Es ist vorbei, und man möchte sagen: zum Glück. Vorbei der Kaufrausch und das Spekulationsspektakel, vorbei die hyperventilierende Begeisterung auf Kunstmessen und Auktionen. Noch im letzten September zahlten Sammler selbst für ein paar lumpige Glasdiamanten über 800000 Euro, Hauptsache, sie stammten von Damien Hirst. Doch just an jenem Montag, als Hirst in London eine große Auktion abhielt, auf der seine Werke versteigert wurden, darunter auch die Glasdiamanten mit dem sprechenden Titel Moments of Madness, just an diesem Montag kollabierte in New York die Bank der Lehman Brothers. Und damit begann nicht nur die weltweite Finanzkrise in ihrer ganzen Gewalt, es begann auch die Krise der Kunstwelt.

Auf den ersten Blick sind von dieser Krise vor allem die Händler der Kunst betroffen, die Auktionshäuser und Galerien, deren Umsätze derart schrumpfen, dass sie Mitarbeiter entlassen und in einigen Fällen ganz schließen müssen. Auch die große Kunstmesse Art Cologne, die kommende Woche beginnt, bekommt den ökonomischen Klimasturz zu spüren. Man rechnet mit Einbrüchen, Ausfällen, Abgängen.

So weit, so normal. Der Kunstmarkt steckt in der Krise, so wie viele Branchen in der Krise stecken, und weiter gäbe es nichts zu berichten. Wären da nicht die Nebenfolgen. Diese Nebenfolgen richten weit mehr als nur ökonomischen Schaden an. Sie sind nicht zu vergleichen mit einer Marktdelle, die schon nächstes oder übernächstes Jahr wieder ausgebeult sein wird. Die Nebenfolgen der Kunstmarktkrise gehen an das, was man die geistige Substanz nennen könnte. Sie verändern unser Denken und Reden über die Kunst in all ihren Facetten – und damit auch die Vorstellung davon, was uns Kunst bedeutet.

Die erste Veränderung betrifft ihren Symbolwert. Ein Wert, der sich vor allem ihrem ungeheuren ökonomischen Erfolg verdankte. Auf beispiellose Weise hatte sich die Kunst in den letzten fünf Jahren zu einem Wachstums- und Wuchermarkt entwickelt. Je mehr Geld in sie hineinfloss, desto begehrter wurde sie, und je begehrter sie wurde, desto mehr Geld floss in sie hinein. Nicht wenige Menschen ließen sich davon beeindrucken: Die Kunst schien das Symbol eines permanenten, sich selbst speisenden Erfolgs zu sein. Nur zu gerne holten sie sich einige dieser Symbole in ihr Wohnzimmer.

Es war wie mit Paris Hilton und anderen sogenannten Celebrities, die weder besonders gut aussehen noch besonders gut singen, tanzen, schauspielern oder gar denken können, die es aber dennoch zu erheblicher Bekanntheit bringen. Diese Menschen sind berühmt dafür, berühmt zu sein – und so erging es auch der erfolgreichen Kunst, die man deshalb liebte, weil sie Erfolg hatte. So kam es, dass sie bald in allen Lifestyle-Magazinen und Boulevardblättern groß und bunt in Szene gesetzt wurde, zusammen mit den Schönen und Wichtigen dieser Welt. Doch dieser Kult nimmt nun ein Ende: Selbst die Erfolgreichsten unter den Künstlern werden von der Krise erfasst, und so verliert auch die Kunst ihren Status als Erfolgssymbol.

Die zweite Veränderung betrifft das Versprechen auf Grenzenlosigkeit. In der Kunst und vor allem mit ihr schien alles möglich – dank des Marktes. Er war es, der selbst fabrikähnlich gefertigter Künstlerware eine potenziell grenzenlose Entwicklung ermöglichte. Anders als beim Kauf einer Theaterkarte, einer CD oder eines Buchs erwirbt der Käufer zusammen mit seinem Kunstwerk stets auch die Verheißung darauf, dass sich dessen wahrer Wert, in kunsthistorischer wie in finanzieller Hinsicht, erst in der Zukunft zeigen werde. Ein Bild, das im Jahr 2005 noch 10.000 Euro kostete, konnte schon wenige Jahre darauf den hundertfachen Preis erzielen. Und allein diese Möglichkeit verlockte viele Menschen.