Für seine Studie musste er schon etwas tiefer in die Tasche greifen, schließlich sollten die Teilnehmer unter Strom gesetzt werden. »200 Dollar für ein halbstündiges Experiment, das ist doch eine großzügige Bezahlung«, sagt der Hirnforscher James Coan von der University of Virginia. Das Angebot war ausreichend und lockte 16 verheiratete Frauen nebst Partner in das Labor. Dort verkabelte der Hirnforscher die Damen, verabreichte ihnen leichte elektrische Schläge und beobachtete währenddessen die Hirnaktivität der Probandinnen im Kernspintomografen. Immer wenn der Strom durch die Knöchel der Versuchsperson jagte, leuchteten auf dem Kontrollmonitor jene Hirnregionen auf, die Gefahr signalisieren. Doch jedes Mal, wenn Coan den anwesenden Partner bat, seiner Frau während des Experiments die Hand zu halten, sank die Hirnaktivität deutlich. Zugleich gaben die Frauen an, weniger Schmerzen zu empfinden.

»Menschen, denen man vertraut und mit denen man sich verbunden fühlt, konnten die Hirnregionen besänftigen, die mit Gefahren und verschärfter Aufmerksamkeit zu tun haben«, sagt Coan. Die positive Wirkung des Händchenhaltens zeigte sich aber auch dann, wenn ein Fremder der jeweiligen Probandin zur Seite stand. »Der Effekt ist bei einem Fremden zwar geringer, aber durchaus nachweisbar«, sagt der Wissenschaftler. Und noch etwas fand der Forscher heraus: Am stärksten half die Berührung bei jenen Paaren, die zuvor angegeben haben, miteinander besonders »glücklich« zu sein. Coan hatte in seinem Labor die alte Volksweisheit bewiesen: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Zweisamkeit hilft: Wunden heilen schneller, Depressionen sind seltener

James Coan ist nur einer von vielen Forschern, die ein altbekanntes Phänomen neu erforschen: die heilsame Kraft der sozialen Beziehung. Mediziner, Hirnforscher und Statistiker finden immer neue Belege dafür, wie Menschen vom Zusammenleben mit anderen profitieren. Den aktuellen Kenntnisstand fasst Coan so zusammen: »Bei Menschen in einer engen Beziehung heilen Wunden schneller, sie werden seltener krank, sind weniger anfällig für Depressionen und Ängste und leben sogar länger«. Demografische Untersuchungen zeigen schon lange, dass Verheiratete im Schnitt gesünder sind und länger leben als Singles. Das Fehlen sozialer Beziehungen, stellte der Soziologe James House bereits 1988 fest, ist ein ebenso hohes Gesundheitsrisiko wie Zigarettenkonsum, hoher Blutdruck, Übergewicht und Bewegungsmangel. Der Harvard-Soziologe Robert Putnam empfahl in seinem Buch Bowling Alone, statt abzunehmen, regelmäßig zu trainieren oder das Rauchen aufzugeben, solle man lieber einem Verein beitreten.

Doch solche Botschaften der Soziologen und Epidemiologen werden von den technik- und medikamentenfixierten Ärzten gern überhört. »Unsere Forschung hat sich lange Zeit nicht um die sozialen Faktoren des Gesundheitsverhaltens gekümmert«, sagt der Psychologe Craig Lefebvre, »wir haben uns zu sehr auf das Individuum und das individuelle Verhalten konzentriert.« Der Wissenschaftler von der George Washington University, der unter anderem das amerikanische Gesundheitsministerium berät, setzt sich deshalb dafür ein, die sozialen Aspekte der Gesundheit wieder ernster zu nehmen. »Die Leute beginnen zu begreifen, dass es ein größeres soziales Umfeld gibt, das die Menschen beeinflusst«, sagt Lefebvre.

»Glück ist ansteckend« – diese Schlagzeile ging vor einiger Zeit um die Welt. Sie bringt das Ergebnis einer Studie auf den Punkt, die den Wert sozialer Netzwerke untersuchte. Der Politikwissenschaftler James Fowler und der Sozialmediziner Nicholas Christakis hatten dazu in einer Langzeitanalyse das Befinden von knapp 5000 Probanden über 20 Jahre verfolgt. Sie entdeckten, dass sich Gesundheitsverhalten und allgemeines Wohlbefinden wie ansteckende Viren in Netzwerken verbreiten und dabei manchmal überraschende Fernwirkungen entfalten . So erhöht zum Beispiel ein glücklicher Partner die Wahrscheinlichkeit, selbst glücklich zu sein, um 8 Prozent; frohgemute Geschwister in der Nähe heben die Stimmung um 14 Prozent, glückliche Nachbarn nebenan sogar um 34 Prozent. Noch dramatischer ist der Einfluss des Umfelds auf das Essverhalten: Legt der Lebenspartner Pfunde zu, steigt das eigene Risiko für Übergewicht um 37 Prozent; fettleibige Freunde beeinflussen einen sogar zu 57 Prozent. Ähnliches gilt für die Gewohnheit des Rauchens.

»Alle diese Beziehungen zeigen die Wichtigkeit physischer Nähe«, schlussfolgern Fowler und Christakis im British Medical Journal . »Freunde, die in unmittelbarer Nähe wohnen, beeinflussen uns am stärksten, und mit zunehmender Entfernung nimmt der Effekt ab.« Einflüsse auf Glück, Leibesumfang und Rauchverhalten konnten die Forscher in sozialen Netzwerken bis über drei Stationen nachweisen: Demnach hängt unser eigenes Glück selbst vom Glück der Freunde einer Freundin unseres Freundes ab. »Es könnte sein, dass diese ›Drei-Stufen-Regel‹ auch für Depression, Angst, Einsamkeit, Alkoholkonsum, Essverhalten, Sport und viele andere gesundheitsrelevante Aktivitäten gilt«, schreiben Fowler und Christakis.

Aber warum ist der Einfluss von engen Freunden größer als derjenige des Ehepartners? Und warum hat die Stimmungslage und Leibesfülle der Arbeitskollegen kaum einen Einfluss auf das eigene Befinden? Christakis und Fowler geben offen zu, dass ihre Daten nicht ausreichten, solche Fragen definitiv zu klären. Immerhin bieten sie ein paar Deutungsmöglichkeiten an. So zeigt sich zum Beispiel, dass gleichgeschlechtliche Bekanntschaften einen größeren Einfluss auf das Wohlbefinden haben als die Beziehung zwischen Frauen und Männern. »Menschen scheinen sich jeweils emotional stärker an Vertretern ihres eigenen Geschlechts zu orientieren«, schreiben Fowler und Christakis, »das könnte erklären, warum Freunde und enge Nachbarn stärkere Effekte hervorrufen als Ehepartner« (wobei man hinzufügen muss, dass sie nur heterosexuelle Paare untersuchten). Den geringen Einfluss von Arbeitskollegen deuten sie vorsichtig als Hinweis darauf, »dass der soziale Kontext den Austausch von Glück stark beeinflusst«.