Jeder Mittwoch, an dem "Politik auf Wirklichkeit" treffen soll, verläuft nach festen Ritualen. Jeder Mittwoch, den Frank Plasberg abends möglichst unkonventionell moderiert, braucht tagsüber möglichst klare Konventionen. Wenn es gegen 21.45 Uhr im Studio leise wird, dann hat er den ganzen Tag über mit niemand anderem als mit seinem Freund und Produzenten Jürgen Schulte telefoniert. Kurz bevor er zur Aufzeichnung ins Berliner Studio an der Budapester Straße geht, trinkt Plasberg im Schweizer Hof einen Espresso an der Bar, und dann ruft er seine Eltern an, jeden Mittwoch, damit sie ihm etwas aus ihrer Welt erzählen.

Wenn im Studio fleißige Helfer die Wassergläser der Gäste noch schnell bis zwei Finger breit unter dem Rand füllen, bekommt Plasberg einen kalten Tee. Immer aus derselben Tasse. In Berlin ist es ein Becher mit dem Kölner Dom darauf. Wenn aus Köln gesendet wird, benutzt Plasberg einen Becher mit dem Brandenburger Tor. Das ist Tradition wie psychisches Programm: immer außen vor bleiben. Kurz bevor es losgeht, wird dann auch ihm ein Glas gefüllt. Mit Cola light. Frank Plasberg steht nun hinter seinem Pult, schlank und breitbeinig wie Lucky Luke vorm Duell, und schiebt Papiere über den Monitor. Damit die Gäste beim Reinkommen nicht schon die Themen der Einspieler sehen können, mit denen sie später konfrontiert werden – und um Konfrontation soll es ja gehen bei hart aber fair .

Von diesem Image lebt die Sendung, die Frank Plasberg moderiert: dass sie als "die etwas andere Talkshow" (Süddeutsche), als "Talkshow mit Hybrid-Antrieb" (Spiegel) wahrgenommen wird. Ihr Moderator wurde dafür mit Preisen überschüttet, unter anderem dem Deutschen Fernsehpreis (2003), dem Grimme-Preis in der Kategorie Information und Kultur (2005), dem Bayerischen Fernsehpreis (2006) und dem Bambi (2008).

Frank Plasberg sitzt in seinem Büro in Düsseldorf und scannt die Besucherin. Mit ein, zwei harmlos scheinenden Fragen beginnt er die Plauderei vor dem eigentlichen Interview, die vor allem dazu dient, ihm ein Bild von seinem Gegenüber zu verschaffen. Woher? Aus Berlin. Aha. Aus welchem Stadtteil? Aus dem alten Westen. Aha. Bei Plasberg gehören solche Fragen nicht nur zum Aufwärmen, sondern zu einer Art innerer Rasterfahndung, mit der Menschen abgeschätzt werden. Plasberg nennt das "einen gepflegten Zettelkasten von Vorurteilen" und ist froh, wenn er ihn "während der Sendung aufräumen muss". Wer sich von Menschen oder ihren Ansichten nach Belieben distanzieren will, für den ist diese Art der flexiblen Stigmatisierung nützlich.

Plasberg trägt eine Cordhose, einen blauen Pullover und einen gestreiften Schal um den Hals und sieht etwas müde aus, ist aber ausnehmend freundlich und zuvorkommend. Er wartet, bis sein Alter Ego Jürgen Schulte sich einen Stuhl dazurückt, gleich vor dem Regal mit dem Orang-Utan-Bildband Die Denker des Dschungels, dann antworten sie beide auf Fragen nach ihrem Politikverständnis.

"Politik trifft Wirklichkeit", sagt Jürgen Schulte, "das ist der Slogan schon aus der Anfangszeit unserer Sendung. Als wir begannen, gab es Sabine Christiansen und Berlin Mitte. Am Titel können Sie schon erkennen, worum es da ging. Es ging um das, was in Berlin-Mitte passiert. Rund um den Reichstag und noch ein bisschen weiter weg. Wir waren in diesem Bereich die erste Sendung, die die Entscheider und die Menschen, die mit diesen Entscheidungen leben müssen, an einem Tisch zusammenbrachte."

Die beiden verstehen es, die Vorstellung von ihrer Sendung zu präsentieren. Wenn Plasberg ein wenig zu forsch redet, glättet Schulte sanft. Dabei ist das Authentischste an Frank Plasberg sein unbedingter Ehrgeiz, authentisch zu erscheinen. Immer wieder tauchen dieselben Schablonen auf, mit denen der Moderator gern sein Selbstbild zeichnet: Das Wichtigste sei es, nicht zu verkopfen, er habe sich nicht verändert, das habe mit seiner Sozialisation zu tun, ihm sei "einer, der mal einen Schritt zu weit geht, lieber als ein Bedenkenträger ohne Engagement", und vor allem sei er "kein politischer Journalist". Eine Weile lang hört sich das stimmig an. Nach einer längeren Weile hört sich das irgendwann zu stimmig an. Vor allem wenn Plasberg erklärt, kein politischer Journalist zu sein. Immer wieder bezeichnet er sich als "Gesellschaftsjournalist".