Übergewicht Die Fettwette im Internet
Online-Communitys und smarte Handyprogramme sollen beim Abnehmen helfen.
Der neueste Schrei unter den ebenso erfolgreichen wie üppigen Männern in New York sind die Fettwetten. Dabei wetten Kollegen und Freunde gemeinsam darauf, wer innerhalb eines bestimmten Zeitraumes am meisten abnehmen kann. Der Sieger streicht 100 Dollar ein oder gewinnt ein Abendessen, der Verlierer muss zum Beispiel nackt durch den Central Park laufen. Während des Wettkampfs wird der Konkurrent gern mal mit Schokoriegeln in Versuchung geführt oder mit Liegestützen vor der Bürotür provoziert. Die Strategie geht auf: Eine Studie der University of Pennsylvania belegt, dass diejenigen Probanden am stärksten abspeckten, die am meisten Geld für jedes verlorene Pfund bekamen. »Wetten machen Diäten akzeptabler für Männer«, schließt der Studienautor Geoffrey Greif.
Gruppendruck und Wettbewerb sind offenbar hervorragende Motive für positive Verhaltensänderungen. Es spricht einiges dafür, dass solche Strategien wirkungsvoller sind als die traditionellen Ermahnungen von Gesundheitswächtern, die stets nur das Individuum im Blick haben. Das haben mittlerweile auch die zuständigen Fachleute gemerkt und das social marketing für sich entdeckt. Die Beziehung zu anderen soll Menschen verlocken, gesundheitsschädliches Verhalten aufzugeben. Denn bekanntermaßen fällt das zusammen leichter. Jugendliche treiben eher Sport, wenn sie im Verein sind, Alkoholikern hilft eine Gruppe, trocken zu bleiben, und die goldene Regel des Abspeckens lautet: Erzähle möglichst vielen Menschen von deinem Plan, das erhöht den Druck.
Was tun, wenn soziale Kontrolle durch Freunde in der Nähe fehlt?
Auch die Identifikation mit Vorbildern hilft. »Nichts hat so viel Einfluss auf das Verhalten wie eine Show, in der jeder sich mit einer Figur identifizieren kann«, sagt Jay Winsten, Dekan der Harvard School of Public Health. Deshalb spannt der Gesundheitsexperte gern Schauspielerinnen, Sportler und Rap-Musiker für seine Zwecke ein. »Tom Cruise war hilfreich bei unserer Kampagne für vorbildliches Autofahren«, erzählt Winsten. Er hatte den Schauspieler vor ein paar Jahren auf einer Party nach der Oscar-Verleihung getroffen und ihm ins Gewissen geredet. Denn Cruise drehte gerade einen Film, in dem er einen draufgängerischen Rennfahrer spielte, der sich vor einer Spritztour gern mal einen Drink genehmigt. Nach dem Gespräch mit Winsten wurden solche Szenen gestrichen. Gleichzeitig warb der Harvard-Professor in TV-Shows wie Cheers , L.A. Law und The Cosby Show dafür, einen nüchternen Freund als Fahrer auszuwählen. Heute wird seine Kampagne für einen deutlichen Rückgang von Unfällen unter Alkoholeinfluss verantwortlich gemacht.
Natürlich versuchen die Gesundheitsexperten auch, den Erfolg von virtuellen Netzwerken wie Facebook oder MySpace zu nutzen. Soeben hat das New York City Department of Health and Mental Hygiene ein Facebook-Programm verbreitet, das zum Kondomgebrauch am Valentinstag ermuntert. Damit können Facebook-Teilnehmer an ihre Freunde sogenannte e-Kondome verschicken – ein cooler Weg für das altmodische Anliegen, mehr Sicherheit beim Geschlechtsverkehr zu fördern.
Auch kommerzielle Anbieter haben die Verbindung von Gesundheitsbewusstsein, Internet und sozialen Netzwerken entdeckt. Denn was tut man, wenn keine gesundheitsbewussten Freunde in der Nähe sind, die abnehmen wollen oder zum Sport drängen? Dafür gibt es Webseiten wie Fatbet.net oder makemoneylosingweight.com, auf denen man andere Internetnutzer zur Fettwette auffordern kann.
Das Handy wird zum Kontrollorgan für die gemeinschaftliche Diät
Auf solche » eHealth« -Anwendungen folgt inzwischen schon » mHealth« , die Mobilisierung gesunden Verhaltens via Handy. Trainingswillige mit einem iPhone können etwa mit dem Programm Health Cubby verschiedene Variablen speichern: angestrebtes Gewicht, Mahlzeiten pro Tag und Anzahl der Trainingseinheiten pro Woche. Zugleich kann man diese Daten mit bis zu sieben Freunden drahtlos abgleichen. Auf dem Display des Telefons lassen sich so sämtliche Fortschritte und Ausrutscher der anderen verfolgen; und wenn nötig kann man damit auch gleich E-Mails zur Aufmunterung verschicken.
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Ob solche virtuellen Gruppen nach der anfänglichen Begeisterung auf lange Sicht einen positiven Effekt haben, ist noch unklar. »Die Industrie verspricht natürlich viel«, sagt der Mediziner Daniel Baumgart, doch tatsächlich gebe es bislang keine wissenschaftlichen Belege. Der Arzt der Berliner Charité, der bereits vor fünf Jahren eine Studie über den Einsatz von Taschencomputern im Klinikalltag veröffentlichte, würde gern den Nutzen der neuen virtuellen Netzwerke erforschen. Aber er stößt auf Widerstände. Das Bundesforschungsministerium hat einen entsprechenden Antrag abgelehnt, und auch die Fachzeitschriften sind an seinen Arbeiten wenig interessiert. »Die denken wohl, sie machen mehr Auflage, wenn sie zum x-ten Mal etwas über Stammzellinjektionen oder neue Betablocker bringen«, bedauert Baumgart.
Trotz seiner Technikaffinität steht er den neuen Hilfsmitteln eher skeptisch gegenüber. Sie seien eine Ergänzung, jedoch kein Ersatz für echte Begegnungen mit Freunden, Sportkameraden oder anderen Menschen. »Die Emotionen, die im persönlichen Kontakt entstehen, kann eine Maschine nicht ersetzen«, glaubt Baumgart. Aric Sigman von der British Psychological Society ist noch pessimistischer. Gerade die sozialen Internetnetzwerke isolierten die Menschen körperlich voneinander, die positiven Effekte von Begegnungen nähmen ab, und das gefährde die Gesundheit.
Anders gesagt: Das feixende Gesicht eines Kollegen oder das Lob der Freundin ist noch allemal stärker als jedes Emoticon auf dem Handybildschirm.
- Datum 17.04.2009 - 08:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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