Demokratie Wahl ohne Helden

15 Jahre nach dem Ende der Apartheid entscheidet sich, ob Südafrika demokratisch bleibt

Am Mittwoch wählt Südafrika ein neues Parlament.  Anhänger des ANC-Präsidenten Jacob Zuma feiern schon jetzt den Sieg

Am Mittwoch wählt Südafrika ein neues Parlament. Anhänger des ANC-Präsidenten Jacob Zuma feiern schon jetzt den Sieg

Pilane kommt gerade von der Morgenwäsche am Strand und lässt sich neben den schattigen Eingang eines Supermarktes nieder. Jeden Tag hängt er hier herum und bettelt. Außer ein paar Fetzen am Leib hat er nichts, kein Geld, keinen Job, keine Hoffnung. »Schau mich an: Ich stinke und hungere!« Pilane Masa, 34 Jahre alt, redet, als sei sein Leben schon gelaufen. »Unsere politischen Führer haben Leute wie mich vergessen. Sie haben alles versprochen, Bildung, Arbeit, eine bessere Zukunft. Aber gehalten haben sie nichts. Ich werde nicht mehr wählen.« Pilane könnte auch gar nicht wählen, denn vorgestern ist sein Ausweis verbrannt – ein Buschfeuer hat sein Notlager im Freien zerstört. Man braucht das Dokument, um sich als Wähler registrieren zu lassen.

Ein schwarzer Südafrikaner in der Lebensmitte, völlig desillusioniert, chancenlos wie eh und je. Und an den Beinen schwärende Brandwunden. Die Euphorie vor 15 Jahren ist nur noch matte Erinnerung, damals, als die Apartheid abgeschafft wurde und der 19-jährige Pilane zum ersten Mal wählen durfte. Natürlich stimmte er für seinen Helden Nelson Mandela und dessen Befreiungsbewegung African National Congress (ANC). Bei den Wahlen am 22. April treten keine Helden mehr an, und Lucky Masa ist der ganze Zirkus ohnehin egal, weil aufgrund der Mehrheitsverhältnisse längst entschieden ist, wer der nächste Präsident wird: Jacob Zuma wird es sein, der umstrittene Spitzenkandidat des ANC, der wegen Vergewaltigung angeklagt war und unter massivem Korruptionsverdacht steht.

Wer Präsident wird, steht fest. Die Frage ist nur, wie hoch er gewinnen wird

Dennoch ist dieser Urnengang der wichtigste seit der Wende anno 1994. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass der ANC wieder eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erringt. Dann könnte der Volkstribun Zuma schalten und walten, wie es ihm beliebt, und bei Bedarf sogar die Verfassung verbiegen. Es geht also um die Frage, ob Südafrika eine funktionstüchtige Mehrparteiendemokratie bleibt, ein Vorbild für Afrika, oder ob es zu einem jener korrupten Ein-Parteien-Regime degeneriert, an denen auf dem Kontinent kein Mangel herrscht.

In Port Elizabeth, der Heimatstadt von Pilane Masa, lässt sich der historische Stellenwert dieser Wahlen gut einschätzen, denn hier sieht man die Probleme des neuen Südafrika wie unter einem Brennglas. Die Küstenstadt am Indischen Ozean war vor zweihundert Jahren ein Brückenkopf der britischen Kolonialherren, auf dem Rathausplatz thront bis heute Queen Victoria in all ihrer Pracht und Hässlichkeit. PE, wie es der Volksmund abkürzt, stieg auf zu einer Wirtschafts- und Handelsmetropole: fünftgrößte Stadt der Kaprepublik, drittgrößter Seehafen, Zentrum der südafrikanischen Automobilindustrie mit Werken von VW, General Motors und Ford. Im Großraum von PE leben 1,3 Millionen Menschen, und man könnte hier eine abgewandelte Version von Charles Dickens’ Tale of two Cities erzählen, eine Geschichte, die von einer reichen weißen und einer armen schwarzen Stadt handelt.

Die arme Stadt liegt in Motherwell, KwaZekhele oder Walmer, in den schier endlosen Townships von PE. Hier draußen wirkt alles riesig, das Meer der winzigen Häuschen, die Müllhalden, die Friedhöfe mit den frischen Gräbern von Aids-Toten. Es hat sich zwar einiges getan seit dem Ende der Apartheid, Schnellstraßen wurden geteert, Stromleitungen verlegt, Trabantensiedlungen gebaut. Aber die neuen Billighäuser sind genauso eng und schäbig wie die alten. Und die Trostlosigkeit ist geblieben.

Die andere Stadt liegt im Westen des Zentrums, in Vierteln wie Summerstrand oder Humewood: weiße Sandstrände, hübsche Häuser und Villen, sattgrüne Kricketplätze, glitzernde Shopping-Malls. Abends, wenn der Mond sein silbernes Licht über den Ozean gießt, trinkt man Sauvignon Blanc und genießt das schöne Leben. Die Gäste in den Strandbars sind fast ausnahmslos weiß. Schwarze, die sich hierher verirren, werden abschätzig beäugt. PE hat die Rassentrennung konserviert, die sozialen Gegensätze sind nach wie vor extrem.

Warum ist die Kluft in dieser Stadt anderthalb Jahrzehnte nach der Wende immer noch so groß? Khusta Jack hat eine simple Antwort: »Weil sie im rückständigen Eastern Cape liegt. Diese Provinz wird vom ANC am schlechtesten regiert.« Jack ist Unternehmer, ein schwarzer Millionär, der die Sicherheitsfirma Omega aufgebaut hat. Er spielt fürs Leben gerne Golf, den Sport der weißen Elite. An der Wand hängt ein Bild, das ihn mit der Golflegende Gary Player zeigt. »Der ANC ist ein korrupter, unfähiger Haufen.« Jack holt ein Buch aus dem Büroregal, Schwarze Haut, weiße Masken – der Klassiker von Frantz Fanon. »Da steht drin, wie die Ausgebeuteten nach dem Befreiungskampf selber zu Ausbeutern mutieren.« Der 52-Jährige weiß, wovon er spricht – er war viele Jahre ein loyales Mitglied des ANC. Jetzt kämpft er leidenschaftlich gegen die comrades. Jack war dabei, als im vorigen Jahr der Congress of People (Cope) gegründet wurde, die neue Partei, die den ANC herausfordern will. Die meisten Mitglieder sind frustrierte Exgenossen wie Khosta Jack. »Wir müssen die Zweidrittelmehrheit verhindern. Sonst verwandelt sich Südafrika irgendwann in ein weiteres Simbabwe.«

Der Bonus der Befreiungsbewegung hilft dem ANC noch immer

Das Ostkap, eine traditionelle Hochburg des ANC, gehört zu den wichtigen Schlachtfeldern. Die berühmten Freiheitskämpfer Nelson Mandela, Walter Sisulu oder Steve Biko stammen aus der Region, auch Thabo Mbeki, der Expräsident. All diese Männer sind Xhosa, sie haben den ANC über viele Jahre dominiert, »Xhosa Nostra« nannte man ihr Netzwerk. Dann aber, im Dezember 2007, kam der denkwürdige Parteitag in Polokwane, als der große Vorsitzende Mbeki entmachtet und sein Sturz als Staatschef eingeleitet wurde – eine Fronde des linken ANC-Flügels gegen den selbstherrlichen Präsidenten und seinen neoliberalen Wirtschaftskurs. Angeführt wurde sie von Jacob Zuma, genannt JZ, der endlich eine alte Rechnung begleichen konnte: Er war 2005, als das Korruptionsverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, in Schimpf und Schande aus dem Amt des Vizepräsidenten gejagt worden – von Thabo Mbeki. Seit Polokwane ist Zuma Parteichef, ein Zulu. Und so wurde das mehrheitlich von Xhosa bevölkerte Ostkap zur Keimzelle eines Bündnisses von erbitterten Zuma-Gegnern. Cope, das ist Fleisch vom Fleische des ANC.

Manche Auguren witterten schon eine Spaltung der ruhmreichen Partei, denn Cope wurde durch prominente ANC-Überläufer verstärkt und eroberte bei kommunalen Nachwahlen in Kapstadt etliche Gemeinden auf Anhieb. Es war ein Sturm im Wasserglas, der schon bei den nächsten Nachwahlen in Port Elizabeth verebbte: Ausgerechnet in seinem Herzland gewann Cope keinen einzigen der acht Stimmkreise, der ANC holte alle, in der Township Motherwell sogar mit 86,1 Prozent. Bei armen Schwarzen genießt die Partei nach wie vor den Bonus der Befreiungsbewegung, das hat sich auch unter Jacob Zuma nicht geändert. Der Präsidentschaftskandidat ist nämlich ein begnadeter Populist. Er wettert im Namen des unzufriedenen Volkes gegen die alte, arrogante Parteimafia und verspricht, zu den wahren Werten des ANC zurückzukehren, die Mbeki und seine Kamarilla verraten hätten. Das Volk scheint es ihm abzunehmen.

Dennoch hat die Gründung von Cope auch Zumas Gefolgsleute nervös gemacht. »Sie schimpfen uns Schlangen, Kakerlaken und Verräter«, erzählt Mosiuoa Lekota . Er war ein big shot des ANC, 31 Jahre lang Mitglied, Ex-Premier, Ex-Verteidigungsminister. Jetzt ist er der Präsident von Cope und redet gerne über die moralische Verwahrlosung der Machtelite. Warum hat er selber nicht gegengesteuert? »Ich habe immer gewarnt«, sagt er ausweichend. »Nun muss ich um mein Leben fürchten.« Man denkt an den Hassredner Julius Malema, den Anführer der radikalen ANC-Jugendliga; er fordert öffentlich dazu auf, für Jacob Zuma notfalls zu töten. »Und dieser Mann wird nun Staatschef. Ein Desaster für Südafrika! Aber wir werden ihm bei den Wahlen 20 Prozent abnehmen.«

In der Cope-Zentrale in Port Elizabeth sieht es nicht danach aus, als könnte dieses Ziel erreicht werden. Das Büro an der Russell Road 138 gleich neben einem Pornoladen wirkt unorganisiert. Niemand kann Auskunft geben. »Kommen Sie morgen wieder«, rät eine Sekretärin, »unser Manifest finden Sie im Internet.« Es liest sich wie eine Blaupause des ANC-Wahlprogramms. Motto: Lasst uns endlich den Traum von der Regenbogennation verwirklichen. Cope, das sei ANC light, spottet Helen Zille, Chefin der liberalkonservativen Democratic Alliance (DA). Die stärkste Oppositionskraft im Land wird hauptsächlich von Weißen und Besserverdienenden gewählt – nach jüngsten Umfragen liegt sie bei 16 Prozent. Zille ist die schärfste Kritikerin einer allmächtigen Regierung, die auf vielen Feldern versagt hat. Zu Recht warnt sie vor der Erosion des Rechtsstaates – dass kurz vor den Wahlen das Korruptionsverfahren gegen Zuma eingestellt wurde, ist ein gefährliches Zeichen. Dennoch verwahrt sich Zilles Partei gegen die apokalyptischen Berichte mancher Auslandskorrespondenten, die Südafrika als Land am Rande eines Bürgerkrieges beschreiben.

»So ein Unsinn! Wir sind kein gescheiterter Staat«, sagt Jethro Goko. Er ist der erste schwarze Chefredakteur des Herald, der ältesten Zeitung im Lande. »Natürlich gibt es jede Menge Probleme, Armut, Arbeitslosigkeit, Gewaltkriminalität, die Selbstbereicherung der neuen Elite, der autokratische Regierungsstil des ANC.« Aber man dürfe darüber die Errungenschaften nicht vergessen, die liberale Verfassung, die Marktwirtschaft, den Sozialstaat. »Millionen von Bedürftigen erhalten Wohlfahrtsleistungen. Eine solide Finanz- und Wirtschaftspolitik hat uns hohe Wachstumsraten beschert. Wir spüren zwar auch Folgen der globalen Krise, aber unsere Regierung musste keine einzige Bank retten.« Jeder könne im neuen Südafrika tun, was er will, und sagen, was er denkt. »Das war schon mal anders.« Goko schaut von seinem Büro hinüber auf das ehemalige Hauptquartier der Geheimpolizei, wo der Freiheitskämpfer Steve Biko 1977 zu Tode gefoltert wurde. »Und dass es eine neue Partei gibt, die das Machtmonopol des ANC angreift, kann doch einer Demokratie nur guttun.«

 
Leser-Kommentare
    • Hank83
    • 21.04.2009 um 17:24 Uhr

    Ich habe das Land vor Ostern zwei Wochen bereist und daher den Wahlkampf dort miterlebt. Es herrscht immer noch eine große Kluft zwischen Arm und Reich und das ist das Problem für alternativ Parteien zum ANC. Der Wahlkampf findet in erster Linie in den Innenstädten statt. In ländlichen Regionen und in den armen Vororten deutlich weniger. Also wählt der Großteil der Armen und Schwarzen Bevölkerung ANC. Warum? Weil der ANC durch den Freiheitskampf wahrscheinlich die einzige Partei ist, die den Armen bekannt ist. Am Rand eines Bürgerkriegs steht das Land sicher nicht aber der designierte Präsident Zuma ist sicher kritisch zu betrachten.Wenn er und der ANC die alleinige Regierungsverantwortung haben, besteht sicher die Gefahr, dass sich Südafrika nicht weiter entwickelt.Schade, denn es ist ein tolles Land mit vielen freundlichen Menschen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service