Ausstellung Der erste Bergsteiger hieß Moses
Sie schwärmten von der Schönheit der Alpen und prägten sie. Eine Ausstellung erzählt von der wechselvollen Beziehung der Juden zu dem Gebirge
In der Schweizer Armee ziert es als Rangabzeichen den Kragenspiegel der Generalität. Gebirgstruppen in Österreich und Deutschland tragen es auf ihren Kappen, der Südtiroler Volkspartei dient es als Erkennungszeichen, es ist auf Münzen, Briefmarken und Verpackungen zu sehen, es wird besungen, und angeblich bringen es verliebte Kerle noch immer ins Tal, wenn sie ein Mädchenherz erobern wollen. In der ganzen Welt repräsentiert nichts so unmissverständlich den Alpenraum wie das Edelweiß, das auf steinigen Flanken im Hochgebirge wächst. Seit je muss es dort für die Bewohner von besonderer Bedeutung gewesen sein.
War es nicht. Das Getue um das filzige Blümchen sei lediglich ein importierter Kult, klärte bereits vor über hundert Jahren die Schweizer Zeitschrift L’Écho des Alpes in einem Grundsatzartikel unter dem Titel Das Edelweiß und der Staat ihre Leser auf. Vielmehr sei der kleine Korbblütler den Menschen in den Bergen stets gleichgültig gewesen. Erst ein »jüdisch-deutscher Schriftsteller« habe diese botanische Bewunderung »in die Schweiz eingeführt«. In einer seiner Dorfgeschichten wusste damals Moses Baruch Auerbacher, der Enkel eines Rabbiners aus Horb am Neckar, ein »herbes, ja fast unbarmherziges« Alpenmelodram zu erzählen, in dem an der Gebirgsblume schaurige Erinnerungen haften. Schluchzend ruft eine Mutter ihrem Sohn nach, der in die Fremde zieht: »Und wenn du ein Pflänzchen Edelweiß auf den Schweizer Bergen findest, bring’s heim…« Das identitätsstiftende Symbol eines 1200 Kilometer langen Gebirgsbogens bloß das Fantasieprodukt eines jüdischen Literaten?
Zumindest waren viele Juden, deren Familien zwei, drei Generationen zuvor noch in finsteren Ghettos und osteuropäischen Schtetls beheimatet waren, entscheidend daran beteiligt, dass die einst rückständigen Alpen zu dem wurden, was sie sind: eine prosperierende Region, in der die Geschäfte mit der Faszination für schroffe Felsen, tief verschneite Hänge und flirrende Eisfelder blühen. Juden gehörten häufig zu jenen Pionieren, welche die Gebirgslandschaft als Hoteliers, Fremdenverkehrsfachleute, Kurärzte, Alpinisten und sportliche Kundschafter erschlossen.
Als Gustav Mahler den Anblick des Höllengebirges wegkomponierte
Sie bevölkerten mondäne Sommerfrischen ebenso begeistert wie Almhütten. Sie brachten die Bekleidung der Gebirgler in die Stadt und machten dort alpine Mode salonfähig. Sie fanden abseits der modernen Welt ihre Zauberberge und Sehnsuchtsorte. Jüdische Großbürger zählten zu den Ersten, die ihre Urlaubsvillen in die unberührte Natur verpflanzten. Jüdische Ethnologen erforschten Brauchtum, beschrieben Sitten und legten volkstümliche Sammlungen an. Jüdische Denker erkundeten Wesen und Werden des lange unzugänglichen Kulturraums. Jüdische Dichter schwelgten im Gebirgsrausch, und mitunter nahm die Begeisterung auch musikalische Form an. Als der Komponist Gustav Mahler sich mit dem Dirigenten Bruno Walter in der Betrachtung des Höllengebirges erging, das schroff vom Ufer des Attersees in Oberösterreich aufsteigt, verblüffte er seinen Assistenten: »Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen – das habe ich schon alles wegkomponiert!«
Wie sehr sich europäische Juden der alpinen Welt verbunden fühlten, ja oft sogar ihre eigene Existenz mit dem Leben im Gebirge identifizierten, ist eine heute überraschende Beziehungsgeschichte, die nur schlecht zu den Stereotypen von urbanen Intellektuellen, Gelehrten und Geschäftsleuten passen will. In seiner Anekdotensammlung aus dem Wien der Zeit zwischen den Weltkriegen, Die Tante Jolesch, erzählt Friedrich Torberg von dem jüdischen Schwergewichtsringer Ernst Weiss, der bei einem Kampf mit einem deutschen Hünen in eine verzweifelte Situation geriet. Als er im eisernen Griff seines Gegners gesteckt habe, erzählte der Samson vom jüdischen Sportklub Hakoah anschließend, sei ihm in den Kopf geschossen: »Ein ordentlicher Jud’ gehört ins Kaffeehaus.« Jene Juden, die der Faszination der Alpen erlagen, wollten das Gegenteil beweisen. Es war eine Frischluftkur, die zu ihrer Assimilation führen sollte.
Häufig waren die jüdischen Bergfreunde nur zufällig mit dem Hochgebirge in Berührung geraten. Es waren meist schicksalshafte Begegungen, die Biografien prägten. Vor allem in Österreich ist die jüdische Alpenbewunderung aber auch die Geschichte einer enttäuschten Liebe. Denn im antisemitischen Klima vor dem Siegeszug der Nazis wurden die jüdischen Gebirgsnovizen als Eindringlinge in eine bodenständige Welt betrachtet, deren Beitrag zu der Entwicklung der Region getilgt und verschwiegen werden sollte – mitunter sogar bis heute.
Der jüdischen Liebe zu den Bergen tat dies keinen Abbruch. Sie war zu einer Wesensart geworden. »Wenn ich vor Gott stehen werde«, wird der Rabbiner Samson Raphael Hirsch, Begründer der modernen Orthodoxie, zitiert, »wird der Ewige mich fragen: Hast du meine Alpen gesehen?«
So nennt sich jetzt auch eine Ausstellung im Jüdischen Museum von Hohenems, die den verschlungenen Spuren dieser komplizierten und vielfach befruchtenden Beziehungsgeschichte nachgeht. Die Idee, dieses Thema aufzugreifen, kam Museumsdirektor Hanno Loewy – wie könnte es anders sein – bei einer Alpenwanderung. Als er vor fünf Jahren mit Freunden im Engadin bergan schnaufte, entdeckte er plötzlich zwischen dem Fleckvieh eine bärtige Gestalt mit Schläfenlocken, die so gar nicht in die Umgebung passen wollte: einen frommen Chassid, der in der traditionellen schwarzen Tracht der Strenggläubigen über die Hochalm streifte. Man kam ins Gespräch, und mit einem Mal wurde Loewy bewusst, wie groß die Zahl orthodoxer Juden ist, die alljährlich zur Sommerfrische die Schweizer Berge aufsuchen und dort jene Infrastruktur vorfinden, die es ihnen erlaubt, ihre Religionsgesetze zu halten.
Allein Davos soll an manchen Wochenenden von 3000 orthodoxen Juden besucht werden. Chassidische Rabbiner, die von ihren Anhängern besonders verehrt werden, halten dort gerne Hof. Am Ortsrand befindet sich auf über 1500 Meter Seehöhe der höchstgelegene jüdische Friedhof der Welt. Er war notwendig geworden, nachdem in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Jüdische Heilanstalt Etania zur Behandlung Tuberkulosekranker in dem Luftkurort eröffnet worden war. Auch drei Bergsteiger aus Wien liegen hier begraben. Sie waren 1923 im Gebiet der Jungfrau abgestürzt, und ihre Leichen wurden nach Davos überführt, wo die Gräber nach Jerusalem ausgerichtet werden konnten.
Davos ist eine Hochburg der Orthodoxen. Längst haben die Supermärkte koschere Abteilungen eingerichtet, in denen die Lebensmittel mit dem Prüfsiegel des Zürcher Oberrabbinats ausgewiesen sind. Einmal wöchentlich kommt ein Bäcker aus Zürich, um die Challah, das traditionelle Sabbat-Brot, zuzubereiten. Viele Jahre diente der Luftschutzbunker unter dem Kongresszentrum von Davos als Synagoge. Vor einem Jahr wurde in ein leer stehendes Hotel umgezogen.
Möglicherweise, überlegte Loewy, gebe es sogar eine besondere Beziehung zwischen Judentum und der Welt der Berge. Tatsächlich spielen Berggipfel in der Überlieferung der jüdischen Religion eine bedeutende Rolle. Sie sind die Schlüsselorte des biblischen Dramas. Der Ararat, auf dem die Arche Noah nach der Sintflut strandete, der Sinai, der Berg der Gesetzgebung, der Morijah, auf dem Abraham seinen Sohn opfern sollte, und der Zion, der heilige Berg des Herrn. In gewisser Weise könnte man in Moses den ersten Bergsteiger sehen, von dem eine Schrift berichtet: ein Soloclimber, der einen steilen Fels erklimmt, um die Gebote zu empfangen. In dieser Geschichte kommt dem Gipfel mythische Bedeutung zu. Es ist der Ort, an dem die folgenreiche Begegnung von Natur und Kultur stattfindet. Die Ebenen, meinte der Kulturphilosoph Villém Flusser, seien die »Orte der Denker und Dichter«, an denen kein Stillstand herrsche; Propheten hingegen, die Erleuchtung suchten, stiegen zu den Gipfeln auf: »Wer nie bergauf gegangen ist, hat nie gelebt.« Vielleicht sei es die verschüttete Erinnerung an die zentralen Szenen ihrer Geschichte, spinnt Hanno Loewy den Faden weiter, der fromme Juden seit Langem in die Alpen locke.
Das erste koschere Berghotel wurde bereits 1886 in St. Moritz eröffnet, als der Ort noch nicht an die Räthische Bahn angeschlossen war, und es heißt so, wie eine anständige Alpenherberge heißen muss: Edelweiß. Heute wird es in vierter Generation von der Gründerfamilie betrieben. Leopold Bermann, der bereits in Meran, einem frühen Zentrum jüdischer Alpenreisender, ein Hotel für die gläubige Klientel betrieb, war von den Rothschilds eingeladen worden, den Bankier und seine Gäste während ihres Urlaubs mit koscherer Küche zu betreuen. Der Hotelier blieb. Sein Haus entwickelte sich schnell zu einem bevorzugten Urlaubsziel frommer Familien und erwarb sich den Ruf, ein florierender Heiratsmarkt für traditionsbewusste Juden zu sein. Die Bermanns, erinnern sich Stammgäste, seien »die größten Schadchen (Heiratsvermittler, Anm. d. Red.) von der Welt« gewesen.
Das Zusammenleben mit der eingesessenen Bevölkerung lief aber auch in der Schweiz nicht immer konfliktfrei ab. Der Enkel des Edelweiß-Gründers erzählt, in seiner Kindheit sei er im Dorf, der einzige Judenbub weit und breit, angespuckt und angepöbelt worden. Im Hotel Waldhaus in Vulpera/Schuls hatte die Direktion eine (heute verschwundene) Kartei angelegt, in der sie ihre Kundschaft bewertete. Bei Jakob Levy aus Breslau stand zu lesen: »Könnte gut mehr zahlen.« Über Carl Nathan, Berlin, war vermerkt: »Jude, aber erträglich.« Als eine jüdische Zeitschrift 1951 im Hotel Bellavista in Flims um ein Inserat anfragte, entgegnete Direktor Russenberger: »Unser Bedarf an jüdischen Gästen ist bereits gesättigt, sodass ich bei bestem Willen keinen Juden mehr fressen könnte.« 1984 ergründete eine Studie das Image der Juden in Schweizer Kurorten. Das Resultat war ernüchternd. Die »harmloseste Aussage« der Bürger von Arosa, Davos und St. Moritz, berichtete die Aroser Zeitung, habe noch gelautet, Juden wären »nicht als Personen schlecht, aber ihre Art passt nicht hierher«. Andere glaubten, sie seien dem Tourismus abträglich: »In so ein Judenkaff geht doch niemand.« Chassidim würden wegen ihrer schwarzen Kleidung verächtlich »Lärchenwickler« genannt – »notabene ein Schädling«, bemerkt die Zeitung.
Während die Schweizer Alpenbewohner mit Juden hauptsächlich in der Gestalt von Gästen ihrer aufblühenden Fremdenverkehrsindustrie Bekanntschaft machten, wurden sie in den österreichischen Bergregionen rasch zu neuen Nachbarn, die neugierig die exotische Welt erkundeten. Vor allem aus der kaiserlichen Residenzstadt Wien schwärmte die Jahrhundertgesellschaft in die oft nahe gelegenen Gebirgsorte aus, als hätte sie ein geheimnisvoller Bazillus ergriffen. In Tvishn berg, der wohl einzigen jiddischsprachigen Gebirgserzählung, schwärmte der Schriftsteller Hersh David Nomberg über den Anblick der Felsengipfel: »Ein Teil von ihnen sah furchteinflößend aus; andere waren in weichen, zarten Formen hingegossen wie eine schöne Frauenbrust. Und das alles strahlte und funkelte, schneebedeckt und lichtüberflossen.«
Großbürger, Künstler, Schriftsteller eroberten nun die Wiener Hausberge Rax und Schneeberg, sie verwandelten die Mittelgebirgslandschaft des Semmering in ein mondänes Alpenparadies auf halber Höhe. Sie ließen sich im Salzkammergut nieder, das sich aus bettelarmer, gottverlassener Abgeschlossenheit in eine Sommerfrische-Idylle entwickelte. Theodor Herzl war dort auf einem frühen Mountainbike, einer Halbrennmaschine vom Typ Opel Victoria Blitz, anzutreffen und empfand den Radfahrer als einen Boten der neuen Zeit. Bis heute hat sich das Sportgerät in einem Depot der Altausser Feuerwehr erhalten.
Im Salzkammergut hatte sich auch der Sohn des größten Textilfabrikanten der Monarchie, Konrad Mautner, niedergelassen. Er erforschte systematisch das lokale Brauchtum, dokumentierte Volkslieder und trug eine wertvolle Trachten- und Gebrauchsgutsammlung zusammen. Er ging vollkommen in der Bevölkerung rund um den Grundlsee auf. »Er sprach ihre Mundart«, erinnerte sich ein Freund, »er trug ihre Tracht, er jagerte, fischte, er sang und jugizte, tanzte, paschte, liebte, rauchte und arbeitete mit ihnen und wie sie.«
Die Erinnerung an die Berge half, die Schrecken von Auschwitz zu ertragen
Auch die Alpensportarten Bergsteigen und Skifahren fanden schnell begeisterte jüdische Anhänger. Der Bierbrauer Moritz von Kuffner machte sich mit Erstbesteigungen einen Namen; der Kuffner-Grat im Montblanc-Massiv trägt seinen Namen. Der Pflanzenphysiologe Paul Preuss, Sohn eines Klavierlehrers, stand um 1910 sogar im Ruf, der beste Bergsteiger seiner Zeit zu sein. Er war ein Pionier des Freeclimbing, der einen »Mauerhakenstreit« auslöste, in dem er vehement den Gebrauch »künstlicher Hilfsmittel« als unsportlich ablehnte. Der Kletterkönig, den etwa Reinhold Messner als Vorbild verehrt, wurde ein Opfer seiner Überzeugung. Vermutlich hätte ein Haken verhindert, dass er 1913 am Mandlkogel in den Ausseer Bergen aus der Wand stürzte.
Sein Leben glaubte hingegen Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, den Bergsteigertugenden zu verdanken, nachdem er nach Auschwitz deportiert worden war. Beim Klettern habe er überlebensnotwenige »Frustrationstoleranz« gelernt: »Die Erinnerung, wie sich Fels anfühlt, war einer der Beweggründe, die Schrecken des KZs zu überstehen.«
Mit einem Schlag hatten Antisemiten und Nationalsozialismus die schwärmerische Hingabe der Juden an die alpine Welt abgewürgt. In Alpenverein, Skiverband oder Trachtenverein regierte der Arierparagraf. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde von den Nazis verschleppt. Selbst der Ingenieur Rudolf Gomperz, Sohn eines Wiener Archäologen, dem St. Anton am Arlberg seinen Aufstieg zu einem europäischen Wintersportzentrum verdankte, wurde in dem weißrussischen Lager Maly Trostinec ermordet.
Jenen, die entkommen konnten, blieb zumeist nur die wehmütige Erinnerung an ihre geliebten Berge. In den Schweizer Alpenhotels genossen keine Urlauber mehr das Gebirgspanorama, sondern bangten Flüchtlinge um ihr Leben. In Kalifornien kleidete Friedrich Torberg seine Sehnsucht nach Altaussee in bittere Verse. Im fernen Haifa saß der zusehends vereinsamte Schriftsteller Arnold Zweig und grübelte am Fuß des Berges Karmel über die Dialektik der Alpen. »Im Groben und Abgekürzten«, erkannte er, ergebe die Geschichte der Alpen auch jene Europas. »Das heißt, unserer Gesittung.«
Eines Tages vor über fünfzig Jahren erhielt der Wiener Schrifsteller Robert Menasse Post von einer Tante, die nach Tel Aviv emigriert war. In dem Päckchen befand sich eine rote Kinderkippa, wie sie brave Jungen in der Synagoge tragen. Das Geschenk war mit besonderen Symbolen bestickt: mit Almrausch, Enzian und Edelweiß.
Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte«; Jüdisches Museum Hohenems, Vorarlberg, 28. April bis 4. Oktober (anschließend auch in Wien und in München); Katalogbuch herausgegeben von Hanno Loewy und Gerhard Milchram; Bucher Verlag; 450 S., 29,80 Euro
- Datum 22.04.2009 - 14:09 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18
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