Es ist kaum Platz für die Stadt, eingeklemmt liegt sie zwischen dem ruhigen Wasser der Bucht und der schroffen Wand des heiligen Iwan. So heißt der Berg über dem Ort Kotor in Montenegro. Die Mauerwehr der Stadt zeigt keinen Respekt vor ihm. In verrückten Sprüngen geht sie viereinhalb Kilometer lang an ihm hoch, bis auf 260 Meter, vereinnahmt ihn, sodass drei Viertel des Altstadtgebiets nichts sind als steiler, nahezu unwegsamer Fels.

In wenigen Minuten ist man vom Stadttor am Wasser bis zum bergwärtigen Ortssaum gelaufen, wo die letzten Häuser sich ineinanderstapeln und mit dem Gebirge verwachsen. Das von den Jahrhunderten glatt geschliffene Marmorpflaster der Gassen geht auf einmal in den steilen Aufgang zum Fort über, der aus rumpelig in den Boden geklopften Brocken gefügt ist. Zweitausend Stufen führen nach oben, bei ausreichender Trittsicherheit ist der Gipfel des heiligen Iwan in einer knappen Stunde erreicht.

Ein großartiger Blick bietet sich von hier in die Boka Kotorska hinein, die Bucht von Kotor. Bucht ist ein zu bescheidener Name für das Stück See dort in der Tiefe. Eher ist es ein Fjord, ein Verbund von vier Meeresbecken, die durch Engen abgesetzt sind. Kotor liegt ganz am Ende, in der letzten dieser Buchten, gibt aber dem ganzen Ensemble seinen Namen. In Windungen zieht sich die smaragdgrüne Wasserfläche 30 Kilometer weit bis zur Adriaküste zwischen Felskegeln dahin. Die Bergwände fallen so schroff in die See, dass zu ihren Füßen wenig Raum bleibt für schmale Strände und die unter dem Gesteinsmassiv kauernden Seefahrersiedlungen. Deren leuchtendes Muster aus weißen Wänden und roten Dächern kontrastiert mit dem matten Grün geduldiger Olivenbäume, die sich an die Felsen klammern. Der Kalkstein gleißt unter der Sonne, die schon im April oft genug den um die Höhen wabernden Dunst vertreibt. Die scharfen Winde des Winters haben sich gelegt, der in den Bergen geborgene Meeresarm liegt glatt wie ein Spiegel da, in dem sich einladende Inseln doppeln.

Der englische Dichter Lord Byron hat die Szenerie Anfang des 19. Jahrhunderts gesehen und befunden: »Als unser Planet entstand, muss sich die schönste Begegnung zwischen Meer und Land an der montenegrinischen Küste zugetragen haben.« Heutzutage ist statt des Dichters die Unesco zuständig: Sie hat Teile der Bucht von Kotor zum Weltkultur- und Weltnaturerbe erklärt. Grund genug, diese halb vergessene Landschaft besser zu erschließen.

Montenegro blieb von den Balkankriegen der neunziger Jahre verschont, seine Soldaten haben höchstens anderswo mitgeschossen. Seit das kleine, mausarme Land sich vor drei Jahren per Volksabstimmung aus dem Staatenbund mit Serbien verabschiedet hat, ist es politisch stabil. Der Fremdenverkehr soll Montenegro nun ökonomisch voranbringen und möglichst rasch ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. Weil so wenig Platz an den Küsten ist, nicht nur in der Bucht von Kotor, sondern am gesamten 300 Kilometer langen Ufer der Adria, ist kein Massentourismus vorgesehen. Man setzt auf eine reiche Klientel.

In einem schmucken Ort wie Kotor wären Urlaubermassen schlecht vorstellbar. Die Häuser der Altstadt stehen eng beieinander. Die namenlosen Gassen sind zwei Meter breit und öffnen sich zu etlichen unregelmäßigen Plätzen, die nach den Geschäften heißen, die in alten Zeiten dort betrieben wurden: Salzplatz, Holzplatz, Mehlplatz, Waffenplatz. Vier Stockwerke reichen die aus Kalksteinquadern gefügten Fassaden von Bürgerhäusern und kleinen Stadtpalästen hoch. Die Venezianer haben das alles gebaut. Sie haben Kotor im 15. Jahrhundert als Salzhandelsstützpunkt erschlossen.

Nur wenig Licht fällt in die Gassen, im Sommer muss das ein Segen sein. Die glattwandigen Gänge wirken wie Flüstertüten, die jedes Geräusch weit tragen. So ist das Geratsche beieinanderstehender Matronen noch um drei Ecken zu vernehmen, und es mischt sich das Klopfen aus der offenen Werkstatt des Schusters dazwischen. Lachen, Absatzklacken, Kinderschreien, ein übender Sopran aus dem Fenster der Musikschule, das sind hier die Gassenhauer.