Zusammenleben Auf Achse gegen die Einsamkeit

Eine ehemalige DDR-Gemeindeschwester betreut in Ostdeutschland Patienten und wirkt nebenbei als sozialer Klebstoff

Gabriela Marx sah schon in der DDR nach dem Rechten. Die Gemeindeschwester brauste mit ihrem Dienstmoped Schwalbe über die Dörfer in der Nähe der Stadt Lübbenau in Brandenburg. Sie kontrollierte die Hygiene in Kinderhorten, versorgte alte Menschen mit Medikamenten, impfte Kinder und behielt nebenbei alle größeren und kleineren sozialen Probleme im Blick. »Auf der Schwalbe, mit dem Integralhelm auf, sah ich aus wie ein Sumoringer«, erinnert sich die stämmige 45-Jährige lachend.

Früher war Gemeindeschwester Gabi Teil der sozialistischen Rundumversorgung in der DDR. Sie sei »Krankenschwester, Sozialarbeiterin, Mutter, Anvertraute, Freundin und manchmal auch seelischer Mülleimer« in einer Person gewesen. Während im Westen Deutschlands die Ärzte den individuellen Patienten therapierten, behielt man im Osten schon aus Kostengründen das ganze Lebensumfeld der Menschen im Blick. Dann kam die Wende, und die übermächtige Westlobby machte alle Errungenschaften der Polikliniken und der Landversorgung zunichte. Inzwischen hat der Ärztemangel im Osten zu einer Rückbesinnung geführt – und Menschen wie Gabriela Marx sind wieder gefragt.

An diesem grauen Montagmorgen in Lübbenau unweit der polnischen Grenze stehen fünf Hausbesuche auf ihrer Liste. Die Schwalbe hat die Gemeindeschwester zwar gegen einen Honda Jazz eingetauscht, doch ihren Erfahrungsschatz hat sie behalten: »Wenn die Tür aufgeht, dann weiß ich schon, was los ist.«

Die erste Station ist ein altes Ehepaar, das in einem der zahlreichen proper renovierten Plattenbauten wohnt. Er ist 80 Jahre alt und hat Prostatakrebs, sie ist 90 und leidet unter Altersdemenz. Die Wohnung gleicht einem Puppenmuseum. Auf der Rückenlehne des breiten Sofas, in den Regalen, auf den Schränken, überall starren leblose Puppenaugen in die muffige Luft. Der ältere Herr macht sich Sorgen. »Die isst nicht so viel, und die trinkt auch kaum«, sagt er und zeigt auf seine Frau. Die sitzt auf dem Sofa und lächelt versonnen vor sich hin. Während Schwester Gabi aus ihrer Laptoptasche ein Blutdruck- und ein Blutzuckermessgerät holt, erzählt er vom letzten Krankenhausaufenthalt, vom Zuckerspiegel und vom Husten seiner Frau, die er nur »die« nennt. Mit jedem Wort hellt sich seine Miene ein wenig mehr auf.

Gabriela Marx lässt sich Zeit, fragt nach. Eher beiläufig misst sie Blutdruck und Blutzucker der alten Dame und fragt mit leicht tadelndem Unterton: »Haben Sie gerade etwas gegessen?« Die Frau lächelt nur. »Die Marmelade«, antwortet er für sie. Immer wieder sucht die Hand seiner Frau das Knie der Schwester oder ihre Hand. Dann sagt die Demenzkranke plötzlich völlig klar: »So einen Mann gibt es heute gar nicht mehr. Der macht alles. Hauptsache, man kann noch zappeln.«

»Letzte Woche war ich schon dreimal da«, erzählt Schwester Gabi hinterher. Mal beunruhigte den Ehemann die leicht erhöhte Temperatur seiner Frau, dann ihr Husten. Wenn sie nicht vorbeischauen würde, käme das immobile Paar wohl häufiger mit dem Krankentransport in die Praxis oder gar ins Krankenhaus. »In der DDR«, sagt die Schwester auf dem Weg zum nächsten Patienten, »waren die Menschen noch alle mehr füreinander da.« Da habe einer den anderen mehr im Blick gehabt. »Sie sind zusammen auf die Felder und in den Wald gegangen, und wenn einer krank wurde, dann wurde er versorgt.« Inzwischen habe die Solidarität nachgelassen. Bis auf Gurkenzucht, Kohlebergbau und Tourismus sei in Lübbenau nicht viel los, sagt Marx. Die Altstadt habe ihren Reiz, aber die Jungen würden alle vertrieben. »Hier gibt es keine Arbeit und nichts Kulturelles – noch nicht mal ein Kino.« Und Lübbenau, früher ein lebendiges Zentrum der Stromerzeugung, sei jetzt vor allem ein Zentrum alter Menschen. »Das Wartezimmer war früher schon voll«, erinnert sich die Schwester, aber jetzt sei es noch viel voller. »Viele, die kommen, haben gar nichts. Das ist die Psyche.«

Der Witwer ist den Tränen nah, Schwester Gabi fragt nach den Kindern

Keine zwei Minuten nachdem Gabriela Marx die nächste Wohnung betreten hat, bebt dem älteren Herrn dort schon die Unterlippe. Ihm gehe es ganz gut, sagt der alleinstehende Mann, »aber die Einsamkeit«. Der Witwer hat nach dem Tod seiner Frau körperlich stark abgebaut, sich nicht mehr aus dem Haus bewegt. »Sie hatte noch bis zur Silberhochzeit durchhalten wollen – und es doch nicht geschafft«, sagt er. Schwester Gabi führt wieder ihr unauffälliges Untersuchungsballett auf und fragt nebenbei nach Verwandten und Angehörigen. Sie kennt alle Namen. Offensichtlich ist der Witwer nicht wirklich allein. Er wird intensiv von den Kindern umsorgt, die Hausbewohner laden ihn zum Geburtstag ein. Und doch hält er die Leere in der Wohnung kaum aus.

Je länger ihn Marx aber von den vielfältigen Besuchen der Verwandtschaft erzählen lässt, desto lebhafter werden seine Züge. Beiläufig fragt die Schwester nach den geschwollenen Füßen, kommentiert den unfallträchtigen Läufer, kramt ein paar Tablettenschachteln aus dem Regal und prüft, wie viele noch übrig sind. Schwester Gabi war oft bei dem älteren Herrn. Seit Kurzem steht im Wohnzimmer ein Fahrradtrainer. »Zehn Minuten schaff ich schon«, sagt er.

In der DDR habe man sich mehr um die Gesundheit aller gesorgt, sagt die Gemeindeschwester. Es gab die regelmäßigen Schuluntersuchungen, die Betriebsuntersuchungen, und die Lehrer sahen sich in den Elternhäusern der Schüler um. »Verwahrloste Kinder gab es in der Schule nicht«, sagt Marx. Auch die arztscheuen mittelalten Männer – heute in der Gesundheitsversorgung ein großes Problem – hätten keine Chance gehabt, dem wachsamen Staatsauge zu entkommen. Die Staatsmediziner maßen in Reihenuntersuchungen den Blutdruck und inspizierten die Füße. »Weil die doch alle Gummistiefel getragen haben.« Jeder Test, jeder Röntgenbefund, jede Impfung und jeder Krankenhausaufenthalt wurden dokumentiert in einem grünen Buch mit einem geprägten Emblem wie ein Pass.

Aber Gabriela Marx erinnert sich auch daran, wie Frauen unter Druck gesetzt wurden, die nicht zur gynäkologischen Untersuchung gingen. Auch sie sah unnachgiebig nach dem Rechten. »Einmal habe ich in einer Küche ein Mädchen mit hochhackigen Schuhen gesehen. Der habe ich erst einmal erklärt, dass sie später mal orthopädische Probleme kriegen wird.« Früher hat Schwester Gabi so agiert wie ein milde diktatorischer Hausarzt, heute sind ihre Kompetenzen klar begrenzt.

Die nächste Patientin sitzt in ihrer Küche, eine Neonröhre unter der Decke verbreitet grelles Licht. Schwester Gabi möchte der alten, dünnen Frau mit den strengen Wangenknochen Blut abnehmen. »Muss ich das?«, fragt die Patientin unwillig. Ihre Tochter steht daneben, Arme verschränkt, und sagt: »Heute ist das alles freiwillig.«

Gabriela Marx ist erst seit zwei Jahren wieder unterwegs auf Patientenbesuch. »Die meisten Ärzte sind über 60«, sagt sie, »nur die jüngeren machen noch Hausbesuche.« Marx ist jetzt der sozialmedizinische Arm des Medizinischen Versorgungszentrums in Lübbenau. Sie nennt ihre Spreewälder Landsleute »knatschig, verbittert, geizig und humorlos«. Zwei Jahre sind noch nicht viel, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, tiefer in das soziale Gewebe vorzudringen und die losen Enden zu verbinden.

Zwischen den Plattenbauten geht langsam die Solidarität verloren

Unter den älteren Menschen ist noch ein Rest an Verbundenheit spürbar, sie besuchen sich gegenseitig, kümmern sich umeinander. Unter den Jüngeren sei diese Solidarität schon weitaus weniger spürbar, meint Schwester Gabi. »Sehen Sie den dort«, sagt sie und deutet auf einen Mann im blauen Trainingsanzug, der gerade Flaschen in einem Glascontainer entsorgt, »der trinkt nur noch.« Ein paar Meter weiter parkt sie den Wagen vor einem Rewe-Markt. Unter dem Plakat »Königlich reisen mit der Queen Mary 2« trinken ein paar Männer zur Mittagszeit Bier. »Das hier«, sagt Schwester Gabi, »heißt jetzt ›die Asi-Platte‹.«

Eine SED-Anhängerin war Gabriela Marx nie. »Man wollte, dass ich in die Partei eintrete – hab ich nicht gemacht.« Doch auf das Gesundheitssystem der DDR lässt sie nichts kommen. Mag sein, dass die Umweltverschmutzung höher war und die Menschen eine kürzere Lebenserwartung hatten. Doch der Zusammenhalt – der sei früher eindeutig besser gewesen. Ist sie deshalb Sozialistin? »Höchstens sozial«, sagt die Schwester. Doch das Wort »sozial« klingt im heutigen Gesundheitssystem schon fast wie eine Revolution.

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    • Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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    • Schlagworte Ostdeutschland | Sozialpolitik | DDR | Brandenburg
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