Kinder- und Jugendbuch Was wirklich zählt

»Wer ist Violet Park?« – In ihrem furiosen Romandebüt schickt die Britin Jenny Valentine einen jungen vaterlosen Typen ins Abenteuer des Lebens

Machen wir es wie Großmutter Pansy, wenn sie ihre ermüdeten Lebensgeister aufscheuchen will. Bevor hier vom großen Dilemma eines 16-jährigen Typen erzählt wird, trinken wir erst einmal eine Tasse Tee und lassen uns den Satz auf der Zunge zergehen, den der junge Held Lucas in einem Augenblick der Erkenntnis äußert: »Mir kommt es vor, als hätten die meisten Leute, wenn sie erwachsen werden, nichts Besseres zu tun, als sich etwas Unmögliches in den Kopf zu setzen und sich danach zu sehnen.« – »Okay, Luke«, wollte man darauf antworten, während man an seinem Earl Grey nippt, »das ist aber kein Privileg von Erwachsenen. Deine Illusionen sind auch nicht von schlechten Eltern.«

Die Geschichte des Jungen aus der Crescent Road in der Nähe des Londoner Primrose Hill, die uns Jenny Valentine in ihrem preisgekrönten Debütroman erzählt, ist nämlich so verrückt, dass wir uns manchmal fragen müssen: »Sachte, sachte – sind wir hier noch auf der richtigen Spur?« Schließlich tauchen in Wer ist Violet Park? immer wieder Weggabelungen auf, vor denen Lucas steht, ohne zu wissen, wo es wirklich und wahrhaftig langgeht. »Es ist komisch, wenn du über so entscheidende Momente im Leben nachzudenken anfängst, über zufällige Begebenheiten, die am Ende ungeheuer viel bedeuten«, resümiert er nach all den skurrilen Ereignissen, die ihm widerfahren oder die er selbst provoziert.

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Lucas’ Dilemma ist nachvollziehbar. Er lebt mit fünfjährigem Bruder, älterer Schwester und Mutter zusammen und hat – zu Mums Leidwesen – sein Bild vom vor fünf Jahren spurlos verschwundenen Vater auf einen hohen Sockel gestellt. Das Nichtwissen um Dads Schicksal ist dabei schlimmer als jede Gewissheit. Und dann trifft Luke Violet Park – eine alte Lady – an einem unmöglichen Ort in einem unerwarteten Zustand: als Asche in einer hölzernen Urne, die neben geblümten Kaffeetassen auf dem Regal eines Taxibüros steht. Vor Jahren hat jemand diese Urne auf dem Rücksitz eines Taxis vergessen. Mit Luke geschieht in diesem Augenblick etwas Seltsames. Es ist, als ob die alte Dame mit ihm spricht. Und nun will er Violet retten, das heißt, er möchte ihr ihre Geschichte zurückgeben. Ein höchst ehrenwertes Unterfangen, aber eben nur ein Teil der Wahrheit. Wir Leser folgen der Spur des Jungen. Sicherheitshalber immer ein paar Schritte hinter ihm, begierig darauf, zu erfahren, wie er sich an den Weggabelungen entscheidet. Langweilig wird uns nicht.

Lukes Reflexionen sind wort- und bildreich, manchmal selbstironisch, manchmal auch sarkastisch.Jenny Valentine ist eine ausgezeichnete Dramaturgin und stilsichere Schriftstellerin. Sie baut die von Klaus Fritz trefflich übersetzte Geschichte als holprigen Pfad der Selbsterkenntnis in eine komplexe Landschaft aus realistischer Kulisse und glaubwürdigem sozialen Milieu. Dabei führt sie ihren Helden immer wieder ganz schön an der Nase herum, obwohl sie ihm in jedem Augenblick das Gefühl gibt, er sei Herr seiner Sinne, selbst wenn er mit der Urne unterm Arm durch die Stadt eilt. Und fast en passant – so jedenfalls unser Eindruck – erfahren Lucas und wir eine ganze Menge über Leben und Tod, über Verantwortung, über falsche Entscheidungen, über Erinnerungen, über Glück, über Liebe, über Autonomie, über Primrose Hill und andere Refugien und nicht zuletzt über das, was wirklich zählt im Leben. Siggi Seuß

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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    • Schlagworte Jugendliteratur
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