Sei’s drum! Schrumpfen wir ein bisschen! Sollen die Prognoseinstitute ruhig vorhersagen, dass das Wirtschaftswachstum 2009 um vier, fünf oder sechs Prozent ins Minus rutschen wird! Die ungefähr fünftreichste Nation der Erde kann es sicher verkraften, wenn wir wieder auf dem Stand von 2006 landen. Da ging es uns ja auch nicht schlecht. Kaufen wir einfach kleinere Autos, verzichten wir auf die Anschaffung von unnützem Kram, trinken wir wieder Wasser aus der Leitung.

Man hört das jetzt häufiger. Von Talkmastern im Fernsehen, von angesehenen Ökonomen, in feinerer Form auch vom Bundespräsidenten. "Wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachstum sei die Antwort auf alle Fragen", hat Horst Köhler kürzlich gesagt. Das klang fast schon so, als wären wir über die Niederungen des Immer-mehr längst hinweg.

Machen wir uns nichts vor: Vorstellungen von einer schmerzlosen ökonomischen Schrumpfkur sind naiv. Es ist unmöglich, Minuswachstum so zu organisieren, dass jedermann seinen fairen Anteil daran trägt. Dass jeder einfach fünf Prozent weniger bekommt. Gäbe es einen solchen Weg, wäre es mit dem Schrumpfen wirklich nicht so schlimm. In Wahrheit ist es sehr schmerzhaft.

Über die Ungerechtigkeiten wirtschaftlichen Wachstums ist viel geklagt worden, eine schrumpfende Wirtschaft aber ist noch viel ungerechter. Menschen in festen Jobs oder mit gut gesichertem Vermögen sind davon geringfügig betroffen, andere verlieren ihren Arbeitsplatz oder ihr unternehmerisches Lebenswerk. Sie stehen dann nicht vor minus 5 Prozent, sondern vor minus 100 Prozent ihres bisherigen Lebensentwurfs.

Nicht zu vergessen die bedrohlichen Kettenreaktionen, die psychologischen Effekte und die wilden Übertreibungen, die der Wirtschaft innewohnen. Ob panikartige Massenentlassungen oder Börsenzusammenbrüche, Angstsparen in den Haushalten oder Kreditknauserei bei den Banken: Furcht und Vorsicht in Krisenzeiten sind oft hemmungslos übertrieben, mehr noch als Euphorie und Gier im Boom. Menschen tun sich sehr schwer damit zurückzustecken. Sie leiden mehr unter einem verlorenen Euro, als sie sich über einen gewonnenen Euro freuen. In Zeiten der Schrumpfung, sagen manche Soziologen, sei der soziale Frieden in Gefahr.

Also brauchen wir wieder Wachstum – für den eigenen Frieden, den Frieden im Land und aus knallhart materiellen Gründen. Denn selbst wenn wir auf den nächsten Spritschlucker und den Plasmafernseher fürs Kinderzimmer verzichten wollen, müssen wir noch die steigenden Kosten unserer Gesundheitssysteme finanzieren. Wir müssen den Rentnern ihre Rente überweisen. Auf Dauer ist das nur möglich, wenn wir mit immer weniger Leuten mehr erwirtschaften.

Und dennoch sollten wir jetzt eine Wachstumsdebatte führen. Nicht über die Frage, ob wir auf Wirtschaftswachstum verzichten sollten, sondern über die Art dieses Wachstums. Denn diese Krise, die in dieser Woche zu solch verheerenden Konjunkturprognosen führt, erinnert daran, dass es gute und weniger gute Richtungen der wirtschaftlichen Entwicklung gibt. Nützliche und weniger nützliche Produkte und Dienstleistungen. Räuberische und langfristig akzeptable Ausbeutungen der Gesellschaft und der Umwelt – ein Wirtschaften ganz ohne schädliche Umweltfolgen hat noch niemand erfunden. Können Wirtschaft und Politik unter dem Eindruck der Krise einen Weg aushandeln, um dieses Wachstum in sozialere, nachhaltigere, menschenfreundlichere Wege zu lenken?