USA Mall zu Fuß gehen

Die Mall of America in Minnesota ist eines der größten Einkaufszentren der USA – und in der Frühe die perfekte Sportarena. Unterwegs mit den Mallwalkern

Mall of America

Die Mall of America in Minnesota ist sozusagen die Mutter aller amerikanischen Einkaufszentren

Um sieben Uhr morgens liegt die Mall of America noch im Dunkeln. Die Rollläden der Geschäfte sind heruntergelassen. Aus den Lautsprechern kommt kein Ton. Nur am Westeingang wuselt etwas. Schmale Personen huschen eine nach der anderen durch die einzige geöffnete Tür und hängen zielstrebig ihre Daunenparkas an eine etwas versteckte Garderobe. Putzkräfte sind es nicht, auch keine Angestellten. Sonst wären sie nicht so fröhlich. Es sind die Mallwalker. Menschen aus der Umgebung, die jeden Morgen vor Öffnung des Einkaufszentrums hierherkommen, um ungestört zu Fuß zu gehen. Warum sie das tun? Strammen Schrittes folge ich ihnen hinein in die fensterlose Kaufhöhle.

Die Mall of America in Bloomington bei Minneapolis ist mit über 500 Geschäften eines der größten Einkaufszentren der Vereinigten Staaten – und neben Disneyland das beliebteste inländische Ziel für amerikanische Touristen. Jährlich kommen 42 Millionen Besucher. Dabei sieht es hier aus wie in jeder Shoppingmall der westlichen Welt. Auf drei Etagen ziehen sich die Gänge an den Schaufensterfronten entlang. Laden reiht sich an Laden, alle paar Meter simulieren große Topfpflanzen und Bänke Gemütlichkeit. Dort, wo der Seitenflur vom Westeingang in den zentralen Innenhof mündet, Rotunda genannt, hole ich die ersten Mallwalker ein. »Hallo, ich bin Mavis«, spricht mich eine weißhaarige Frau an. »Bist du neu hier? Willkommen!« Mavis ist klein und zart. Sie trägt eine schlichte schwarze Hose und bequeme Halbschuhe. Und ist schon wieder ein paar Schritte weiter. »Zuerst walken wir immer hierher und machen dann Stretching«, erklärt sie. Energisch umfasst sie das Messinggeländer und beginnt ihre Waden zu dehnen. Ein halbes Dutzend Männer und Frauen um sie herum tun bereits dasselbe. »So, das wird wohl reichen«, sagt einer von ihnen und marschiert los in Richtung Gänge. Zwei andere folgen ihm auf dem Fuß. Die Männer fangen gleich an, übers Wetter zu sprechen, das heute besonders kühl ist.

Dass man es ungestört von der Witterung betreiben kann, ist ein Grund für den Erfolg von Mallwalking in Amerika. Gestartet wurde die Bewegung 1992 von der Gesundheitsaktivistin Sara Donovan. Ihr Ziel war es, Menschen, die keinen Sport treiben, dazu zu bringen, wenigstens ein paar Minuten am Tag vorsätzlich zu Fuß zu gehen. Um die Hemmschwelle niedrig zu halten, schlug sie vor, das doch einfach in Shoppingmalls zu tun. An dem Ort, wo durchschnittliche Amerikaner ohnehin einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen. Dabei meint »Walking« weder das in Deutschland beliebte Nordic Walking noch Joggen. Mallwalking bezeichnet strammes Spazieren im Neonlicht eines Einkaufszentrums. Donovan konnte die Leitung der Mall of America für ihre Idee gewinnen. Das Center wurde im selben Jahr eröffnet, in dem sie ihre Bewegung gründete. Inzwischen gibt es Mallwalker in den meisten größeren Shoppingmalls des Landes. Nirgendwo aber ist das Walking so beliebt wie in der Mall of America, wo alles begann.

Die Stretcher haben sich inzwischen in mehrere Grüppchen aufgeteilt. Ich schließe mich Mavis an, die sich mit zwei rüstigen Damen auf den Weg in die Gänge macht. »Fangen wir oben an«, sagt die eine, Frau Hofman, und steuert zum Fahrstuhl. Zügig spazieren wir dann an dunklen Schaufenstern und stillstehenden Rolltreppen vorbei. Meist geht es geradeaus, viermal um die Kurve, bis wir wieder am Anfang stehen. »So kann man sich nicht verlaufen«, sagt Frau Hofman. Eine Runde ist 900 Meter lang. Insgesamt drei werden wir drehen, das tägliche Pensum für die meisten hier.

Im Gegensatz zu den Männern scheint den Damen der Sinn dabei nicht nach Plauderei zu stehen. Zwar werden hin und wieder ein paar Worte gewechselt, aber die Frauen sind eindeutig zum Gehen hier. Als wir an den leeren Tischen eines noch geschlossenen Foodcourts vorbeikommen, deutet Mavis mit dem Finger darauf. »Hier war das Fest zu unserem 60. Hochzeitstag«, sagt sie im Vorübergehen. »Ich habe Kaffee und Ingwerkekse mitgebracht.« – »Oh ja«, sagt Frau Hofman. »Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich um sieben Uhr früh zu einer Party eingeladen war.« Kommen sie jeden Tag hierher? »Nicht mehr«, sagt Mavis. »Jetzt nehmen wir es etwas gemütlicher. Wir walken nur noch fünf Tage die Woche.«

Bei den Mallwalkern können alle jederzeit und ohne Anmeldung mitmachen. Wer öfter kommt, kann sich bei den Mall Stars eintragen. Das ist die Dachorganisation der Mallwalker in Amerika. Insgesamt 4000 Mitglieder hat sie allein in der Mall of America, Karteileichen mitgezählt. Man zahlt 15 Dollar im Jahr und bekommt dafür eine Chipkarte, mit der man an einer Stempeluhr am Westeingang ein- und auschecken kann. Die Daten laufen zentral auf den Rechner von Dan Everson, der die Mall Stars in der Region koordiniert. Das System ähnelt dem der Weight Watchers. »Diejenigen, die am Ende des Jahres die meisten Stunden gelaufen sind, bekommen kleine Preise«, sagt Dan Everson. Das ist wohl auch der Grund, warum einige Mitglieder sich sogar einchecken, wenn sie zu einem normalen Shoppingausflug in die Mall kommen. So kann man Punkte schinden. »Das System ist eine große Motivation. Zu Fuß gehen ist für viele Amerikaner ungewohnt«, sagt Dan Everson.

Wo sollen amerikanische Vorstadtbewohner spazieren gehen, wenn ihre Umgebung aus Gewerbezonen, bewachten Wohnstraßen oder unstrukturiertem Land ohne Menschen besteht und es kaum Innenstädte gibt? Für manche ist der Gedanke, sich ohne den Schutz des eigenen Wagens der Weite der Landschaft und den Gefahren der Umwelt auszusetzen, sogar beängstigend fremd. Für sie hat Mallwalking nur Vorteile. Die Mall of America liegt, wie die meisten Malls, in einem gesichtslosen Industriegebiet direkt an der Autobahn. Dagegen ist das Innere vergleichsweise attraktiv und sicher. Es bietet Schutz vor Regen und Handtaschenraub. Und vielleicht auch vor Langeweile.

An der Kreuzung zweier Hauptgänge in der ersten Etage treffen wir auf ein anderes Grüppchen. Drei auffallend straffe Herren halten die Hände ordentlich hinter dem Rücken verschränkt, während sie gemessen voranschreiten. Ich wechsle zu ihnen. »Wir haben uns erst hier kennengelernt«, sagt Paul, der kleinste der Männer. »Jetzt waren wir sogar zusammen drei Wochen in Europa, auf einer Busreise.« Wie sind sie überhaupt auf die Idee gekommen, jeden Morgen freiwillig in einem Einkaufszentrum spazieren zu gehen? »Meine Frau hat damit angefangen«, sagt Paul. »Der Arzt hat es ihr empfohlen. Seit ich pensioniert bin, habe ich Zeit, sie zu begleiten. Walken ist das Beste, was du für deine Gesundheit tun kannst.« Der stattlichste Mann der Gruppe, der weißhaarige Kirk, hat das Tempo merklich angezogen, seit ich dabei bin. »Hätten Sie gedacht, dass diese beiden Typen hier Mitte achtzig sind?«, fragt Paul nach einer Weile, allmählich etwas schwerer atmend. Auf gar keinen Fall. Kirk und Ole sehen mindestens zwanzig Jahre jünger aus, mit einem Hauch von spätem Clint Eastwood. Plötzlich geht eine leichte Bremsbewegung durch die Gruppe. »Oh, oh, hier kommt die Umarmerin«, sagt Paul.

Am Ende des Gangs taucht eine vielleicht fünfzigjährige Frau in einem geringelten Pullover auf. »Das ist Barb!«, sagt Paul. »Freut mich. Ich bin die Mall-Umarmerin«, sagt Barb. Kirk und Ole lachen, etwas betreten, wie mir scheint. Ich habe keine Ahnung, was eine Mall-Umarmerin ist. »Ich umarme die Leute am Morgen«, sagt Barb. »Wenn sie das wollen. Wollen Sie eine Umarmung?« – »Ja, umarme sie!«, sagt Paul. – »Klar!«, meint Barb erfreut. »Es macht, dass die Leute sich gut fühlen«, sagt sie, während sie kurz die Arme um mich legt und mir zweimal auf den Rücken klopft. Dann umarmt sie noch die Männer und eilt in die nächste Etage. »Der Arzt hat gesagt, wenn sie abnehmen will, muss sie anfangen, Leute zu umarmen«, murmelt Kirk, als wir weitergehen.

Das Spazieren in der Mall macht Spaß. Nach einer Weile überfällt mich eine unerwartete Heiterkeit. Mit schwingenden Armen schreite ich immer weiter in die Gänge aus. Es ist der Übermut, der einen auch in leeren Museumssälen überkommt: Man will spontan Rad schlagen oder ein paar Pirouetten drehen. Es hat keinen Sinn, Mallwalking an europäischen Maßstäben zu messen, es ist ein ganz eigenständiges Phänomen. Hervorgebracht von der gnadenlos pragmatischen amerikanischen Kultur, in der sich kindliche Unmittelbarkeit schon immer problemlos mit ernstester Absicht verbinden konnte.

Inzwischen ist es halb zehn, und in den ersten Geschäften beginnen Verkäuferinnen herumzurascheln. Mavis und Frau Hofman, Paul, Kirk und Ole sind wohl längst wieder zu Hause. Seit acht Uhr wurden sie von jüngeren Walkern abgelöst. An die hundert Menschen sind jetzt in den Gängen der Mall unterwegs. Viele von ihnen gehen allein oder zu zweit. Eine Frau joggt einem stylishen Zwillingskinderwagen hinterher, dem sie immer wieder einen energischen Schubs gibt. Im vergangenen Jahr hätten sich auffallend viele junge Mütter bei den Mall Stars eingeschrieben, hat Dan Everson gesagt. Amerikanische Ärzte empfehlen Mallwalking gerne, um nach einer Geburt etwas Gewicht zu verlieren.

Als die Mall um zehn Uhr offiziell öffnet, gibt es keine Spuren mehr von dem agilen Völkchen, das die Gänge in den letzten Stunden beherrschte. Von nun an wälzen sich die üblichen trägen Besuchermassen durch den Einkaufsmoloch, bereit, sich von den immergleichen Warenbergen, Sonderangeboten und Vanilleshakes besänftigen zu lassen. Die allerwenigsten von ihnen ahnen auch nur, dass hier jeden Tag in den frühen Morgenstunden eine Gemeinde zusammenkommt mit der auf mich nun fast subversiv wirkenden Absicht: ausgerechnet an diesem Ort das ungestörte Zufußgehen zu zelebrieren.

Die Mall of America ist von Minneapolis aus über den Highway 77 oder die Interstate 494 zu erreichen (Ausfahrt 24th Avenue). Sie ist Mo-Sa von 10 bis 21.30 Uhr geöffnet, So von 11 bis 19 Uhr, www.mallofamerica.com

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    • Quelle DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
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    • Schlagworte USA | Minnesota | Clint Eastwood | Europa | Minneapolis
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