Luchs Nr. 266 Stille Post im Land des Terrors
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: »Lienekes Hefte«, die ein jüdischer Arzt 1944 in Holland für sein Kind malte
Das Buch passt auf eine Kinderhand. Es ist ein kleines dickes Buch, wenn man es aufschlägt, entdeckt man sein Geheimnis. Das Buch ist eine Schatulle, und in der Schatulle sind Hefte versteckt. Neun Stück. Alle haben die Länge einer Schoko-Zigarette und bestehen aus Papierbögen, gefaltet und mit Faden vernäht. Schlägt man sie auf, sieht man, jedes Heft ist ein Brief. Die Schatulle ist ein Schatzkästchen für die Briefe eines Vaters an seine Tochter. Es sind Briefe mit getuschten Buchstaben, kolorierten Initialen, Hunde tollen über die Seiten, eine Schnecke kriecht mit einer Fahne heran, Blumen wachsen in die Briefe hinein, die der niederländische jüdische Tierarzt Jacob van der Hoeden 1944 an seine zehnjährige Tochter Jacqueline schrieb, die von der Familie getrennt, bei Fremden, überleben sollte. Es sind Ermunterungsbriefe. Man sieht Dokumente einer großen Vaterliebe, nun liebevoll im Faksimile reproduziert. Sie erzählen von Zuwendung und einer außergewöhnlicher Widerstandskraft, es sind Zeugnisse von Mut, ja Heiterkeit inmitten einer furchtbaren Zeit, in der solche Briefe, Absender und Empfängerin, nur überleben konnten, weil es gute Verstecke für sie gab.
Die Niederlande wurde am 14. Mai 1940 von den Deutschen besetzt. Da war Jacqueline sechs, ein blauäugiges Mädchen, Kosename: Lieneke. Der Vater lehrt Bakteriologie in Utrecht. Sein Kosename: Jaapje. Die Mutter ist sehr krank, aber noch leben Eltern und die vier Kinder geborgen beeinander. Dann die Deportationen. Von den 160000 jüdischen Bürgern und den 20000 Flüchtlingen in den Niederlanden werden drei Jahre später noch 30000 übrig sein.
Lienekes älteste Schwester versteckt sich in einem Kloster. Der Bruder kommt als Knecht beim Bauern unter. Die beiden Kleinen, Rachel und Lieneke, werden ans Bett der Mutter gerufen, die ein neues Spiel erfunden hat. Alle haben jetzt andere Namen. Alle ziehen zu neuen Familien. Alle wohnen jetzt woanders. Die Kinder strahlen. Die Mutter selber ist zu schwach, um zu fliehen. Auf ihrer Odyssee von Versteck zu Versteck wird Lieneke der Mutter nur noch einmal begegnen, sie stirbt kurz vor Kriegsende.
Im ersten Versteck ist Lieneke noch mit Vater und Rachel zusammen, im zweiten ist nur Rachel dabei, dann ist Lieneke allein bei einem kinderlosen Paar. Alle Zuversicht, die ihr die Eltern in so großer Ration mit auf den Weg gegeben hatten, ist der nun Zehnjährigen abhandengekommen. Es gibt im Haus einen Hund, neben dem sie vor den Ofen liegt. Da trifft ein Brief des Vaters ein. Ein Brief? Ein Wunder!
- Mehr über den LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis
Der LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis wird seit 1986 jeden Monat von der Wochenzeitung DIE ZEIT und Radio Bremen vergeben. Der LUCHS prämiert ein besonderes Kinder- und Jugendbuch, das als "Anstiftung zum Denken und zur Kreativität" taugt. Aus 12 Monatsluchsen wird ein Jahresluchs gekürt.
Der LUCHS Jury gehören an: die Schriftstellerin Julia Franck, die Journalistin Marion Gerhard, Franz, Lettner vom Wiener Institut für Jugendliteratur, die Kritikerin Hilde Elisabeth Menzel, sowie als Vorsitzende die Kinder-und Jugendbuchredakteurin der ZEIT, Dr. Susanne Mayer.
Das Gespräch zum aktuellen Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/podcast/luchs.
»Liebe Lieneke!«, schreibt der Vater, »da sitze ich am Tisch mit einem Federhalter in der Hand«, und er hat einen Tisch gezeichnet mit einem Mann, der schreibt: »Erkennst Du die Bilder an der Wand?«
Der Vater verführt seine Lieneke mit Schalk, er lockt sie in einen Garten, zum Häschen im Kohl, er erzählt von den frisch geschlüpften Küken, eines hat ein steifes Bein, man sieht, wie das dem Doktor entgegengereckt wird. Scherze fliegen hin und her, zu Neujahr sogar Gedichte, übrigens mit Unterstützung des holländischen Widerstands, der beim Transport der Stillen Post behilflich ist. Man könnte sagen, dass diese Vaterbriefe, die er selber leichthin »Plaudereien« nennt, Lienekes Widerstand aufbauen sollen.
Es sind Briefe, wie sie auch Kinder für Kinder malen. Sie sind tatsächlich den kleinen Kunstwerken ähnlich, die zeitgleich in Brüssel entstehen, wo eine dem Bauhaus nahestehende Künstlerin, Élisabeth Ivanovsky, mit dem Dichter René Meurant eine Miniatur-Kinderbuchreihe entwirft, die zauberhafte Collection Pomme d’Api, die sogar in Serie geht (heute éditions MeMo). Lieneke muss ihre monatlichen Heftchen am Ende des Tages an die Gasteltern aushändigen, die sie verbrennen sollen, um die Spuren zu verwischen.
Alle Kinder können sich in den Heftchen für Lieneke verlieren. Sie erzählen auch viel vom Vater. Mit welchem Einfühlungsvermögen er eine Welt schafft, in der ein Kind inmitten des Terrors doch Kind sein kann. Die Nazis tauchen nur in Scherzen auf, sozusagen zwischen Ringelblumen und Rhabarber. Etwas deutlicher schon sanfte Ermahnungen, in der Schule nicht zu schludern, trotz allem. Fast verschämt – seine Wünsche. Ein Bild zeigt einen Vater, der von seiner Tochter gerade einen dicken Kuss bekommt. Und dann ist da dieser »Festtagsbrief«, es ist jetzt der 24. Mai 1944, und Lieneke wird elf Jahre alt.
Er könne leider nicht kommen, schreibt der Vater grimmig, sein Festtagshut habe die Motten. Aber er wirft eine Geburtstagsparty für sie, mit den Zicklein, die er Lieneke und Jaapje getauft hat, man sieht, wie er in dieser Ziegengesellschaft eine Polonaise durch den Garten zieht, mit Lampion und einem Lied aufs nächste Jahr: »Dann ist Holland frei!«
Also, das ist kaum zum Aushalten, auch wenn klar ist, dass dieser eine Wunsch ja in Erfüllung ging und Kinder und Vater van der Hoeden überlebten.
Jacob van der Hoeden:Lienekes Hefte. (9 Hefte und eine Erzählung von Agnès Désarthe; aus dem. Niederländischen von Edmund Jacoby, aus dem Französichen von Sarah Pasquay; Jacoby + Stuart, 2009; 19,95 €, ab 7 Jahren aufwärts
- Datum 09.10.2009 - 18:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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