Belletristik Es geht um das Herz
Verena Roßbachers erstaunlicher und herausragender Roman »Verlangen nach Drachen«
Seit wir angefangen haben, mit Kultur und Zivilisation ein wenig gefällige Ordnung in unser Dasein zu bringen, also so etwa seit der Steinzeit, träumen wir davon, die selbst gezogenen Grenzen wenigstens gelegentlich wieder mal zu überschreiten, über die Stränge zu hauen, fünf gerade sein zu lassen und die Banane krumm. Und seit der Erfindung von Versfuß, Reim, Logik des Erzählens und zuletzt der sogenannten Stringenz versuchen wir auch in der Literatur immer wieder, die selbst gesetzten Gesetze zu unterlaufen, ja zu missachten und die Sinne dadurch zu beleben, dass wir den Sinn nicht durchs Hauptportal, sondern zum Beispiel durch die Hintertür oder das gekippte Toilettenfenster hereinlassen.
Gerade in der offensten Form, dem Roman, ist das schwieriger, als man denkt. Und auch wieder nicht: Denn einerseits muss man zwar über die lange Distanz hinweg Zusammenhänge herstellen und halten, damit das Ganze nicht auseinanderfällt, andererseits aber braucht man vielleicht nur entschlossen die Erwartungen zu unterlaufen, Nebenwege zu Hauptstraßen zu erklären, Parkplätze zu Wiesen und Wiesen zu Schlafzimmern. Wenn man dann noch seinen Figuren und seinen Lesern mehr zutraut und zumutet als gemeinhin, dann können die großen und kleinen Überraschungen für nachhaltige Erfrischung des ganzen Genres sorgen, und eine eben noch Jungautorin zeigt sich als Schriftstellerin, die aus dem Mittelmaß herausragt: Verena Roßbacher.
Sie ist Österreicherin, und das bedeutet immer noch etwas in der Literatur: Dort hatten das Märchenhafte und der Unfug seit Raimund und Nestroy Erkenntnisqualitäten, da wurde eben nicht das Schräge gerade gebogen, weil gerade das Schräge näher am Lebendigen sein kann. Fritz von Herzmanowsky-Orlando ist dafür ein Königsbeispiel, und Artmann oder Qualtinger waren es sowieso.
Eine faszinierende Sprache mit Satzverdrehern und Anekdoten
Es beginnt mit einem Mann namens Roth, der schon nach wenigen Seiten Grün heißt und sich immer neue Möglichkeiten der Geldbeschaffung ausdenkt, zuletzt einen Flohmarkt, mit dem er den Inhalt seiner Wohnung verscherbelt, von dem ihm nicht ein Stück gehört. Geld hat er nicht, dafür eine ziemliche Goschen, man befindet sich nämlich unüberhörbar in Wien. Er ist also nicht aufs Maul gefallen, dafür aber die soziale Leiter ein paar Sprossen abwärts. Was ihn aber viel weniger stört als das Liebesleben seiner Tochter Klara – er ist halt Vater, und die Frau und Mutter lebt längst mit einem andern.
Weiteres Personal der anfänglichen Seiten sind der Wirt Neugröschl, dessen Gasthausbetrieb gerade mal wieder zum Erliegen zu kommen droht, dessen Hund Frufru – eine matte Sache, aber immerhin kann er reden –, ein paar unwillkommene Gäste und eine Ente. Wir sind hier aber nicht bei Dr. Doolittle, sondern nur am Beginn eines für einen Erstling ziemlich umfangreichen Romans, wo einem die Autorin zunächst mal eines zeigt: dass sie umwerfend komisch sein kann. Und das nicht so sehr, weil Komisches geschieht, sondern weil Verena Roßbacher einen Witz draufhat, der sich zwar, wenn’s sein muss, auch der Klamotte nicht verweigert, ansonsten aber sein Potenzial ganz aus der Sprache holt, mit Satzverdrehern, Sprüchen, Dialogfunken, Zitaten, Anekdoten und Anakoluthen aller Art. Da sitzt jemand am Mischpult und hantiert mit einer scheinbar selbstverständlichen Virtuosität, die staunen macht: »allwissender Erzähler« klingt da wie eine eher altmodische Berufsbezeichnung.
Es geht um Klara, oder besser: Es dreht sich um sie, von der es, wie ihr Name sagt, heißt: »Sie war so pur.« Kapitel um Kapitel und Mann für Mann sehen wir sie als Verliebte und zugleich als eine, die mit großen Augen die kleine Welt des Mannes wahrnimmt, mit dem sie sich gerade wieder mal zusammengetan hat. Die Männer wollen nämlich immer nur die eine, Klara eben. Da ist zum Beispiel der Gärtner Valentin, den Vater Grün gern Gernot nennt, er sammelt kleine Tiere, Maulwürfe, Hasenbabys, und er legt sie in Spiritus ein und schaut sie an, wie sie da schweben, »eigenartig pur in der Flüssigkeit, ernst«. Und wenn Klara Hunger hat, will er etwas anderes, »vielleicht sollten wir vorher ein wenig küssen«, sagt er, das kann nicht halten, Hunger ist Hunger.
Der Nächste ist Stanjic. Stanjic ist Cellist, liebt Schubert-Quartette und ist trotzdem nicht wirklich gut zu seinem Instrument. Auch Grün hatte schon eine Geige malträtiert, Stanjic aber bohrt Löcher ins Cello. Und er sammelt Haare: Einzeln legt er sie in den Eiswürfelbehälter, jedes in ein Fach, und weil er viele Haare findet, braucht er viele Eiswürfelbehälter. Über Liebeserklärungen kommt er Klara gegenüber nicht wirklich hinaus, und so landet sie bei dem Floristen Lenau, der viele Dinge weiß. Zum Beispiel über Erdbeersorten wie die Mieze Schindler und die Belzsche Bulpe, über Schachweltmeister, Versteinerungen und den zehnten Archaeopteryx, den der Schweizer Öttli gefunden hat, und so weiter und so fort.
Selten hat man sich in der neuen Literatur so glänzend unterhalten. Man hat daher größte Lust, die zahllosen Geschichten und Einlassungen in diesem Buch nachzuerzählen, aber es bleibt auch hier das beste Zeichen für dessen Eigenwilligkeit, dass sie sich eben nicht treffend nacherzählen lassen. Stattdessen lese man bitte, bitte wenigstens das überaus schräge fünfte Kapitel: ein Abend im Gasthaus Neugröschl, an dem der spitzenfrisierte Pianist Wurlich auf dieser Schräge gleichsam aus sich herausrutscht direkt in die pure Verzweiflung, eine komisch apokalyptische Szenerie, mitreißend, hinreißend, herzzerreißend. Außerhalb der Roßbacherschen Sätze laufen ihre Geschichten Gefahr, zu einem albernen kleinen Witzchen zu verkommen, wo doch das Ganze ein gewaltiger lachhafter Witz ist, der es immer wieder ernst meint.
Wenn das Leben über die Stränge haut, dann trifft es gern die Falschen
Denn Klara sucht ja weiter, sucht den Mann, der der Richtige sein könnte, was ja immer eine schöne Aufgabe ist. »Das Herz«, hat Lenau gesagt, »es geht um das Herz.« Und als sie ihn endlich findet, nachdem es der Barpianist Wurlich, der mit der Wahnsinnsfrisur, auch nicht war, aber dafür Barnabas, der Dirigent, der sie auch heiratet und dem sie ein Kindlein schenkt, der sie am Ende aber nicht mehr will, sie nach dem vielen Suchen am Ende allein lässt, da läuft Verena Roßbacher noch einmal zu großer Form auf und gibt der Großform, was sie braucht: Während draußen der Jahrhundertorkan Kyrill tobt und sich holt, was er will, sammelt der Roman noch einmal all die Schrillen und Schrägen zusammen und zeigt sie in einer Freakparty in ihrer ganzen Lächerlichkeit und Egomanie, während aus der Ferne Tokyos, wo Barnabas seinen Beethoven gibt, die verlorene Klara mit dünner, klagender Stimme Strophe um Strophe ihre Elegie einer Verlassenen dazwischensingt. Die Drachen haben sich noch einmal aneinander gemessen, und der letzte hat ausgerechnet sie gefressen. Wie lautet doch das Motto des Romans? »Eine Schlange, die noch keine andere gefressen hat, wird kein Drache.« Es wollen eben nur nicht alle einer werden.
Wenn das Leben über die Stränge haut, dann trifft es leider gern mal die Falschen, verdient oder nicht. Klara fasst das dann so zusammen: »Die Purheit tut weh, es war mein pures Gefühl, alles.« Und dann sagt die kleine Madame Butterfly auch noch allen Ernstes: »Ich habe so gern geliebt.«
- Datum 18.04.2009 - 12:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren