Film Claude Lanzmann: Ein LebenSeite 2/2
Genau dort zieht es ihn 1947 hin. Ausgerechnet. Er studiert mit einem Stipendium der französischen Militärregierung in Tübingen, es gibt zwei Mahlzeiten am Tag und ein beheiztes Zimmer umsonst. Er liest Leibniz im Original und sieht sein erstes Konzentrationslager. Im Jahr darauf, 23 ist er erst, bekommt er den Lehrauftrag an der Berliner FU.
Bis heute hat Lanzmann das Rätsel nicht vollständig geklärt, weshalb er damals nach Deutschland gegangen ist. Er empfand einen Widerwillen gegen den Osten, und der begann für ihn auf der anderen Seite des Rheins. Aber er wollte diese Deutschen in Zivil sehen, ohne Uniform. Und Deutschland war für ihn trotz alledem die Heimat der Philosophie geblieben. Wobei, korrigiert er sich dann: »Wir ahnten damals noch nicht das Ausmaß des Verbrechens. Der Krieg war noch zu nah.«
Es sind die Memoiren eines Mannes, der dieses Wort hasst. Tatsächlich handelt es sich nicht um eine Lebensgeschichte im strengen Sinne, eher um Geschichten eines Lebens, das alles andere als belanglos war. Seine frühe Erfahrung der Verfolgung macht ihn gierig auf das Leben, so gierig, dass er oft ganz nah am Tod vorbeigeht. Aber jenseits der Heldengeschichten ist dieses Buch natürlich vor allem interessant, weil Lanzmann als Journalist und Filmemacher wie nur wenige in seinem Jahrhundert stand. In alle Debatten hat er sich eingemischt, über die Entkolonialisierung französisch besetzter Gebiete, die Studentenrevolte, die Gründung des Staates Israel. Er war erst Mitarbeiter der Temps Modernes, später, und das bis heute, Herausgeber der Zeitschrift, ein Weggefährte Sartres und nicht zuletzt Lebensgefährte der Beauvoir, ihr »siebenter Mann«, wie sie ihn nannte, der Einzige, mit dem sie es unter einem Dach ausgehalten hat.
Le lièvre de Patagonie ist ein schnelles, ein unberechenbares Buch, das im Zickzack sich bewegt: halb Zeitdokument, halb Lebensgeschichte, ein Geschichtsbuch der Moderne, das sich zum Teil wie ein Krimi liest, ein Abenteuerroman, der anrührt, aber auch zum Lachen bringt, sicher nicht pornografisch, aber alles andere als prüde, halb Konfession, halb Hagiografie, denn auch ein wenig selbstverliebt. Kaum war das Buch erschienen, hatte es auch schon die französischen Bestsellerlisten erobert. Es gab regelrechte Elogen, und Lanzmann, der Filmemacher, war plötzlich ein großer Literat. Er selbst hatte nie daran gezweifelt: »Ich wusste immer, dass ich ein großer Schriftsteller bin.« Seine größte Freude wäre es, gesteht er, wenn eines Tages Auszüge seines Buches in französischen Schulbüchern stünden. »Ich bin stolz, dabei demütig, aber weder eitel noch bescheiden.«
Aber warum der Hase? Lanzmann erklärt im Buch, wie es zu dem rätselhaften Titel kommt. Wer Shoah gesehen hat, wird sich vielleicht an eine kurze, zentrale Szene erinnern: Man sieht einen Hasen, der im schnellen Lauf vom Stacheldraht des Lagers Auschwitz-Birkenau gestoppt wird. Der Hase hält inne, dann schlüpft er unter dem Todeszaun hindurch. Über den Bildern liegt die Stimme von Rudolf Vrba, einem der wenigen, denen die Flucht aus Auschwitz gelungen ist.
Wenn er die Wahl hätte, sagt Lanzmann, würde er gerne als Hase wiedergeboren werden. Glaubt er wirklich an Reinkarnation? Sein Buch, sagt er, handelt fast ausschließlich davon.
- Datum 25.11.2009 - 15:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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