Mein Gott, wie interaktiv. Kaum hat man die Seite aufgerufen und sich entspannt zurückgelehnt, da will die Silhouette auf dem Bildschirm auch schon was von einem. Bitte bringen Sie den Stimmungsregulator in die Ihrer Gefühlslage entsprechende Position zwischen warm und kalt. Bitte drehen Sie die Lautsprecher bis zum Anschlag auf. Jetzt mit dem Cursor auf das Eingabefeld am unteren Bildrand gehen. Tippen Sie, während der Song munter losrappelt, ins Kästchen, was Ihnen beim Hören so durch den Kopf schießt. Fertig ist Ihr »persönliches lyrisches Porträt« des Stars.

Wir befinden uns nicht etwa beim Gehirnjogging mit Dr. Kawashima, sondern auf Bob Dylans Homepage, wo diverse Killerapplikationen unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es gibt Buttons und Kommentarspalten, man kann chatten und neuerdings sogar twittern. Quasi als Bonus fürs kreative Brainstormen lässt sich Beyond Here Lies Nothing, das erste Stück der neuen CD, kostenlos herunterladen, aber Beeilung: Das Angebot gilt nur 24 Stunden! Während der Download läuft, lesen Sie im Exklusivinterview, was der Künstler über amerikanische Präsidenten, Elvis und Mystik zu sagen hat. Auch danach: Bloß nicht abschalten! Posten Sie Ihr »persönliches lyrisches Porträt« auf der Galerie, damit alle was davon haben. Dylan zum Mitmachen – so kannten wir den Alten noch gar nicht.

Together Through Life heißt sein jüngstes Album, als wäre er schon immer ein Typ zum Pferdestehlen gewesen. So klingt auch die Musik, ein bei aller Melancholie heiteres Rumpeln und Rattern zu bewährten Akkorden. Dylan hat sie in einem Rutsch mit seiner Tourband eingespielt und weitgehend so belassen, was der Spontaneität hörbar guttut. Neu ist das Akkordeon, das David Hidalgo von Los Lobos mit viel Verve spielt: die gute alte Quetschkommode als Partyknüller. »I got a restless feeling in my brain«, heißt es an einer Stelle, »the way I leave here will be the same way I came« – diesen Mann sticht noch immer der Hafer. Einmal, am Ende der Bluesklage My Wife’s Hometown, hört man ihn gar dreckig lachen, als wollte er sagen: Leute, machen wir uns nichts vor, wir befinden uns längst im freien Fall, aber lustig geht die Welt zugrunde. Das alles mag altgediente Dylanologen verwirren, doch die Eingeweihten stehen hier ausnahmsweise nicht im Mittelpunkt.

Dylans 33. Studioalbum ist eine Offerte an die Generation der Hacker, Klicker und Computerspieler. Um sie zum Mitfahren zu bewegen auf dem blues train, auf dem der Sänger seit nunmehr fünf Jahrzehnten unterwegs ist, hat er noch einmal sämtliche Verheißungen seiner Musik aufgeboten: die Sehnsucht nach dem amerikanischen Süden, die Westernatmosphären seiner mittleren Jahre, die Texmex-Klänge von jenseits der Grenze. Natürlich hat man die Songs alle schon einmal gehört, nicht zuletzt von Dylan selbst: In Beyond Here Lies Nothing steckt Things Have Changed, Forgetful Heart zitiert Rollin’ And Tumblin’ vom Vorgängeralbum Modern Times, und This Dream Of You könnte mit seiner getragenen Stimmung vom Kollegen und Konkurrenten Ry Cooder stammen.

Je vielfältiger seine Rollen werden, desto ungreifbarer wird der wahre Dylan

Mit 67 Jahren kultiviert Dylan das Image des coolen Alten © David Gahr