Lebensgefühl Ich bin ein Produkt der KriseSeite 2/2

In jener Vorweihnachtswoche vor zehn Jahren half mir ein Gedanke, der ins Bewusstsein trat wie ein unaufgeregter Freund ins Zimmer: Etwas ist vorbei. Du hast das jetzt sieben, acht Jahre gemacht, nun ist es gut. Die Art, wie es endet, ist nicht schön, aber dass es endet, geht in Ordnung. Trauere dem nicht nach.

Erinnerung, ja Trauer über das Verlorene ist eine erstrangige Quelle von Literatur. Im Leben soll man sich vor ihrer Übermacht hüten. Lassen wir die Krise ihre Arbeit tun. Wer in ihr nur das Ende von allem zu erkennen vermag, wer die Idee brüsk von sich weist, es könnte eine Tür aufgehen, die zwar erst einmal in die Kälte führt, vielleicht aber auch in eine neue Freiheit, der lähmt sich selbst.

Ein Buch, das ich damals – ich hatte ja Zeit – wieder las, war Robinson Crusoe. Die Geschichte des Gestrandeten auf seiner einsamen Insel. Der Roman ist als eine Art Stundenbuch der Puritaner interpretiert worden: Der Sünder Crusoe läutert sich durch Arbeit und findet so zum Seelenheil.

Was mir so gut gefiel, war etwas anderes. Ich las den Robinson wie ein Lied. Ein grober Paukenschlag wirft ihn an den öden Strand, zu leise tröpfelnden Tönen rappelt er sich auf, sein Lied weitet sich, wird voller, und am Ende fliegt der Paradiesvogel heim.

Wolfgang Büscher schrieb in jenem Krisenjahr sein erstes Buch "Drei Stunden Null", außerdem hatte er damals die Idee zu "Berlin–Moskau", das ein Bestseller wurde

 
Leser-Kommentare
  1. schließlich ist beim Wirtschaftsschiff MS Deutschland die Ladung total verrutscht (Verteilung der Privatvermögen z.Zt. ca. 85% aller Privatvermögen befinden sich im Besitz von ca. 7-10% aller Privathaushalte).

    Die Konsequenz:
    a) Kapitalembolie
    b) Liquiditätsinfarkt

    Folge: Das Schiff wird ganz einfach sinken.

    Türen sprengen hätte den Wahnsinnsvorteil, dass der Kahn gleich und sofort absäuft und wir uns das elend lange Gewarte und Gejammere ersparen und selbstmitleidige "Ich bin ein wichtiger Mensche, ich muss unbedingt gerettet werden!." nicht noch länger anhören müssen.

    Übrigens, wie beim Untergang des Kaiserreiches, 1000jährigen Reiches, des Ersten Arbeiter- und Bauernstaates gab es Überlebende, welche das Überleben der Menscheit sichergestellt hat. Auch nach dem Untergang des real-existierenden Finanzanlagenbetrugswirtschaftsreiches wird es Überlebende geben.

    Und mal ehrlich. Es ist doch für jeden guten und anständigen Deutschen ein Ehre für seine Gesellschaft zu sterben. War früher so, ist heute so.

    Experience is the only way to understand.

    • Anonym
    • 21.04.2009 um 13:03 Uhr

    Der Artikel ist gut und entspricht auch meiner Lebenserfahrung.

    Zum Kommentar ist nur zu sagen, ja das Schiff leckt schon seit längerem, aber mittels Pinselsanierung sah es aus, als wäre es ein Neubau, auf den heftig spekuliert wurde.

    Nun aber ist die Farbe abgeblättert und wie in der DDR die Potemkinschen Dörfer sichtbar wurden, so werden auch die Lecks dieser Gesellschaft sichtbar.

    Die aktuelle Vermögensverteilung ist sicher ein Problem und wegen der damit verbundenen Besitzstände, Macht auch nicht leicht zu korrigieren. Schließlich gibt niemand freiwillig etwas auf, von dem er glaubt das es ihm zustände.

    Nichts desto trotz ist rein mechanisch die Korrektur nicht so schwer.
    Allerdings wäre das dümmste was man tun könnte den "Reichen" einfach ihre Vermögen wegzunehmen. Das geht am Ende grundsätzlich und immer zu Lasten der Ärmsten in der Gesellschaft.
    Spannender ist da schon die Frage wie man wieder Motivation schafft Reichtum in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, denn im Falle von Firmenwerten drückt der Nominalwert doch nur die Fähigkeit aus Gewinne zu erwirtschaften.
    Das mag manchmal eine falsche Erwartung sein, doch Umverteilung vernichtet einfach dieses Vermögen, nur das Finden und Fördern neuer Gewinnträger, Menschen die diese Gewinne generieren können, erhält den Wohlstand bzw. schafft Neuen. Das ist keine Frage der Moral, obwohl uns Träger der Moral sicher sympathischer daherkommen als die Anderen.

    Berthold Grabe

  2. trägt in sich den Keim einer ebenso großen oder sogar größeren Chance, wie Napoleon Hill es einmal ausdrückte. In der Psychologie nennt man die Fähigkeit des Menschen, flexibel mit schwierigen Situationen umzugehen ohne daran zu zerbrechen, Resilienz. Das Gegenteil ist Vulnerabilität. Menschen mit hoher Vulnerabilität sind weniger anpassungsfähig und anfälliger für Krisen und psychische Krankheiten wie beispielsweise Depressionen. Verschiedene Faktoren wie etwa erbliche Disposition und Erziehung beeinflussen wie stark die Fähigkeit, sich auf Umbruchsituationen im Leben einzustellen, beim einzelnen Individuum ausgeprägt ist.

  3. Ich las den Robinson wie ein Lied. Ein grober Paukenschlag wirft ihn an den öden Strand, zu leise tröpfelnden Tönen rappelt er sich auf, sein Lied weitet sich, wird voller, und am Ende fliegt der Paradiesvogel heim.

    Wunderbar formuliert! Ich stimme Wolfgang Büscher in jeder Hinsicht zu, die Krise eignet sich vorzüglich zum Bücherschreiben, falls (und darauf weist er ausdrücklich hin!) die äußeren Rahmenbedingungen es zulassen. Das Buch als Krisenbewältigungsstrategie!

  4. So eine Krise hat auch eine reinigende Wirkung. Plötzlich wird es deutlich, wer schon lange auf schwachen Beinen stand. Schwindler und Betrüger werden entlarvt und unlautere Firmen fliegen auf. Wie der Großinvestor Warren Buffett neulich sagte: "Bei Ebbe erkennt man, wer keine Badehose anhat."

  5. 6. Danke

    Wolfgang Büscher hat die aufklärenden Potentiale einer Krise deutlich gemacht. Krisen lassen die Grenzen spüren, die wir gerne übersehen um unsere Illusion vom Beherrschen- Können nicht aufgeben zu müssen.
    Sie zwingen unsere Augen, den Pfad gewohnter Sicherheiten zu verlassen und neue und bessere Sicherheiten zu suchen.

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