Kein Gericht konnte ihm je etwas nachweisen. Kein Staatsanwalt. Kein Journalist. Jedenfalls keiner, der überlebte. Eigentlich ist es verwunderlich, dass Giulio Andreotti nicht schon früher zur Filmfigur wurde. Aber erst der Regisseur Paolo Sorrentino zeigt: Andreotti ist einer, dem man nur noch mit den Mitteln der Kunst beikommen kann. Il Divo. Der Göttliche.

Sieben Mal war Andreotti italienischer Ministerpräsident. 29 Mal Minister. 27 Mal wurde er angeklagt. Und 27 Mal freigesprochen. Giulio, die Sphinx. Der Bucklige. Das Enigma. Protagonist der letzten sechzig Jahre italienischer Geschichte. Es waren die Jahre, in denen Geheimlogen Staatsstreiche vorbereiteten, die Roten Brigaden den Christdemokraten Aldo Moro entführten und töteten und die Mafia erst den General Dalla Chiesa ermordete und schließlich die beiden Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Es waren die Jahre des Mailänder Schmiergeldskandals, an dessen Ende die Selbstauflösung der italienischen Parteien stand. Es waren die Jahre, in denen Bankiers der Vatikanbank erhängt oder im Gefängnis mit Zyanid vergiftet aufgefunden wurden. In jenen Jahren starben 236 Menschen bei Attentaten, 817 wurden verletzt. Giulio Andreotti feierte im Januar dieses Jahres seinen 90. Geburtstag – ruhig und zurückgezogen, wie es seine Art ist. Im engsten Kreise seiner Familie.

Als Il Divo in Cannes gezeigt und mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde, lobten die Kritiker vor allem den Witz, die Groteske, die Überzeichnung eines Films, den sie »Politsatire« nannten. In Italien aber fand niemand den Film komisch oder überzeichnet. Eher verzweifelt. Il Divo entwirft ein hyperrealistisches Bild von Italien und Andreotti: ein Zyniker der Macht, den so nur die katholische Kirche hervorbringen kann. Oder, wie es der legendäre Journalist Indro Montanelli formulierte: »Entweder ist er der gerissenste Verbrecher in diesem Land, weil er immer davongekommen ist, oder er ist der am meisten verfolgte Mann in der Geschichte Italiens.«

Im Film ringt dieses Zitat Andreotti (kongenial dargestellt von dem neapolitanischen Schauspieler Toni Servillo, der dafür den Europäischen Filmpreis erhielt) nicht mal ein Kräuseln seiner schmalen Lippen ab. Im wahren Leben soll er nach einer Privatvorführung von Il Divo gesagt haben: »Ich bin nicht so zynisch. Dieses Werk ist ein Schurkenstreich, eine Niederträchtigkeit, ein boshafter Film.« So berichtete es jedenfalls die Repubblica. Einen besseren Werbespruch hätte sich der Regisseur Paolo Sorrentino nicht wünschen können.

Um das Böse mit den Mitteln der Kunst zu entblößen, sieht jede Einstellung dieses Films aus, als sei sie von einem japanischen Innenarchitekten entworfen worden. Giulio Andreotti – inszeniert vor dem Hintergrund eines Geflechts aus schlechten Menschen: Minister, Mafiosi und Kardinäle. Getaucht in das bläuliche Licht eines Leichenschauhauses oder in das rötliche Braun geronnenen Blutes. Da, wo er ist, ist die Mitte. Einer, der in seinem Kokon der Macht so erstarrt ist, dass er nie die Stimme erhebt und die Beine beim Laufen nur unterhalb des Knies bewegt. Einer, aus dessen Mund Sentenzen fallen – die Andreotti so oder so ähnlich gesagt haben könnte. Etwa zur Ermordung von Aldo Moro: »Ich hatte mir vorgenommen, kein Eis mehr zu essen, wenn Aldo Moro freigelassen würde. Ich habe eine Schwäche für Eis.« Oder zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Palermo, die ihn der Unterstützung der Mafia bezichtigt: »Es sind viel mehr die kleinen Dinge, die mich entmutigen. Zum Beispiel, dass ich nicht mehr Vorsitzender des Musikvereins bin.«

Oft ist der Film ganz still und zeigt die Momente des italienischen Dramas, als seien sie eingefroren: den Kuss zwischen dem Mafiaboss Totò Riina und Andreotti, das Skateboard, auf dem der Sprengstoff für das Attentat auf die Antimafia-Staatsanwälte Falcone und Borsellino in das Abflussrohr unter der Autobahn geschoben wird, der abtrünnige Mafioso Tommaso Buscetta in Handschellen im Flugzeug auf dem Weg nach Italien, die Witwe, die bei der Beerdigung Falcones und seiner Leibwächter die Mafiosi auffordert, niederzuknien und zu bereuen. Jeder in Italien kennt diese Bilder.

Für viele Italiener waren die Preise für Il Divo und Gomorrah ein Triumph – als würden die Auszeichnungen die kulturelle, politische und soziale Erstarrung Italiens wenn nicht aufbrechen, dann ihr doch zumindest ein paar Risse beibringen. Als seien diese beiden Filme Klopfzeichen aus dem Untergrund einer tot geglaubten Demokratie.