Porträt Masse und Macht
Beamtenboss Fritz Neugebauer stürzte sich für die Lehrer in sein letztes Gefecht. Und siegte wie immer
Fritz Neugebauer hat triumphiert. Wieder einmal. Zufrieden lehnt sich der 64-jährige Gewerkschaftsboss in seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme vor dem wuchtigen Oberkörper. Das ist seine Pose: das Bollwerk. »Da konnte keine Gewerkschaft der Welt zustimmen«, rechtfertigt er die Unnachgiebigkeit, mit der er neuerlich jeden Ruf nach Veränderung hat abprallen lassen.
Diesmal war es der Plan von Unterrichtsministerin Claudia Schmied, die Unterrichtsverpflichtung der Lehrer um zwei Wochenstunden anzuheben. Geboren aus Budgetnot, gescheitert an einem Mann, dem es regelmäßig gelingt, Reformer in einem Verhandlungsmarathon zu zermürben. 14 Stunden lang hatten am Montag Ministerin und Regierungsspitze bis spät in die Nacht um einen Kompromiss gerungen. Erwartungsgemäß verließen die Lehrervertreter als satte Sieger das Unterrichtsministerium. Vergeblich versucht nun die Ressortchefin die Pleite wegzulächeln.
Fritz Neugebauer versagt sich hingegen eine allzu erfreute Miene. Er streicht sich lediglich gut gelaunt über den Bauch. Er hat die Fäden gezogen, hat die Phalanx der Neinsager in Stellung gebracht, ihren Einsatz orchestriert, da und dort zum geeigneten Zeitpunkt seinen Einfluss geltend gemacht. Mit dem für die Pädagogen komfortablen Ergebnis bewies er neuerlich, wozu er als Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) fähig ist. Mitunter genügt ein einziger Fernsehauftritt, um eine Reform abzuwürgen. Missmutig brummelt er einfach »Nein«. Dann ist der Plan vom Tisch.
Das ist sein Rollenbild. Wie ein vorzeitlicher Dickhäuter stapft er seit über 30 Jahren durch das politische Unterholz. Der ÖVP-Mann ist noch ein Interessensvertreter alten Schlages, kein anderer verteidigt die Privilegien seiner Klientel derart hartnäckig wie Neugebauer. Gleichgültig, ob als Obmann der schwarzen Arbeiter- und Angestelltenbundes ÖAAB oder als GÖD-Chef, einerlei, ob Beamtenrecht, Gesundheitsreform oder Bildungspolitik. Wenn Personaleinsparungen drohen, Budgetkürzungen anstehen oder die Beamtenschaft um ihre Vorrechte zittert, dann hat Neugebauer seinen Auftritt. Massig geht er in der Öffentlichkeit in Stellung, beinahe persönlich beleidigt beklagt er den Affront des Veränderns und zertrampelt entschlossen die Argumente der Widersacher. Ein Mann, ein Prellbock. »Solange er sich nicht bewegt, passiert gar nichts«, meint der Politikwissenschafter Ferdinand Karlhofer.
Neugebauers erfolgreichste Waffe ist sein Sitzfleisch
Vor allem wenn er für seine Leute, die Lehrerschaft, in einen Abwehrkampf zieht, zeigt sich Neugebauer besonders unbeweglich. Geradezu sentimental spricht der bärbeißige Funktionär über die Kollegen von einst. »Mir tut es weh, wenn jemand Lehrer angreift und sie niedermacht, ohne zu wissen, welche Belastung der Beruf ist«, sagt er und stemmt die Füße trotzig in den Teppich seines Parlamentsbüros.
Er selbst hat 30 Jahre lang Hauptschüler in Deutsch, Geschichte und Geografie unterrichtet. Fotos aus dieser Zeit, die er ins Internet gestellt hat, zeigen einen anderen Fritz Neugebauer, einen Kumpeltypen, der leger in Schlaghosen und Jeansjacke in einem Gesprächskreis debattiert oder auf einem Skikurs die Gitarre zupft. Kein bisschen lassen diese Bilder den später gefürchteten Beamtengewerkschafter erahnen. Vor zwölf Jahren stand Neugebauer zuletzt vor einer Klasse, in der Hauptschule Pöchlarnstraße in der Wiener Brigittenau.
Den Habitus eines Lehrers hat Neugebauer aber bis heute nicht abgelegt. Bewusst, sagt er, umgebe er sich mit jungen Mitarbeitern, um ihnen seine Erfahrungen weiterzugeben. »So gesehen gebe ich noch immer jeden Tag Unterricht«, schmunzelt er. Zweifellos ist der Lehrmeister die Paraderolle eines Mannes, der es in der österreichischen Politik aus dem Nichts weit nach oben gebracht hat. Mit seinem Bruder und seinen Eltern wuchs er in einem Arbeiterbezirk, der Brigittenau der Nachkriegszeit, auf. Die Mutter war Näherin, sein Vater Beamter in der Verwaltungsstelle der Bahn. Gewählt wurde in dem tief katholischen Hause stets bürgerlich. Um den beiden Söhnen ein Studium zu ermöglichen, machte die Mutter Überstunden in einer Krankenversicherung. »Es ist bei uns immer gearbeitet worden, außer am Sonntag, der war heilig«, erzählt der dankbare Sohn. So ist es bis heute. Jeden Sonntag pilgern die Neugebauers in die Kirche. Ein fester Glaube, und sei es nur der an sich selbst, sollte das tragfähiges Fundament für eine politische Karriere werden.
Mitte der sechziger Jahre trat Neugebauer der Gewerkschaft bei. Während seine Freunde auf der Straße gegen das Establishment demonstrierten, wurde der frischgebackene Hauptschullehrer Teil des Systems. Seine erste Nagelprobe war der Fall eines Lehrers, dem die Entlassung drohte. Was der Junggewerkschafter zu verhindern wusste. Schon damals benutzte er erfolgreich seine Doppelstrategie: einerseits Konfrontationskurs, anderseits verschwiegen an den entscheidenden Rädern drehen.
Beharrlich diente sich Neugebauer fortan Posten um Posten hoch, bis er schließlich als Vize im Präsidium des sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaftsbundes landete. Ein wenig saß er dort wie ein Stachel im Fleisch der Genossen. Seine Frau, mit der er seit 40 Jahre verheiratet ist, und seine beiden Söhne sahen den umtriebigen Multifunktionär kaum noch. Mit der Zahl der Ämter wuchs auch der Ruf, der Neugebauer bis heute vorauseilt: der des Verhinderers, der im Zweifelsfall sein Sitzfleisch als erfolgreichste Waffe einzusetzen weiß. »Sozialpartnerschaft heißt sich niedersetzen und so lange reden, bis weißer Rauch aufsteigt«, doziert der Routinier.
»Die Rolle des Unsympathlers ist sein Markenzeichen«
»Er ist strategisch und taktisch sehr gut und schert sich nicht um die öffentliche Meinung«, beschreibt Erhard Busek seinen alten Kontrahenten. »Dabei rührt er sich oft nicht von der Stelle.« Als Unterrichtsminister und Vizekanzler hatte sich Busek legendäre Auseinandersetzungen mit dem Gewerkschafter geliefert. Bis heute leidet das Verhältnis der beiden ÖVP-Politiker unter diesen Scharmützeln. Damals wollte Busek eine Schulstunde von 50 auf 45 Minuten verkürzen, um Personalkosten zu sparen. Er scheiterte kläglich. »Neugebauer hat mich voll ausgebremst«, erinnert sich Busek. Es klingt fast anerkennend. Claudia Schmied hätte sich diese alte Geschichte zu Herzen nehmen sollen. Nicht einmal dem eigenen Parteichef war es gelungen, den störrischen Interessenvertreter zur Räson zu bringen.
Nur einmal erlitt auch Neugebauer selbst eine Niederlage. 2007 wurde der ehemalige ÖGB-Vizepräsident aus dem Vorstand der Arbeitnehmervertreter gewählt. Ein Novum in der Geschichte des ÖGB und eine Revanche dafür, dass er als Gewerkschafter zwar gegen die umstrittenen Pensionsreformpläne der schwarz-blauen Regierung gewettert hatte, als braver Parteisoldat aber im Nationalrat zustimmte.
»Mit Glacéhandschuhen wird man in der Politik nicht angefasst«, resümiert Neugebauer und zuckt mit den Schultern. Politische Ränkespiele sind nicht seine Sache. »Er entspricht eher dem Typus des Kanalarbeiters«, konstatiert Erhard Busek. Neugebauer besitzt ein ausgeprägtes Sensorium für die Stammklientel der ÖVP. Jahrzehntelang ist es ihm gelungen, Beamten bei der Parteifahne zu halten. Für die erste Liga reichte diese Leistung dennoch nie. Der polternde Beamtenboss wäre den Wählern wohl nur schwer als dynamische Zukunftshoffnung zu verkaufen gewesen. Sein Image als »Betonschädel« nimmt er indes gelassen: »Beton verwenden wir, um ein Fundament zu gießen.«
»Die Rolle des Unsympathlers in der Öffentlichkeit ist ja auch sein Markenzeichen«, sagt Beamtenstaatssekretär Andreas Schieder von der SPÖ, »aber er ist umgänglicher, als man denkt. Er steht sicher nicht als Erster auf, weder am Verhandlungstisch noch im Kaffeehaus.« Schieder hat aber auch den Verhinderungskünstler am eigenen Leib erlebt: Im Sommer vergangenen Jahres musste er im Konflikt um die Beamtentarifverträge eine klare Niederlage einstecken.
»In der Öffentlichkeit wirkt er wie ein Bulldozer«, sagt Werner Amon, Generalsekretär der GÖD und ÖVP-Bildungssprecher, »dabei ist er ein sensibler, leichtfüßiger und gescheiter Mensch.« Dennoch wirkt es ein wenig unbeholfen, wenn Neugebauer versucht, hinter seinem dicken Fell ein bisschen Bildungsbürgerliches durchschimmern zu lassen. Da zitiert er Goethe in beiläufiger Parenthese oder plaudert so nebenbei über seine Vorfreude auf den Rigoletto im St. Margarethener Römersteinbruch. Auch spiele er daheim gerne Klavier, erzählt er. Seine zweite Leidenschaft, das Motorradfahren, passt hingegen schon besser zum Bild des grob geschnitzten Beamten-Sheriffs.
Der Sieg im Lehrerstreit wird wohl einer der letzten Triumphe des Beamtengewerkschafters sein. »Neugebauer ist ein Auslaufmodell«, meint Politologe Karlhofer. »Das Image des Multifunktionärs ist in der Öffentlichkeit nicht mehr tragbar.« Der Abschied auf Raten ist schon eingeleitet, und seine Partei hat ihn bereits in das Amt des Zweiten Nationalratspräsidenten weggelobt – in der ÖVP traditionell ein letzter Ehrenposten vor dem politischen Ausgedinge.
Der Gewerkschaftsbulldozer wandert langsam ins Museum. Kurz vor Ladenschluss erlebte er nun noch eine Premiere. Bei den Verhandlungen um das Parlamentsbudget saß der Nationalratspräsident auf der anderen Seite des Tisches. Erstmals musste er offensiv einen Forderungskatalog vertreten. Ganz ohne Betonmischmaschine.
- Datum 22.04.2009 - 14:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18
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