Lebensgefühl Ich bin ein Produkt der Krise

Sie steht in einem üblen Ruf: Aber manchmal hilft die Krise auch, Türen aufzusprengen, die längst morsch sind

Natürlich ist es zynisch, einem, der gerade seine Arbeit verloren hat, zu sagen: Nimm’s leicht, mach was draus! Es ist aber nicht nur zynisch, es ist zugleich wahr. Was sonst bleibt ihm denn, was bliebe uns zu tun, als aus dem Verlust – hier von Einkommen, also Sicherheit – etwas zu machen, neu zu beginnen? Und manchmal ist das Neue sogar besser als das verlorene Alte.

Es ist rund zehn Jahre her, von Krise war keine Rede. Ich lebte gut und gern von zwei Autorenverträgen mit deutschen Magazinen. In der Woche vor Weihnachten wurden mir beide gekündigt. Das eine Magazin ging ein, das andere wurde umgekrempelt. Plötzlich stand das neue Jahr in einem anderen, kälteren, bei näherem Hinsehen aber auch klareren Licht. Der Mensch hat erstaunliche Fähigkeiten, manche zeigen sich erst in so einem Moment, und Panik ist immer schlecht. Ich weiß nicht, warum ich in dieser Vorweihnachtswoche nicht panisch wurde, vier Wochen vorher oder nachher wäre ich es vielleicht geworden. So aber sagte ich mir: Ab sofort ist dein Einkommen weg. Um ein neues zu erlangen, brauchst du etwa ein Dreivierteljahr, das ist ein Erfahrungswert. Du hast also ein Dreivierteljahr Zeit.

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Ich überlegte. Zeit zu haben ist nicht schlecht. Trägst du dich nicht lange schon mit dem Gedanken, ein Buch zu schreiben? Ein Dreivierteljahr ist eine gute Strecke dafür, sieh es mal so. Eines Tages wirst du wieder Pflichten haben, dann ist wieder alles andere wichtiger, und der ganze schöne Ballast fliegt über Bord. So kam es zu meinem ersten Buch, so kam ich zum Bücherschreiben. Wäre ich auch ohne doppelten Rausschmiss dazu gekommen? Das ist die Frage. Nimm die Krise leicht, mach was draus: Ob der Satz zynisch wirkt oder Mut macht, ob er ein Schlag ins Gesicht ist oder die Erinnerung daran, dass da draußen noch etwas anderes wartet – das liegt zuallererst an dem, der ihn hört. Natürlich liegt es auch an den Umständen. Frisch gekündigte Eltern kleiner Kinder werden anders auf diesen Satz reagieren als einer, der sich nur um sich selbst sorgen muss. Und natürlich gibt es Krisen, in denen nichts entsteht, sondern nur etwas endet – die sind hier nicht Thema, die bedürfen anderer Einsichten, anderer Sätze.

Meistens heißt Krise: So geht es nicht weiter. Vielleicht geht es ja anders weiter. Dass Neues nicht aus ökonomisch-kulturellem Völlegefühl kommt, kann man an den satten, selbstmitleidigen achtziger Jahren sehen. Vieles, was wir als feste Errungenschaften betrachten, verdankt sich der Krise – und mehr noch dem Impuls, sie nicht das letzte Wort haben zu lassen.

Ohne Rohstoffkrisen aller Art keine neuen Produkte, keine chemische Industrie. Ohne Ölkrise keine Playmobil-Figuren. Ohne Botschaftsflüchtlingskrise im Sommer 1989 kein Mauerfall im Herbst. Ohne Goethe-Krise keine Flucht nach Italien, keine Römischen Elegien. Ohne Saulus-Krise kein Paulus. Ohne Bush-Krise kein Obama.

Leser-Kommentare
  1. schließlich ist beim Wirtschaftsschiff MS Deutschland die Ladung total verrutscht (Verteilung der Privatvermögen z.Zt. ca. 85% aller Privatvermögen befinden sich im Besitz von ca. 7-10% aller Privathaushalte).

    Die Konsequenz:
    a) Kapitalembolie
    b) Liquiditätsinfarkt

    Folge: Das Schiff wird ganz einfach sinken.

    Türen sprengen hätte den Wahnsinnsvorteil, dass der Kahn gleich und sofort absäuft und wir uns das elend lange Gewarte und Gejammere ersparen und selbstmitleidige "Ich bin ein wichtiger Mensche, ich muss unbedingt gerettet werden!." nicht noch länger anhören müssen.

    Übrigens, wie beim Untergang des Kaiserreiches, 1000jährigen Reiches, des Ersten Arbeiter- und Bauernstaates gab es Überlebende, welche das Überleben der Menscheit sichergestellt hat. Auch nach dem Untergang des real-existierenden Finanzanlagenbetrugswirtschaftsreiches wird es Überlebende geben.

    Und mal ehrlich. Es ist doch für jeden guten und anständigen Deutschen ein Ehre für seine Gesellschaft zu sterben. War früher so, ist heute so.

    Experience is the only way to understand.

    • Anonym
    • 21.04.2009 um 13:03 Uhr

    Der Artikel ist gut und entspricht auch meiner Lebenserfahrung.

    Zum Kommentar ist nur zu sagen, ja das Schiff leckt schon seit längerem, aber mittels Pinselsanierung sah es aus, als wäre es ein Neubau, auf den heftig spekuliert wurde.

    Nun aber ist die Farbe abgeblättert und wie in der DDR die Potemkinschen Dörfer sichtbar wurden, so werden auch die Lecks dieser Gesellschaft sichtbar.

    Die aktuelle Vermögensverteilung ist sicher ein Problem und wegen der damit verbundenen Besitzstände, Macht auch nicht leicht zu korrigieren. Schließlich gibt niemand freiwillig etwas auf, von dem er glaubt das es ihm zustände.

    Nichts desto trotz ist rein mechanisch die Korrektur nicht so schwer.
    Allerdings wäre das dümmste was man tun könnte den "Reichen" einfach ihre Vermögen wegzunehmen. Das geht am Ende grundsätzlich und immer zu Lasten der Ärmsten in der Gesellschaft.
    Spannender ist da schon die Frage wie man wieder Motivation schafft Reichtum in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, denn im Falle von Firmenwerten drückt der Nominalwert doch nur die Fähigkeit aus Gewinne zu erwirtschaften.
    Das mag manchmal eine falsche Erwartung sein, doch Umverteilung vernichtet einfach dieses Vermögen, nur das Finden und Fördern neuer Gewinnträger, Menschen die diese Gewinne generieren können, erhält den Wohlstand bzw. schafft Neuen. Das ist keine Frage der Moral, obwohl uns Träger der Moral sicher sympathischer daherkommen als die Anderen.

    Berthold Grabe

  2. trägt in sich den Keim einer ebenso großen oder sogar größeren Chance, wie Napoleon Hill es einmal ausdrückte. In der Psychologie nennt man die Fähigkeit des Menschen, flexibel mit schwierigen Situationen umzugehen ohne daran zu zerbrechen, Resilienz. Das Gegenteil ist Vulnerabilität. Menschen mit hoher Vulnerabilität sind weniger anpassungsfähig und anfälliger für Krisen und psychische Krankheiten wie beispielsweise Depressionen. Verschiedene Faktoren wie etwa erbliche Disposition und Erziehung beeinflussen wie stark die Fähigkeit, sich auf Umbruchsituationen im Leben einzustellen, beim einzelnen Individuum ausgeprägt ist.

  3. Ich las den Robinson wie ein Lied. Ein grober Paukenschlag wirft ihn an den öden Strand, zu leise tröpfelnden Tönen rappelt er sich auf, sein Lied weitet sich, wird voller, und am Ende fliegt der Paradiesvogel heim.

    Wunderbar formuliert! Ich stimme Wolfgang Büscher in jeder Hinsicht zu, die Krise eignet sich vorzüglich zum Bücherschreiben, falls (und darauf weist er ausdrücklich hin!) die äußeren Rahmenbedingungen es zulassen. Das Buch als Krisenbewältigungsstrategie!

  4. So eine Krise hat auch eine reinigende Wirkung. Plötzlich wird es deutlich, wer schon lange auf schwachen Beinen stand. Schwindler und Betrüger werden entlarvt und unlautere Firmen fliegen auf. Wie der Großinvestor Warren Buffett neulich sagte: "Bei Ebbe erkennt man, wer keine Badehose anhat."

  5. 6. Danke

    Wolfgang Büscher hat die aufklärenden Potentiale einer Krise deutlich gemacht. Krisen lassen die Grenzen spüren, die wir gerne übersehen um unsere Illusion vom Beherrschen- Können nicht aufgeben zu müssen.
    Sie zwingen unsere Augen, den Pfad gewohnter Sicherheiten zu verlassen und neue und bessere Sicherheiten zu suchen.

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