Es ist, als säßen wir im Bauch eines Walfisches. Mittendrin, da, wo der gewaltige Fisch selbst nicht zu sehen ist, sondern nur eine diffuse Undurchdringlichkeit. Anders lässt es sich nicht erklären, dass ein Amokläufer in einer Schule gezielt zwölf Menschen töten kann, von denen elf weiblich sind (und der zwölfte als »Frauenversteher« gilt), aber niemand es sieht. Und was das vollends Beklemmende ist: Nicht nur die Medien wollen es nicht wahrhaben – auch die Polizei und die ermittelnde Staatsanwaltschaft schließen fest die Augen.

»Das Geschlecht«, erklärt Pressesprecherin Claudia Krauth von der zuständigen Stuttgarter Staatsanwaltschaft, »hat für den Täter nach unseren bisherigen Erkenntnissen keine Rolle gespielt.« Welche bisherigen Erkenntnisse? Haben in den Klassen etwa deutlich mehr Mädchen als Jungen gesessen? Nein, sagen die entkommenen SchülerInnen – die Ermittler geben auf diese simple Frage jedoch auch einen Monat nach der Tat noch keine Antwort. Hat der versierte Schütze doch nicht in allen Fällen die SchülerInnen durch »gezielte Kopfschüsse hingerichtet«, wie ein Polizist der Mutter eines Opfers laut ZEIT gesagt haben soll? Auch darauf geben die Ermittler bis Mitte April keine Antwort.

Gibt es bei Tim K., der laut Polizei 200 »Pornobilder« (Fotos? Filme? DVDs?) auf seinem Rechner hatte, darunter 120 sogenannte Bondage-Bilder (also Fesselungen und Folterungen von Frauen), Anzeichen für ein angespanntes, ja aggressives oder gar hasserfülltes Verhältnis zum anderen Geschlecht? Auch darauf bisher keine Antwort von der Staatsanwaltschaft. »Welche Gewalt« auf den 200 Pornos zu sehen ist, sei für die Staatsanwaltschaft »kein verfahrensrelevanter Gesichtspunkt«, antwortete die Pressesprecherin auf Nachfrage.

Das muss man sich mal vorstellen! Wenn von zwölf Ermordeten elf weiblich sind, dann ist die Frage nach dem Geschlecht der Opfer für die Ermittler »kein verfahrensrelevanter Gesichtspunkt«. Das heißt, sie stellen sich gar nicht erst die Frage, warum das so ist! Wie aber kann es überhaupt sein, dass Ermittler ein so zentrales Indiz einfach ignorieren?

Was wohl wäre, wenn Tim K. in einer gemischt deutsch-türkischen Klasse elf Türken und einen Türkenfreund getötet hätte, das habe ich bereits zwei Tage nach der Tat gefragt. Die Antwort ist einfach: Die Hölle wäre los! Jeder halbwegs kritische Ermittler und Journalist würde nicht nur auf diesen Umstand hinweisen, sondern dem auch nachgehen. Und Schlüsse daraus ziehen, zum Beispiel eine Verbindung herstellen zwischen dem Einzeltäter und einem gesellschaftlichen Klima, in dem Fremdenhass existiert – der vielleicht nicht zufällig in seiner extremsten Zuspitzung solche Formen annimmt.

Leider sind solch simple Parallelen noch immer nötig, um die Ungeheuerlichkeit der Normalität klarzumachen: Die Norm ist, dass Männer Frauen ermorden (in 90 Prozent aller Mordfälle zwischen den Geschlechtern). Weibliche Amokläufer sind (bisher) quasi inexistent. Nicht etwa, weil Frauen die besseren Menschen wären. Nein, weil Frustration und Aggression sich bei Frauen traditionell anders Bahn brechen als bei Männern, nämlich weniger nach außen und mehr nach innen, weniger physisch und eher psychisch.

Reden wir also nicht länger drum herum, und warten wir nicht auf die Erkenntnisse von Ermittlern, die sich die zentralen Fragen noch nicht einmal stellen. Selbstverständlich hat die Tat von Tim K., dem Mädchenmörder, etwas mit seinem Verhältnis zu Frauen zu tun! Genauer: etwas mit seiner Art, ein Mann werden zu wollen, woran er gescheitert ist.

In der Genderforschung spricht man bei diesen gewalttätigen pubertierenden Jungen von einer »Konstruktion« der Männlichkeit. Denn die Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt hat eine jahrhunderte-, ja jahrtausendealte Tradition. Und schon lange warnen Studien, vor allem aus den USA: Die Männergewalt eskaliert bei sich verändernden Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Ein Vater, der 15 Waffen im Haus hat – davon eine im Schlafzimmer! – und über 4000 Schuss Munition, scheint entschlossen, im Konfliktfall Herr über Leben und Tod zu sein. Sein Sohn hat das nun bei seinem eigenen Konflikt in die Tat umgesetzt.

Normal ist es wohl auch, dass ein 18-Jähriger 120 harte Pornos, also Darstellungen sexualisierter Gewalt, auf seinem Rechner hat. So zumindest sieht es der Staatsanwalt. Normal sind auch die Gewaltspiele, die aus Jungs, die in der realen Welt kleine Milchgesichter sind, in der virtuellen Welt große Helden machen – auch das ist in der Tat die Norm, wie eine aktuelle Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer belegt.

Sicher, nicht alle Jungen, die aus normalen Familien kommen und keinen Stich bei Mädchen haben, die Pornos konsumieren und Gewaltspiele, werden Amokläufer. Zum Glück. Welcher Auslöser bei Tim K. noch dazugekommen ist, darauf kann vermutlich nur die Familie ganz genaue Antworten geben – und diese Antworten ist sie den Opfern schuldig.

Doch all diese Jungen sind gefährdet. Und sie sind unglücklich. Wir schulden darum nicht nur ihren (potenziellen) Opfern – die selten in der Leichenhalle, aber oft genug in Frauenhäusern landen – die Wahrheit, sondern auch diesen verirrten Jungen. Die Wahrheit über diese Tat und diese Familie und eine Gesellschaft, in der eine solche Untat wachsen kann.

Denn es ist das Wegsehen, das die Tims dieser Welt zur Raserei bringt. Das Gespräch, das ich vor wenigen Tagen mit Sven – einem Mann, der im Alter von Tim beinahe zum Amokläufer geworden wäre – für Emma geführt habe, hat auch mir noch mal einiges klarer gemacht. Der heute 28-Jährige spricht zum ersten Mal über seine eigenen Amokfantasien und die seiner Kumpel. Damit wir besser verstehen: Sie wollen endlich als Männer wahrgenommen werden, als echte Männer, diese pubertierenden Jungen. Und sei es mit Gewalt.

Denn die Zeiten, in denen nur Männer den exklusiven Zugang zum Wissen und zur Welt hatten, sind vorbei. Heutzutage überholen die Mädchen die Jungen in der Schule, und auch Frauen fahren Auto und umsegeln die Weltmeere. Was also macht den Mann noch zum Mann? Die Gewalt.

Die Männer von heute stehen an einem Scheideweg: Gehen sie auf die Frauen zu – oder schlagen sie auf die Frauen ein? Sven hat sich letztendlich für den ersten Weg entschieden. Tim hat den zweiten Weg gewählt, bis zum bitteren Ende, bitter für seine Opfer, aber auch für sich selbst. Ein stärkeres Zeichen als den Tod kann so einer nicht setzen. Wollen wir wirklich trotzdem weiterhin wegsehen?

Bleibt die Frage, warum so viele Menschen so entschlossen wegsehen, Männer wie Frauen. Das hat wohl etwas mit Erschrecken zu tun und mit Verdrängung. Männer erschrecken vor sich selbst beziehungsweise der Spezies, zu der sie gehören; Frauen erschrecken vor der (potenziellen) Gewalt von Männern. Dieser Amoklauf ist in der Tat eine Lektion für alle Männer und Frauen: als (potenzielle) Täter beziehungsweise Opfer. Denn auch alle Mädchen werden verstanden haben: Die Nichtbeachtung oder Zurückweisung eines Jungen kann heutzutage lebensgefährlich sein.

Mindestens jede dritte Frau hat Gewalterfahrungen am eigenen Leibe gemacht, meist durch den eigenen Mann, Bruder, Vater. Wie fühlen solche Männer sich, wenn sie von dem Massaker hören? Schuldbewusst? Oder ermutigt? Und wie fühlen sich die Mädchen und Frauen, die Opfer dieser Gewalt wurden? Empört? Oder eingeschüchtert?

Der Walfisch, in dem wir sitzen, heißt »Gewalt gegen Frauen«. Für uns ist das so normal, dass wir das Ungeheuerliche daran nicht mehr wahrzunehmen scheinen.