt einen Knopf, eine Fräse senkt sich über das Holz, als sie sich wieder hebt, liegt da die Gabel für ein Laufrad, roh und ungeschliffen. Nachher wird Anja Heinrich den Computer umstellen, von Gabeln auf Rahmen, vielleicht auch auf kleine Holzkugeln, aus denen später Räuchermännchen werden, Engel oder Nußknacker. Das stellen sie hier in der Holzkunstmanufaktur Hallbach vor allem her: hölzerne Figuren, Weihnachts- und Osterschmuck, die sogenannte Volkskunst aus dem Erzgebirge. Vor Jahrhunderten begründet, hat sie Liebhaber in der ganzen Welt gefunden. Aber die Liebe kühlt gerade ziemlich ab, des Geldes wegen.

Weil die Amerikaner kaum noch Holzfiguren kaufen, beschäftigt die Manufaktur nur noch 40 Leute, vor Weihnachten waren es 60. Wenn sie nicht auch die Holzteile für die Laufräder zuschneiden, schleifen und lackieren würden, könnte die Fabrik kaum überleben.

55 der 179 Euro, die Martin Langendorf in Berlin für das Laufrad bezahlt hat, fließen nach Halbach im Erzgebirge, und ein kleiner Teil davon gelangt als Lohn zu Anja Heinrich, Mutter von zwei Kindern, die vor ein paar Jahren ein kleines Haus gekauft hat, zusammen mit ihrem Mann. Jetzt müssen sie den Kredit abzahlen, und bisher haben sie das geschafft. Sie haben ja Arbeit. Noch.

Wenn Anja Heinrich von der Fräsmaschine aufschaut, sieht sie eine stählerne Tür. In der Lagerhalle dahinter liegen die Holzplatten, aus denen sie die Laufradteile schneidet, zu Paketen gebündelt, mit grüner Farbe beschriftet: "Birch Plywood" steht da, Birkensperrholz.

13,50 Euro bezahlt die Holzkunstmanufaktur für das Holz, das in jedem Laufrad steckt. 13,50 Euro, die über einen bayerischen Großhändler weiterfließen zu einer Firma, deren Name ebenfalls auf den Paketen steht, in lateinischen und kyrillischen Buchstaben: "Krasnyj Jakor, Russia".

Russland also. Obwohl Martin Langendorf in Berlin ein Laufrad made in Germany gekauft hat, landet ein Teil des Kaufpreises am Ende tausend Kilometer nordöstlich von Moskau, in einer kleinen Stadt namens Slobodskoj.

Auf dem Schreibtisch von Galina Tschistjakowa stehen zwei Fotos, dort, wo schwer arbeitende Manager sonst Bilder ihrer Kinder hinstellen. Das eine Porträt zeigt Präsident Dmitrij Medwedjew, das andere Premierminister Wladimir Putin.

Galina Tschistjakowa, 56, kräftig, blond gefärbte Haare, ist eine mächtige Frau in Slobodskoj. 37.000 Menschen leben hier, in einer Stadt, in der die Bierfabrik kein Bier mehr produziert und die Munitionsfabrik kaum noch Patronen. Nur ein Arbeitgeber hat hier in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt: das Holzwerk Krasnyj Jakor mit seiner Generaldirektorin Galina Tschistjakowa.

Draußen vor den Fabriktoren hängen, wie einst zu Sowjetzeiten, die Fotos der besten Arbeiter. Drinnen verwandeln diese Arbeiter Bäume zu Sperrholzplatten. Im Kokua-Wald wachsen keine Birken und auch sonst nur wenige in West- und Mitteleuropa. In Slobodskoj aber stehen sie in dichten Wäldern um die Stadt herum. Genug, um 1600 Menschen in Arbeit zu bringen. 270 Euro verdienen sie im Durchschnitt pro Monat. Auch in Russland ist das wenig Geld, aber wer weiß, wie lange sie überhaupt noch Geld verdienen?

Galina Tschistjakowa ahnt nicht, was aus dem Holz wird, das sie verkauft. Regale? Stühle? Fensterrahmen? Von dem Kinderlaufrad hat sie nie gehört. Galina Tschistjakowa weiß nur, dass die Ansprüche der Kunden gestiegen sind. Erst vor ein paar Jahren, erzählt sie, habe sie das Werk modernisiert. Sie habe Sägemaschinen aus Finnland und Schneidemaschinen aus Deutschland gekauft, um Sperrholz anbieten zu können, das hart ist und frei von Astlöchern, so wie die Welt es verlangt.

Doch nun will die Welt kaum noch Sperrholz.

Um bis zu 25 Prozent sind die Aufträge gesunken in den vergangenen Monaten. Galina Tschistjakowa hat die Löhne gekürzt und einige Manager hinausgeworfen. Vor Massenentlassungen schreckt sie noch zurück. Sie weiß, dass die Leute in dieser Gegend keine andere Arbeit finden.



"Minus 11 Euro Personalkosten", sagt Mertens. Für die Arbeiterinnen, die bei ihm die Räder zusammenbauen.

"Minus 3 Euro Miete, Strom, Heizung." Für den Eigentümer der Fabrikhalle und den Energieversorger.

Bleiben am Ende? "10 Euro."

10 Euro von 179. Multipliziert mit den 15.000 Laufrädern, die Kokua-Bikes im Jahr verkauft, macht das 150.000 Euro. Das ist der Gewinn, der Rolf und Alfred Mertens bleibt, das Bruttoeinkommen ihrer Familien.

In Roetgen in der Eifel stehen auf Rolf Mertens’ Blatt immer noch mehr Zahlen. Abzüglich der 55 Euro, die Kokua-Bikes für jedes Laufrad ins Erzgebirge überweist, bleiben 24 Euro übrig.

All die anderen Hersteller von Kinderlaufrädern, die heute in Deutschland auf dem Markt sind, profitieren von jener Idee, die Rolf Mertens vor zwölf Jahren hatte. Der Mann aber, der mit seiner Erfindung den Roller verdrängte und die Stützräder überflüssig machte, muss von seinem Einkommen jährlich mehrere Tausend Euro an seinen Anwalt zahlen, um wenigstens die besonders unverschämten Plagiate verbieten zu lassen. Die natürlich allesamt nicht in Roetgen, Hallbach oder Nachod produziert werden, sondern irgendwo in Asien.

Rolf Mertens ist nicht arm, keineswegs. Aber einen reichen Unternehmer stellt man sich irgendwie anders vor.

200 Euro hat der Staat an Martin Langendorf überwiesen. Dieses Geld konnte es nicht ändern, dass Discountketten auf Kosten von Kokua-Bikes das schnelle Geschäft suchen. Aber es hat Heidi Mallmann ein wenig Zuversicht geschenkt, hat Libor Sovadina und Anja Heinrich Arbeit gegeben, hat Kartonherstellern und Schraubenproduzenten zusätzliches Geschäft beschert.

Wenn es gut läuft, entstehen durch ein Konjunkturprogramm, wie es der Kinderbonus ist, also neue Umsätze und neue Arbeitsplätze. Und weil der Staat über die Mehrwertsteuer und die Einkommensteuer an jedem Kauf und jedem neuen Job mitverdient, bekommt er am Ende die 1,8 Milliarden Euro, die er für den Kinderbonus ausgegeben hat, wieder herein. Wenn es gut läuft.

Man ist damit beim dritten und gewichtigsten Einwand gegen staatliche Konjunkturstützung angekommen. Um ihn zu verstehen, muss man zurück nach Berlin fahren, in die Französische Straße, zum Haus Nummer 9. Dort, über der Eingangstür, zählt eine Uhr die Staatsschulden der Bundesrepublik Deutschland. Seit Jahresbeginn, seit dem Start der Konjunkturprogramme, wachsen die Schulden nicht mehr um 474 Euro in der Sekunde – sondern um fast das Zehnfache. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik tickte die Schuldenuhr so schnell.

Was also, wenn es nicht gut läuft? Wenn das Konjunkturprogramm des Staates zwar ein paar Arbeitsplätze rettet, aber nicht genug Wachstum erzeugt, sodass sich dadurch die neu entstandenen Staatsschulden begleichen lassen? Was ist dann?

Dann müssen spätestens die Kinder von Martin Langendorf durch höhere Steuern für diese Schulden aufkommen.

Allerdings übersieht das "Argument Schuldenuhr" einen wichtigen Punkt: Eine Wirtschaftskrise gibt es für den Staat nicht umsonst. Auch wenn sich die Regierung gegen Konjunkturprogramme entscheidet – zahlen muss sie trotzdem: für das Arbeitslosengeld von Anja Heinrich, wenn sie ihren Job verliert; für die Krankenversicherungsbeiträge, die dann fehlen; für die Rentenversicherungsbeiträge, die sie nicht mehr entrichten kann. Nach Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg kostet jeder neue Arbeitslose den Staat im Schnitt 22.700 Euro pro Jahr. Demnach ist es vernünftiger, das Geld dafür auszugeben, dass neue Arbeitsplätze entstehen, als dafür, die Folgen des Arbeitsplatzverlusts zu mildern.

Martin Langendorf, der Mann, der das Laufrad kaufte, ahnt nicht, welchen Weg sein Geld gegangen ist. Er weiß nichts von den Nöten der Heidi Mallmann, von den Kreditraten der Anja Heinrich. Dass seine Kinder irgendwann womöglich die Rechnung für die große Krise begleichen müssen, das ahnt er, aber auch daran denkt er jetzt nicht. Seine Tochter freut sich über ihr Laufrad, und er freut sich auch. Das ist alles. Er war ja nur einkaufen. So wie fast jeder Mensch fast jeden Tag.

Mitarbeit: Johannes Voswinkel