Artenschutz Die Leiden der Seeadler
Bleihaltige Jagdmunition vergiftet die seltenen Vögel. Tierschützer fordern ein Verbot
Der einzige frei lebende Berliner Seeadler wurde Ende Februar zum Witwer. Seine Partnerin starb in der Tierklinik Düppel an der häufigsten Todesursache für die seltenen Greifvögel: Bleivergiftung. Jeder vierte der in Deutschland gestorbenen Seeadler verendete durch eine Überdosis Blei im Blut, allein im vergangenen Winter waren es zehn.
Seit Längerem ist bekannt, dass diese Fälle vermeidbar wären. Die Adler nehmen das Blei auf, wenn sie Innereien von erjagtem Wild fressen oder angeschossene Tiere erbeuten. Oliver Krone vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, der ein Verbundprojekt zur Bleivergiftung bei Seeadlern leitet, ist überzeugt, dass sich die Vergiftungen mit bleifreier Munition leicht aus der Welt schaffen ließen. »Die Forschungsergebnisse sind eindeutig«, sagt er. Am 16. April unternimmt das IZW gemeinsam mit der Forschungsstelle für Umweltpolitik der FU Berlin auf einer Tagung in Berlin einen neuen Anlauf.
Heute brüten fast 600 Seeadlerpaare in Deutschland, die meisten davon in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch – die Art, die in den siebziger Jahren kurz vor dem Aussterben stand, ist weiter schutzbedürftig. Darum setzen sich Artenschützer, allen voran der Naturschutzbund (Nabu), dafür ein, bei der Jagd nur noch bleifreie Munition aus Kupfer oder Wismut zu verwenden. »In der Tierklinik Düppel hatten wir fünf Seeadler mit Bleivergiftung gleichzeitig«, sagt Dirk Stoewe vom Greifvogelschutz des Nabu, »und nur einer hat überlebt.«
Die Jäger und die Munitionsindustrie von der Dringlichkeit des Problems zu überzeugen ist jedoch ein langwieriges Unterfangen. »Mantelgeschosse mit Bleikern erfüllen die Bedingungen der Jagd derzeit einfach am besten«, sagt Matthias Vogel vom Munitionshersteller Ruag. Gerade aus Tierschutzgründen sei es wichtig, Projektile zu verwenden, die eine hohe Dichte und starke Verformbarkeit aufweisen. Das garantiere einen stabilen Flug, und die Energie werde im Körper des Wildes schnell abgegeben, sodass das Tier sofort sterbe. Außerdem werde das Abprallrisiko des Geschosses vermindert – kein anderes Material erfülle diese Anforderungen so wie das hochgiftige Blei.
Allerdings gibt es seit Jahren bleifreie Alternativmunition für alle gängigen Kaliber. In weiten Teilen Kaliforniens darf man seit Juli 2008 nur noch bleifrei schießen, um den kalifornischen Kondor zu schützen. Ähnliches gilt auf der japanischen Insel Hokkaido, dort lebt der Riesenseeadler.
Im Mai 2008 schien es auch in Brandenburg so weit zu sein: Die Berichte des seit 2006 laufenden »Bleifrei-Monitorings« überzeugten die Landesforstverwaltung; beim zweiten Fachgespräch der verschiedenen Interessengruppen schien der Kampf gegen das Blei so gut wie gewonnen.
Aber dann bekamen Krone und die Steuergruppe des Bleifrei-Monitorings einen Brief von der Deutschen Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen (Deva), finanziert von Munitionsherstellern und Jägerschaft. Bei einem Unfall im Fränkischen, heißt es darin, sei ein Jäger durch ein mehrfach an Bäumen abgepralltes Geschoss getötet worden; daher bestehe bei bleifreier Munition noch Gesprächsbedarf mit der Industrie. Was nicht in dem Brief stand: Der Unfall passierte schon Mitte der neunziger Jahre, die Munition war auch nicht bleifrei, sie wurde umgehend vom Markt genommen.
Dennoch bekam die Verwaltung kalte Füße und stoppte das Monitoring-Projekt – seither ist in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern paradoxerweise bleifreie Munition verboten. Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium kann sich nicht zu einer Entscheidung durchringen. »Wir werden eine Untersuchung zum Abprallverhalten der bleifreien Munition ausschreiben«, sagt dessen Sprecher, Peter Lohner.
Um diesen Auftrag wird sich auch die Deva selbst bewerben, deren Brief die Verunsicherung ausgelöst hat. »Wir werden demnächst mal wieder eine Sitzung machen«, sagt Helmut Kinsky von der Deva. Sehr eilig scheint es ihm damit nicht zu sein.
Oliver Krone wird also wohl vorerst weiter Seeadler obduzieren, Bleivergiftungen feststellen und Überzeugungsarbeit leisten. Der trauernde Berliner Seeadler indes hat inzwischen eine neue Partnerin gefunden. Vielleicht gibt es dieses Jahr doch noch Seeadlernachwuchs in der Hauptstadt.
- Datum 16.04.2009 - 09:30 Uhr
- Serie Umwelt
- Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
- Kommentare 4
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so eine Diskussion schon ziemlich entnervend. Benutze auch lieber bleifreie Munition, aber wenn einem dann sozusagen unterstellt wird, seine Mitmenschen zu gefährden, ist das auch keine Lösung. Hier ist nun mal die Industrie und der Gesetzgeber gefordert.
Außerdem trägt Fallwild und Wildaufbruch an sich auch eine wichtige Futterquelle für große Raubvögel bei, aber da müsste man evtl. die EU-Hygienefanatiker bremsen, die am liebsten jede tote Maus in die Tierkörperverwertung schaffen lassen würden.
Auf der iberischen Halbinsel rotten die so gerade die Geier aus und kein Mensch sagt was dagegen.
Daß Bleigeschosse gut fliegen, ist dem in der Zivilisation lebenden Menschen seit Jahrhunderten ebenso bekannt wie die Tatsache, daß Blei giftig ist. Ich würd mal unterstellen, daß die meisten Praktiken in der menschlichen Gesellschaft auf Erfahrungswissen beruhen. Irgendwie hat man den Kompromiß zwischen Ballistik und Giftigkeit für verantwortbar gehalten. Auch der Seeadler hat das irgendwie ausgehalten.
Haben sich seine Existenzbedingungen gegenüber vergangenen Jahrhunderten so deutlich geändert? (Ja natürlich......) Ist es wasserdicht belegt, daß Bleigeschoß-Splitter in seiner Beute die ganze Population gefährden? Die Seeadler fressen heute mehr Blei(geschosse) als früher...(?)...... Wenn das alles belegt ist, wir man sich irgendwie damit auseinandersetzen müssen. Ansonten bitte kein Schnellschuß. Andere Blei-Quellen in der Argumentation ausgeschlossen? Der Adler ist ja immerhin ein Gipfeltier in der Nahrungskette...... also ein "Akkumulator"....... und, zumindest historisch gesehen, hat es ja immerhin noch andere Blei-Quellen in der Umwelt gegeben........
Mit den Ersatzstoffen, das ist eine wohlfeile Sache. Ein Verbot der Jagd mit Schußwaffen, das ist ja offensichtlich nicht das Ziel der Debatte. Was ballistisch geht, da braucht man ja blos mal in die Tabellen von Dichte und Härte der Metalle zu gucken. Mit Preis nach oben offen, da hätt ich außer Wismut auch noch ein paar weitere Ideen. Wenn die Debatte jetzt auf den angeblichen "Geiz" der Munitionshersteller und Jäger fokussiert würde, das wäre wieder typisch. Im Westen ist alles käuflich, auch seltene Metalle. "Sparsamer Umgang" mit der Ressource, das ist hier offensichtlich kein Thema.
Eins noch abschließend, zum journalistischen Vokabular im Artikel: Blei würde ich als "giftig" bezeichnen, und nicht als "hochgiftig".
Warum nicht gleich Gold für als Ersatzstoff.
Daß Bleigeschosse gut fliegen, ist dem in der Zivilisation lebenden Menschen seit Jahrhunderten ebenso bekannt wie die Tatsache, daß Blei giftig ist. Ich würd mal unterstellen, daß die meisten Praktiken in der menschlichen Gesellschaft auf Erfahrungswissen beruhen. Irgendwie hat man den Kompromiß zwischen Ballistik und Giftigkeit für verantwortbar gehalten. Auch der Seeadler hat das irgendwie ausgehalten.
Haben sich seine Existenzbedingungen gegenüber vergangenen Jahrhunderten so deutlich geändert? (Ja natürlich......) Ist es wasserdicht belegt, daß Bleigeschoß-Splitter in seiner Beute die ganze Population gefährden? Die Seeadler fressen heute mehr Blei(geschosse) als früher...(?)...... Wenn das alles belegt ist, wir man sich irgendwie damit auseinandersetzen müssen. Ansonten bitte kein Schnellschuß. Andere Blei-Quellen in der Argumentation ausgeschlossen? Der Adler ist ja immerhin ein Gipfeltier in der Nahrungskette...... also ein "Akkumulator"....... und, zumindest historisch gesehen, hat es ja immerhin noch andere Blei-Quellen in der Umwelt gegeben........
Mit den Ersatzstoffen, das ist eine wohlfeile Sache. Ein Verbot der Jagd mit Schußwaffen, das ist ja offensichtlich nicht das Ziel der Debatte. Was ballistisch geht, da braucht man ja blos mal in die Tabellen von Dichte und Härte der Metalle zu gucken. Mit Preis nach oben offen, da hätt ich außer Wismut auch noch ein paar weitere Ideen. Wenn die Debatte jetzt auf den angeblichen "Geiz" der Munitionshersteller und Jäger fokussiert würde, das wäre wieder typisch. Im Westen ist alles käuflich, auch seltene Metalle. "Sparsamer Umgang" mit der Ressource, das ist hier offensichtlich kein Thema.
Eins noch abschließend, zum journalistischen Vokabular im Artikel: Blei würde ich als "giftig" bezeichnen, und nicht als "hochgiftig".
Warum nicht gleich Gold für als Ersatzstoff.
Daß Bleigeschosse gut fliegen, ist dem in der Zivilisation lebenden Menschen seit Jahrhunderten ebenso bekannt wie die Tatsache, daß Blei giftig ist. Ich würd mal unterstellen, daß die meisten Praktiken in der menschlichen Gesellschaft auf Erfahrungswissen beruhen. Irgendwie hat man den Kompromiß zwischen Ballistik und Giftigkeit für verantwortbar gehalten. Auch der Seeadler hat das irgendwie ausgehalten.
Haben sich seine Existenzbedingungen gegenüber vergangenen Jahrhunderten so deutlich geändert? (Ja natürlich......) Ist es wasserdicht belegt, daß Bleigeschoß-Splitter in seiner Beute die ganze Population gefährden? Die Seeadler fressen heute mehr Blei(geschosse) als früher...(?)...... Wenn das alles belegt ist, wir man sich irgendwie damit auseinandersetzen müssen. Ansonten bitte kein Schnellschuß. Andere Blei-Quellen in der Argumentation ausgeschlossen? Der Adler ist ja immerhin ein Gipfeltier in der Nahrungskette...... also ein "Akkumulator"....... und, zumindest historisch gesehen, hat es ja immerhin noch andere Blei-Quellen in der Umwelt gegeben........
Mit den Ersatzstoffen, das ist eine wohlfeile Sache. Ein Verbot der Jagd mit Schußwaffen, das ist ja offensichtlich nicht das Ziel der Debatte. Was ballistisch geht, da braucht man ja blos mal in die Tabellen von Dichte und Härte der Metalle zu gucken. Mit Preis nach oben offen, da hätt ich außer Wismut auch noch ein paar weitere Ideen. Wenn die Debatte jetzt auf den angeblichen "Geiz" der Munitionshersteller und Jäger fokussiert würde, das wäre wieder typisch. Im Westen ist alles käuflich, auch seltene Metalle. "Sparsamer Umgang" mit der Ressource, das ist hier offensichtlich kein Thema.
Eins noch abschließend, zum journalistischen Vokabular im Artikel: Blei würde ich als "giftig" bezeichnen, und nicht als "hochgiftig".
Warum nicht gleich Gold für als Ersatzstoff.
klingt äusserst schlüssig. Die aggressiven Verdauungssäfte der Greife lösen Blei eben sehr wirksam aus Munitionsresten, ihr Organismus ist empfindlicher.
Die weiträumige Verteilung von feinsten Bleisplittern gerade bei Zerlegungsgeschossen um die Einschußstelle herum ist ebenfalls gut dokumentiert, ich muss das nicht im Essen haben, selbst wenn für Menschen daraus keinerlei Gesundheitsbelastungen resultieren. Ein Geschoss, dass unnötig viel des wertvollen Lebensmittels Wild zerstört, würde ich ja auch nicht wieder kaufen.
Ich persönlich habe schon verschiedene bleifreie Geschosse mit gutem Erfolg ausprobiert, die würde ich auch ohne Seeadler-Diskussion gerne weiter benutzen. Nur ist die Auswahl bisher noch sehr klein, das Sicherheitsproblem muss vorrangig geklärt werden.
Jagd ist ja nun nicht gerade eine Nischenanwendung und unverzichtbar, warum investieren die Ministerien für Landwirtschaft und Umweltschutz hier nicht mal ein bisschen Geld in die Erforschung besserer und sicherer Munition?
Wieder einmal sieht sich der Autor nicht gewillt inhaltlich notwendige Trennung der Einzelsachverhalte sorgfältig vorzunehmen.
Dazu ist zu bemerken:
1. Thema Terminalballistik:
Es gibt zwei unterschiedliche Problemfelder
a) Schrotmunition (Nieder- und Federwild)
b) Voll- und TM-Munition für andere Wildarten
Bemerkung:
Schrot besteht ursprünglich aus Pb/Sb Legierungen unter Zusatz von Cu und Zn Spuren. Diese Legierungskomponenten sind sauer oder reduktiv leicht lösbar und können bioverfügbar sein. Schrote sind vom ballistischen Konzept her, pro Schuss, eine vielzahl kleiner Einzelkugeln die leicht aufgenommen werden können.
Bei Mantelgeschossen handelt es sich meist um einen ungleich schwereren Kern.
2. Thema Toxizität und Bioverfügbarkeit von Munitionskomponenten
a) allgemeine Toxizität
b) Bioverfügbarkeit im Organismus mit synergistischen Effekten (Hormone/Weichmacher)
Bemerkung:
Die Bewertung der akuten Toxizität setzt genaue Kenntnis über die vorliegende Form der Metallkontamination voraus. Allgemeine Betrachtungen zum Blei an sich sind nicht zielführend.
Ggf. sind synergistische Effekte durch Prüfung auszuschließen.
3. Thema Schwermetallmonitoring
Bemerkung:
Wird so gut wie immer falsch durchgeführt, da praktisch nie Frachten ermittelt und das reale chemische Gleichgewicht in-situ ignoriert wird.
Daher ist die Aussagekraft solcher "Untersuchungen" mehr als bescheiden. Zumal eine solides Monitoring nicht ohne messtechnische Dokumentation der Ausbreitungspfade und gründliche Kausalitätsprüfung auskommt und damit als zu teuer gerne verworfen wird.
Ein komplexes Problemfeld das so sicher keine belastbaren antworten liefern wird.
Karl Müller
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